"Schweizer Familie", "WoZ", "Freiburger Nachrichten": Wie die drei Printtitel ohne teure Digitalprojekte erfolgreich sind

16.03.2017
 

"Schweizer Familie", "Wochenzeitung" und "Freiburger Nachrichten" (Direktor Gilbert Bühler, Foto)  sind die drei erfolgreichsten Printtitel der Schweiz. Sie verlieren keine Leser, die Auflagen sind stabil. Alle drei - und das kann kein Zufall sein - investieren nicht ins Internet, sondern in den gedruckten Titel.

Diese Widerstandsfähigkeit gedruckter Zeitungen hat Iris Chyi, Professorin für Neue Medien an der University of Austin, untersucht. Sie hat unter anderem die Leserdaten der 51 größten US-Zeitungen analysiert und festgestellt: Die angeblich sterbenden Printausgaben sind ihren angeblich hoffnungsvollen digitalen Gegenstücken noch immer in fast jeder Hinsicht überlegen. Sie sind überlegen in Bezug auf Leserschaft, Engagement, Werbeeinnahmen oder die Bereitschaft, für das Produkt zu zahlen. Die Forschung von Professorin Chyi zeigt auch, dass unter den 18- bis 24-jährigen US-Lesern doppelt so viele die Printausgabe eines bestimmten Titels dem digitalen Angebot vorzogen. Sie findet daher, dass Verleger besser daran täten, in die - immer noch - profitablen Zeitungen und damit ihren unverwechselbaren Inhalt zu investieren, als in teure Digitalisierungsprojekte, welche gleichzeitig die redaktionelle Leistung und damit Inhalt und Identität schwächen.

Eine Umfrage des "Schweizer Journalist" (Ausgabe 02-03/2017) bei drei der erfolgreichsten Printmarken der vergangenen zehn Jahre in der Schweiz zeigt: Sie haben ziemlich genau dies getan. Sie hatten Erfolg mit einer Fokussierung auf den Printauftritt. "Wir haben im Verhältnis zu anderen sehr wenig in unseren Webauftritt investiert", sagt beispielsweise Daniel Dunkel, Chefredakteur der "Schweizer Familie". Die Website der Zeitschrift dient in erster Linie als Marketing-Instrument, welches das eigentliche Produkt bewirbt und den Kontakt zur  Leserschaft online pflegt. Dunkel und sein Team konnte bislang keinen zwingenden Grund ausmachen, die "Schweizer Familie" für Bildschirme aufzubereiten. Die Leserschaft, über 95 Prozent Abokunden, sei sehr Print-orientiert. Zwar verfügt die Zeitschrift über ein E-Paper-Angebot. "Das ist aber nicht sehr gefragt. Die Leute haben nicht darauf gewartet", so Dunkel.

Er sieht den Grund des anhaltenden Erfolgs der "Schweizer Familie", welche in den vergangenen Jahren nur marginal an Leserschaft verloren hat, in ihrem Charakter als gedruckte Zeitschrift begründet. "Je mehr die Digitalisierung fortschreitet, desto exklusiver wird Print." Die breite Bevölkerung schätze das Lesen auf Papier, das gedruckte Bild, die sorgfältig gestaltete Grafik eben nach wie vor. "Man kann Inhalte ausschneiden oder das Heft weitergeben." Bei der "Schweizer Familie" ist man dennoch gerade daran, den Webauftritt zu erneuern. "Aufgrund der Performance der Zeitschrift wäre das nicht nötig", so Dunkel. Er spürt keinen Druck der Leserschaft und wird daher auch nicht einfach den Print-Inhalt online spiegeln, sondern vielmehr eine Service-Plattform mit Rezepten und Ausflugstipps aufbauen, welche einen Zusatznutzen für Abonnenten bieten und eine neue, digital affine Leserschaft anziehen soll. 

Ähnlich selbstbewusst ist die "WoZ" aufgetreten. Die linke Wochenzeitschrift hat in den vergangenen zehn Jahren sowohl Reichweite wie auch Auflage gesteigert. "Unsere Website ist - ganz altmodisch - die Visitenkarte der 'WoZ' im Internet", sagt Camille Roseau, im Verlag für digitale Weiterentwicklung zuständig, gegenüber dem "Schweizer Journalist". Redaktionell investiere man  nur sehr wenig in die digitale Ausgabe. Wir publizieren auf allen Kanälen praktisch die gleichen Inhalte, welche aus Text und Bild bestehen", sagt Roseau. Diese Inhalte sind bis auf wenige Ausnahmen, von welchen sich die Redaktion Erfolge in den sozialen Medien verspricht, nur für zahlende Leserinnen und Leser zugänglich. Auch das Abo gibt es nicht günstiger in Digitalvariante.

Die "Freiburger Nachrichten" haben in den vergangenen zehn Jahren als einzige Schweizer Tageszeitung abgesehen von "20 Minuten" nicht an Leserschaft und kaum an Auflage verloren. Direktor Gilbert Bühler begründet diesen Erfolg mit konsequentem Fokus auf die Region und die damit verbundene Einzigartigkeit der Zeitungsinhalte, welche man online keinesfalls gratis anbietet. Wer digital lesen will, kann das. Er muss aber zwingend bezahlen. "Bei einer Redaktion unserer Größe kann man nicht sparen, ohne das journalistische Angebot zu schmälern", sagt Bühler. Man müsse in diesem Geschäft ganz nahe an der Leserschaft sein und diese spüren.

kress.de-Tipp: Der Artikel "Erfolg ohne Netz", der auf kress.de nur in Auszügen wiedergegeben wird, ist im aktuellen "Schweizer Journalist" erschienen. Dort hat der Autor Pascal Sigg auch Gilbert Bühler interviewt, der sein Erfolgsrezept einer Nicht-Internet-Strategie verrät. Den "Schweizer Journalist" gibt es im Newsroom-Shop, oder auch digital - als E-Paper im iKiosk.

Hintergrund: Der "Schweizer Journalist" (Chefredakteur: Kurt W. Zimmermann, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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