Der Abenteuerreporter der "NZZ am Sonntag": Warum Christoph Zürcher die Leidenschaft im Journalismus vermisst

14.03.2017
 

"Es werden ja am Laufmeter Konzepte geschrieben, wie die Zukunft des Journalismus aussehen soll. Mit Konzepten aber wird man den Journalismus nicht retten. Nur mit Journalisten, die berühren, weil sie ihre Arbeit mit Herzblut machen", sagt Christoph Zürcher, Ressortleiter Gesellschaft der "NZZ am Sonntag". Zürcher gilt als einer der letzten Abenteuerreporter. Für ihn ist der Journalismus wie der Eintritt in ein Kloster, "ein Abschied vom gewöhnlichen Leben".

Im Interview mit dem "Schweizer Journalist" spricht Christoph Zürcher auch über Adrenalin bei der Arbeit, seinen größten Einflussgeber und er verrät, was für ihn das Schlimmste in seinem Beruf ist.

"Schweizer Journalist": Als vergangenen Herbst die Grossoffensive gegen den IS begann, flogen Sie sofort nach Mosul und riskierten dort, erschossen zu werden. Warum machen Sie so was?

Christoph Zürcher: Ich sehe das rein journalistisch. Krieg ist das maximale Drama, es geht um Leben und Tod. Darum war ich mir sicher, dass ich aus Mosul mit einer spannenden Geschichte zurückkehren würde. Natürlich wollte ich auch informieren und die Leser am Kampf gegen den IS teilhaben lassen. Aber in erster Linie wollte ich eine interessante, emotionale Geschichte erzählen. Nennen Sie mich ruhig einen Boulevardjournalisten.

"Schweizer Journalist": Und dafür riskieren Sie Ihr Leben?

Christoph Zürcher: Es ist mein Leben, ich darf damit machen, was ich will. Grundsätzlich sehe ich das Ganze aber weniger dramatisch. In einem Krieg - selbst an der Front - passiert ja oft sehr lang nichts, dann ist während fünf Minuten die Hölle los, und danach langweilt man sich wieder.

"Schweizer Journalist": Zwei Irak-Reportagen in weniger als zwei Jahren: Sind Sie ein War-Junkie?

Christoph Zürcher: Ein Adrenalin-Junkie vielleicht. Wenn es gefährlich wird, fühle ich mich lebendiger. Grundsätzlich aber ist es doch einfach so, dass ich Journalist bin. Und als Journalist ist es mein Job, dorthin zu gehen, wo gerade etwas Wichtiges passiert. Gefahr hin oder her.

"Schweizer Journalist":  Ihr Stil erinnert an "Tempo".

Christoph Zürcher: "Tempo" würde ich nicht als meinen grössten Einfluss bezeichnen. Ein Niklaus Meienberg war für mich viel bedeutender. Seine Leidenschaftlichkeit habe ich sehr geschätzt und vermisse sie im heutigen Journalismus. Diese Art Radikalität ist irgendwie verloren gegangen. Journalismus ist ein Job wie jeder andere geworden, den man erlernt und dann einfach nach Schema F praktiziert. Eine Art Informationsservice. Aber in Wahrheit geht es doch überhaupt nicht darum, ob man weiß, wie man eine Reportage, ein Porträt oder einen Kommentar schreibt. Es geht um eine eigene Perspektive und darum, dass man für immer und ewig auf Distanz geht. Zu allem und zu allen.

"Schweizer Journalist":  Der Journalist als einsamer Wolf?

Christoph Zürcher: Es ist tatsächlich so, dass ich für einen Journalisten, der nicht ein wenig vereinsamt ist, nur schwer Respekt haben kann. Journalismus ist für mich in erster Linie eine Haltung. Und die ist: Ich gehöre zu niemandem. Man muss sich immer fragen: Ist das wirklich wahr, was alle schreiben? Ist das wirklich eine interessante Geschichte? Alles andere ist graduell PR. Man schreibt für Interessengruppen. Das ist für mich das Schlimmste.

"Schweizer Journalist": Journalismus als Lebensform?

Christoph Zürcher: Warum nicht? Dieser Beruf ist wie der Eintritt in ein Kloster, ein Abschied vom gewöhnlichen Leben. Im Grunde müsste man von Journalisten eine Art Gelübde verlangen. Für reinen, heiligen Journalismus.

"Schweizer Journalist":  Klingt nach Project R. Das Medien-Startup will dem Journalismus seinen Platz in der Demokratie zurückgeben und wird dafür wohl auf Werbung verzichten.

Christoph Zürcher: Die Radikalität und Konsequenz dieser Vision finde ich auf jeden Fall gut. Journalismus ist ja wirklich eine ziemlich leidenschaftslose Angelegenheit geworden. Ich stelle ein allgemeines Ermatten fest. Das war vor 20 Jahren noch anders.

"Schweizer Journalist":  Da verdiente man mit Journalismus aber auch noch Geld.

Christoph Zürcher: Das ist schon richtig. Trotzdem muss man deswegen nicht so pragmatisch und nüchtern werden wie heute. Es werden ja am Laufmeter Konzepte geschrieben, wie die Zukunft des Journalismus aussehen soll. Mit Konzepten aber wird man den Journalismus nicht retten. Nur mit Journalisten, die berühren, weil sie ihre Arbeit mit Herzblut machen.

kress.de-Tipp: Die Fragen und Antworten sind ein Auszug aus einem Interview im aktuellen "Schweizer Journalist" (Ausgabe 2-3/2017), das Dominik Imseng (Werber und Journalist in Zürich) mit Christoph Zürcher geführt hat. Den "Schweizer Journalist" gibt es im Newsroom-Shop, oder auch digital - als E-Paper im iKiosk.

Hintergrund: Der "Schweizer Journalist" (Chefredakteur: Kurt W. Zimmermann, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

 

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