Christian Sauer über die Bedeutung des Stellvertreters im Journalismus: "Ohne starke Stellvertreter würden viele Blätter abschmieren"

 

Die Rolle des Stellvertreters - auch im Journalismus - wird oft unterschätzt. Für den promovierten Historiker Christian Sauer, der einst beim "Tagesspiegel" volontierte, ist sie jedoch zentral. Der heutige Coach für Führungskräfte hat selbst sechs Jahre als stellvertretender Chefredakteur, u.a. beim "Deutschen Allgemeines Sonntagsblatt", gearbeitet. Seit vielen Jahren gibt der 53-Jährige spezielle Seminare für Stellvertreter und widmet sich diesem Thema auch in seinem neuen Buch. Kress.de sprach mit ihm über die Bedeutung des Stellvertreters.

kress.de: Sie waren insgesamt sieben Jahre journalistischer Stellvertreter Ihrer Chefs. Was hat Ihnen daran so gut gefallen?

Christian Sauer: Zwei Dinge: Die Führungsverantwortung bei gleichzeitiger Schutzfunktion. Ersteres fiel mir natürlich zu, wenn der Chef nicht da war. Und darüber hinaus hatten der Chefredakteur des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", Arnd Brummer, und ich uns ohnehin auf eine arbeitsteilige Führung geeinigt. So übernahm ich auch die Textchef-Funktion. Ebenso haben wir es danach fünf Jahre lang in der Leitung des Magazins "Chrismon" gehalten.

kress.de: Geschützt fühlten Sie sich, weil Sie nicht die volle Verantwortung tragen mussten?

Christian Sauer: Ja, genau. Meine Entscheidungen waren naturgemäß nie von der gleichen Reichweite wie die meines Chefs. Er musste das nach außen verkaufen und auch den Kopf dafür hinhalten. Das hat mich entlastet - auch wenn ich mir dessen damals gar nicht bewusst war.

kress.de: Was hat Ihnen denn nicht daran gepasst, "nur" der zweite Mann zu sein?

Christian Sauer: Damals hatte ich kein grundsätzliches Problem damit und wollte nicht in die erste Reihe. Allerdings habe ich hin und wieder schon daran geknabbert, wenn ich mich nicht durchsetzen konnte, zum Beispiel bei Strategiethemen. Wir befanden uns meist auf einer Linie. Aber zum Beispiel in der Frage, wie man Mitarbeiter gut führt, hatten wir oft unterschiedliche Auffassungen. Das mag auch am Altersunterschied gelegen haben. Dennoch blieb ich selbstverständlich immer loyal.

kress.de: Wie kamen Sie vom Journalismus in die Führungskräfteschulung?

Christian Sauer: Das ist gewachsen. Das Thema "Führung" hatte mich schon während meiner journalistischen Laufbahn zunehmend interessiert. Schon bei meiner allerersten Redakteursstelle 1992 in der Außenredaktion der "Märkischen Oderzeitung" in Erkner war ich mit kleinen Führungsaufgaben betraut. So konnte ich eine Fotografin anheuern oder den Volontär anleiten - freilich ohne die Möglichkeit disziplinarischer Maßnahmen.

kress.de: Dann wechselten Sie zum "Sonntagsblatt"...

Christian Sauer: Nach einigen Zwischenstationen, dort war ich zuerst Textchef im Ressort Politik/Wirtschaft, später auch stellvertretender Politikchef, dann Projektkoordinator - alles eher indirekte Führungsaufgaben. In dieser Zeit begann ich mich fortzubilden, was Führung angeht. Nach einem Jahr schon war ich stellvertretender Chefredakteur, machte nebenher eine Coach- und Trainer-Ausbildung. Als "Chrismon", wie das Sonntagsblatt später hieß, von Hamburg nach Frankfurt am Main umzog, war das für mich der Anlass, dem Journalismus adieu zu sagen und mich als Coach selbständig zu machen. Angefangen habe ich mit klassischem Texttraining, schulte dann redaktionelles Qualitätsmanagement und später Führungskräfte. Heute steht übrigens Change Management in Redaktionen im Vordergrund.

kress.de: Was fasziniert Sie so sehr am Stellvertreter, dass Sie ihm nun sogar ein Buch gewidmet haben?

Christian Sauer: Als ich mich mit Redaktionsleitungen beschäftigte, begann mich diese spezielle Funktion zu interessieren: wie Stellvertretung funktioniert, wie man das erfolgreich hinkriegt. Dann habe ich Stellvertreter-Seminare angeboten. Es meldeten sich überraschend viele an. Daraus entwickelte sich das inhaltliche Spektrum immer weiter. Schließlich setzte sich die Struktur des Buches in meinem Kopf zusammen. Daher konnte ich es rasend schnell herunterschreiben. Sehr motivierend war es dabei zu wissen, dass es bis dahin keinerlei Führungsratgeber speziell für Stellvertreter gab.

kress.de: Bei vielen Zeitungen erledigen stellvertretende Chefredakteure das Tagesgeschäft. Sind diese Menschen in den Medien die eigentlichen Macher?

