Susanne Beyer & Susanne Weingarten über das neue Magazin: "'Spiegel Classic' läuft nicht in der Kategorie Versuch"

 

Kommende Woche erscheint die erste Ausgabe von "Spiegel Classic". Erstmals wendet sich der Spiegel Verlag mit einem eigenen Produkt an die Zielgruppe der Ruheständler. Ein Unterfangen, an dem andere Verlage bereits gescheitert sind. Im Gespräch mit kress.de stellen Redaktionsleiterin Susanne Weingarten und die stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteurin Susanne Beyer das Konzept vor, mit dem sie die "Best Ager" überzeugen wollen.

Publikumszeitschriften für Ältere - daran haben sich schon viele die Finger verbrannt. Etwa Gruner + Jahr, deren Magazin "Viva!" das Jahr 2015 nicht überlebt hat. "Donna" aus dem Hause Burda schwächelt so sehr, dass vor einem halben Jahr die Redaktion ausgelagert wurde. Doch die kaufkräftige und lesefreudige Zielgruppe der "Best Ager" ist nach wie vor verlockend. Nun traut sich der Spiegel Verlag in das schwierige Segment: "Spiegel Classic" erscheint erstmals am 21. März. Und es wird kein Schnellschuss.

132 Seiten Umfang, eine Druckauflage von 165.000 Stück, 4,90 Euro Copypreis und zum Start eine Werbekampagne - all das spricht für ein ambitioniertes Projekt. "'Spiegel Classic' läuft nicht in der Kategorie Versuch", unterstreicht die stellvertretende "Spiegel"-Chefredakteurin Susanne Beyer im kress.de-Gespräch, "sondern wir haben große Erwartungen in unser neues Produkt".

Redaktionsleiterin ist Susanne Weingarten. Die stellvertretende Leiterin des Ressorts Sonderthemen hat Erfahrung mit "Spiegel"-Ablegern. Sie ist auch für Magazine wie "Spiegel Wissen", "Spiegel Geschichte" und "Spiegel Biografie" mit verantwortlich. Über "Spiegel Classic" sagt sie: "Wir haben ein wirklich neues Produkt entwickelt." Denn diese Zeitschrift definiere sich nicht über Themen, sondern über eine Lebensphase. "Wir sprechen Menschen an, die sich mit dem Ruhestand und den damit verbundenen neuen Möglichkeiten beschäftigen - egal ob sie schon Ruheständler sind oder sich nur mit diesem neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen", so Weingarten.

Inhaltlich könnte der Bogen, den das Magazin "für Menschen mit Erfahrung und Entdeckergeist" schlägt, kaum größer sein. Er reicht von Geldanlagetipps und Lobbyisten-Porträts über Sinnsuche in Namibia bis zur Promi-Interviewreihe "Mein erster Schwarm". Um diesen Spagat zu bewältigen, ist "Spiegel Classic" klar gegliedert: Vorne gibt es Analysen und Hintergründe aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, hinten weiche, nutzwertige Themen rund um Freizeit und Unterhaltung.

Im vorderen Teil der ersten Ausgabe porträtiert die Redaktion etwa einen Wirtschaftsführer, beleuchtet die Lage in Syrien und diskutiert die Möglichkeiten der Elektromobilität. Alles Themen, die auch im Spiegel vorkommen und hauptsächlich von Kollegen etwa aus dem Auslandsressort oder dem Berliner Büro beigesteuert werden.

Mit dem hinteren Teil betritt der Verlag Neuland: In der Debüt-Ausgabe geht es etwa um Tipps für Gedächtnistraining, um Mehrgenerationenwohnen und um prächtig angelegte Frühlingsgärten. Susanne Weingarten erschließt dieses für den Spiegel ungewohnte Terrain auch mit Hilfe freier Autoren. Denn: "Wenn es etwa um Gärten oder kulinarische Themen geht, haben wir allenfalls Liebhaber im Haus, aber keine Fachjournalisten."

Das dritte Element, ein zeitgeschichtliches Dossier, soll beide Teile miteinander verbinden. Es besteht aus Nachdrucken älterer "Spiegel-Texte". Im ersten Heft beleuchten fünf Stücke aus der Zeit seit 1969 die Mondlandung. Denkbar für weitere Ausgaben seien wichtige historische Ereignisse wie der Mauerbau oder die Kubakrise, umreißt Weingarten das Spektrum.

Mit dem Erscheinungsbild, gestaltet von Cheflayouter Jens Kuppi, wollen Weingarten und ihr Team sich bewusst vom "Spiegel" absetzen. Die Optik wirkt großzügiger, es gibt mehr Bilder. Die Texte laufen zweispaltig, mit größerem Durchschuss und größerer Schrift als beim Haupttitel. "Das ist tatsächlich unserer Zielgruppe geschuldet", sagt die Redaktionsleiterin, die zugleich darauf Wert legt, "kein Heft über das Altsein" zu machen.

Zum geplanten Rhythmus von "Spiegel Classic" möchte Susanne Weingarten, die das Magazin seit dem vergangenen Sommer entwickelt hat, nur so viel sagen: "Wenn es erfolgreich ist, wird es in Zukunft regelmäßig erscheinen." Auch wenn sich die Verantwortlichen noch bedeckt halten, ist wohl mit einem zwei- bis dreimonatlichen Erscheinen zu rechnen - vorausgesetzt die Nachfrage stimmt. Auch was die Anzeigenlage angeht, halten sich Weingarten und Beyer mit konkreten Aussagen zurück. Sie bezeichnen sie lediglich als "erfreulich".

Dabei sieht Weingarten auf dem Markt kaum Wettbewerber für "Spiegel Classic". Es gebe höchstens Überschneidungen mit "Brigitte Wir", dem vor eineinhalb Jahren von Gruner+Jahr gestarteten "Brigitte"-Ableger für Frauen ab 60. "Aber wir sind deutlich härter, politischer, näher am Zeitgeschehen." Genauso wie der "Spiegel" selbst. Doch Weingarten hegt keine Bedenken, dem eigenen Magazin zu nahe zu kommen: "'Der Spiegel' ist ein aktuelles Nachrichtenmagazin für Leser jeden Alters. Wir hingegen sprechen eine klar definierte Altersgruppe an. Die beiden Titel unterscheiden sich sehr deutlich."

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