Christian Sauer: Ja, das glaube ich schon. Ohne starke Stellvertreter würden viele Blätter abschmieren. Das, was Sie beschreiben, ist eine häufig zu findende Rollenverteilung - nicht nur bei Tageszeitungen, auch bei Magazinen und Zeitschriften. Und sie ist sinnvoll und schmälert daher überhaupt nicht die Bedeutung der Chefredakteure: Die Stellvertreter arbeiten als eine Art Innenminister und kümmern sich um die Organisation. Sie sind oft detailfreudige Blattmacher. Die Chefredakteure dagegen sind mehr die Außenminister, behalten sich vor, den Aufmacher zu kippen und das Blatt zu repräsentieren. Im Journalismus sind beide nahezu gleichgewichtig. Diese Schwerpunkte sind zwar nicht gottgeben, aber oft passt das ganz gut zu den Handelnden.

kress.de: Manchmal haben Stellvertreter auch ein Anerkennungsproblem bei den Untergebenen in ihrer Rolle zwischen Chef und Mitarbeitern. Wie sollen sie damit umgehen?

Christian Sauer: In diesem Spannungsverhältnis müssen die Stellvertreter ein fundiertes Standing aufbauen. Sie dürfen sich nicht abhängig vom Chef machen, aber auch nicht zum Klassensprecher des Teams werden. Sie brauchen Unabhängigkeit. Wenn sie das nicht schaffen, haben sie tatsächlich ein Anerkennungsproblem. Wenn ich so etwas in meinen Seminaren höre, dann suche ich an vielen Stellen nach den Ursachen - auch beim Stellvertreter selbst.

kress.de: Wo können andere Ursachen liegen?

Christian Sauer: Zum Beispiel, wenn der Chef seinen Vize in der Konferenz schurigelt. Oder wenn dessen Entscheidungen öffentlich gekippt werden. So etwas muss der Stellvertreter klären - unter vier Augen. Ansonsten wird er zur Lachnummer und kann den Job nicht länger machen. Andererseits darf er den Chef nicht vor aller Augen angreifen. Kurzum: Differenzen dürfen nicht sichtbar werden, jedenfalls nicht über einen gelegentlichen sachlichen Schlagabtausch hinaus.

kress.de: Führungskräfte sollten heute lateral führen, nicht mehr von oben herab, schreiben Sie. Was heißt das für die Praxis?

Christian Sauer: Ohne ausgeprägte Machtmittel - zum Beispiel ohne Abmahnung. Lateral zu führen heißt, dies mit Argumenten und Überzeugungskraft zu tun, die Mitarbeiter mitzunehmen. So wie sich die Arbeitswelt verändert, wird laterales Führen zum Mittel der Wahl. Wer hochqualifizierte Mitarbeiter behalten möchte, muss konkret - das ist wichtig - loben und kritisieren, nicht pauschal. Wenn Stellvertreter sich an diese Regeln halten, sind sie bestens vorbereitet, die nächsthöhere Stufe zu erklimmen und selbst Chef zu werden.

kress.de: Apropos: Kann man ewig Stellvertreter bleiben? Ab wann muss man am Stuhl des Chefs sägen?

Christian Sauer: Gar nicht! Das muss und darf man nicht. Wer illoyal ist, wird scheitern.

kress.de: Warum?

Christian Sauer: Weil so eine Sache immer auffliegt. Auch bei einem erfolgreichen Putsch, traut dem Putschisten hinterher niemand mehr. Ausnahmen bilden natürlich kriminelle Machenschaften des Chefs oder Verstöße gegen das Arbeitsrecht. Daher sage ich: Sägt nicht am Stuhl, sondern bewerbt euch und geht weg. Aber was Sie ja auch meinen, ist der Zeitpunkt: In der Regel stellt sich jeder Stellvertreter nach fünf Jahren die Frage: Bin ich hier noch richtig? Manche bleiben dann noch 20 Jahre, die Mehrheit aber geht und sucht sich etwas Anderes.

kress.de: Ihr Buch trägt den selben Titel wie das Theaterstück von Rolf Hochhuth über den Vatikan und den Holocaust. Absicht?

Christian Sauer: Ja, das ist Absicht. Wissen Sie, ich habe lange nach Literatur zu dem Thema "Stellvertreter" gesucht, aber nichts gefunden - weil es eben nichts gab. Dabei bin ich immer wieder auf Hochhuth gestoßen. Sowohl auf sein Drama als auch auf Sekundärliteratur darüber. Und dann habe ich mir gesagt, so oft soll mein Buch auch im Netz gefunden werden. Der Hanser-Verlag, in dem mein Buch erscheint, hat dann bei Rowohlt nachgefragt, ob wir den Titel nutzen dürfen, und die Erlaubnis erhalten.

kress.de: Haben Sie deswegen ein besonderes Verhältnis zu Hochhuths Buch?

Christian Sauer: Schon. Zu meiner ersten Buchvorstellung schenkte mir ein Freund ein ganz frisches Andruck-Exemplar des Theaterstücks von 1963 mit persönlicher Widmung des Autors. Mein Freund - der 91-jährige Fotograf Jochen Blume - hatte Hochhuth damals getroffen, als das Buch gerade aus der Druckerei kam. Für mich hat es eine besondere Bedeutung. Denn mit Hochhuths Veröffentlichung bahnte sich etwas an. Es begann die Vor-68er-Zeit. Und über den Namen des Werks ist nun mein Buch mit diesem verbunden.

kress.de-Tipp: Christian Sauer, Der Stellvertreter - Erfolgreich führen aus der zweiten Reihe, 184 Seiten, 30,00 Euro, ISBN: 978-3-446-44959-6

Ihre Kommentare
Kopf

Gabriele Riedle

23.03.2017
!

Die Bedeutung des zweiten MANNES??? Ist es zu fassen? Wir leben 2017 und nicht 1957!!


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