Einwurf von Chefredakteur Steffen Range: Ist die klassische Magazingeschichte tot?

23.03.2017
 
 

"Ich bin auf Distanz zur Magazingeschichte. Lange Zeit war ich fasziniert von dieser thesengeleiteten Erzählform, der eine schöne Struktur und ein roter Faden innewohnen. Doch Lebenserfahrung, Diskussionen mit Lesern sowie der bisweilen geäußerte Vorwurf, die Presse würde selektiv und tendenziös berichten, haben mich zum Konvertiten gemacht", schreibt Steffen Range. Ist die klassische Magazingeschichte überholt?

Meiner Meinung nach hat die (schwarz-weiß zeichnende) Magazingeschichte ihre besten Tage gesehen, sie passt nicht mehr in eine Zeit, in der wir über Fake News und alternative Wahrheiten streiten. Müsste ich die Magazingeschichte als Person charakterisieren, ich würde sie heute als Unterdrückerin bezeichnen.

Fangen wir ganz vorne an. Nachdem mich Anfang der 2000er-Jahre großartige Redakteure bei der "Wirtschaftswoche" in das Geheimnis der Magazingeschichte eingeweiht hatten, hielt ich diese Erzählform für das Nonplusultra. Ihre klare Gliederung (szenischer Einstieg, These, Perlenschnur der Argumente, szenische Klammer) erleichtert das Schreiben, ihre Strickart macht die Lektüre mitunter zu einem Genuss.

In ihrer Art, Magazingeschichten zu erzählen, orientierte sich die "Wiwo" am "Spiegel", wiewohl es die meisten Wiwo-Storys niemals zur Perfektion der damaligen Spiegel-Magazingeschichten gebracht haben. Noch mehr als die beschlagenen Wiwo-Autoren bewunderte ich die verschachtelten Texte des Manager-Magazins mit ihren Spannungsbögen, Thesen und Unterthesen, verfasst von vorzüglichen Autoren wie Klaus Boldt. Das waren Magazingeschichten auf US-Niveau, raffinierter komponiert als die mitunter vorhersehbaren Texte der "Wiwo".

Mitte der 2000er-Jahre, nach meinem Wechsel zu Springer, drangsalierte ich als Blattmacher die dortigen Reporter mit meiner Vorstellung einer gelungenen Magazingeschichte. Die Redaktionen von "Welt" und "Welt am Sonntag" waren gerade zusammengelegt worden. Damals lautete der Auftrag, die (erzählstarke und launige) "Welt am Sonntag" aus dem selben Autorenpool zu speisen wie die (schnörkellose und newslastige) Tageszeitung "Welt". Um diesen Spagat zu bewerkstelligen, bot sich nichts besser an als die Magazingeschichte in strenger Form. Befolgt man ihre Spielregeln, ist es auch eher prosaisch veranlagten Journalisten möglich, recht unterhaltsam und pointiert zu schreiben. So verlangte es auch das strenge Stilbuch der Welt am Sonntag.

Reporter drangsaliert

Wir quälten also die wackeren Tageszeitungsreporter mit unseren Ansprüchen an eingängige Thesen, apodiktische Aussagen, leichte Sprache. Ich bin noch heute der Meinung, unser Blattmacherteam hat es damals am Fließband und in üblen Nachtschichten zu einer gewissen Perfektion gebracht.

Zehn Jahre später. Ich glaube, die Magazingeschichte in der früher auch von mir verlangten dogmatischen Form hat sich überlebt. Gemeint ist damit jene Ausprägung, in der der Autor keinen Widerspruch duldet, steile Thesen formuliert, gnadenlos personalisiert, Grauschattierungen unterdrückt.

Was übrigens lange Zeit gut ging: als Journalisten noch großer gesellschaftlicher Respekt entgegengebracht wurde, Medien exklusiven Zugang zu Informationen besaßen und das Wort eines Leitartiklers Gewicht hatte.

Deutungshoheit verloren

Doch die Medien haben bekanntlich ihre (exklusive) Deutungshoheit verloren. Ihr Glamour ist verflogen. Der Zugang zu Informationen ist weithin demokratisiert. Die Leser sind der steilen Thesen überdrüssig. Auf Journalisten, die predigen, belehren oder dozieren, reagiert das Publikum nach meiner Erfahrung allergisch.

Als besonders unerfreulich, das jedenfalls ist meine Beobachtung aus jüngerer Zeit, empfinden die Leserinnen und Leser eine Vermengung von Fakten und Meinung. Das genau aber ist das Wesen der Magazingeschichte traditioneller Machart. Auch die Verkürzung und Vereinfachung, ein anderes konstituierendes Element der Magazingeschichte, ringt dem Publikum nur noch bedingt Respekt ab.

Natürlich lassen sich auf Basis der selben Fakten Entscheidungen und Ereignisse unterschiedlich interpretieren. Unsere journalistische Sicht der Dinge ist nur eine von vielen Perspektiven. Ein Sopran, Bass oder Tenor im vielstimmigen Kanon. Twitter und Facebook ergänzen und erweitern die Meinungsbildung. Diese Erfahrung steht im Gegensatz zur Absolutheit und Kompromisslosigkeit der Magazingeschichte.

50 Graustufen

Jeder weiß, was ich meine. Erdogan und Putin, Globalisierung und Generation Z, Trump und Merkel, Flüchtlinge und Hartz-Reformen - viele Phänomene und Widersprüche unserer Zeit lassen sich nicht in einem binären System beschreiben, sondern besser in 50 Graustufen. Eine Vermengung von Fakten, Deutung und Meinung erscheint mir in der jetzigen Gemengelage kontraproduktiv. Jeder weiß oder spürt, dass sich diese großen Konflikte nicht in Kategorien wie wahr oder falsch, gut oder böse einordnen lassen. Das aber versucht die Magazingeschichte.

Ich habe nach meiner Zeit bei Springer bei der "Schwäbischen Zeitung" und dann erst Recht bei der "Deutschen Handwerks Zeitung" beste Erfahrungen damit gemacht, den Leserinnen und Lesern Grauschattierungen, unaufgelöste Widersprüche, aufeinanderprallende Deutungen zuzumuten. Unsere Berichte und Analysen brauchen eine Kakophonie der Stimmen. Konträre Fakten und Einschätzungen schrecken mich nicht (mehr). Ich glaube an die Meldung und an den Bericht. Ich mag den Nutzwert und das Erklärstück. Auch für Meinungen und pointierte Einlassungen gibt es Gefäße, doch die heißen: Glosse, Leitartikel, Kommentar.

Restitution des alten Regimes

In gewisser Weise, so möchte ich es überspitzt formulieren, plädiere ich für die Restitution des alten Regimes, wie es kurz nach Hitler und dem Krieg galt. Damals richteten die Alliierten die westdeutsche Presse wieder auf, indem sie den Journalisten ein paar einfache Grundregeln einbläuten (wohl wissend, dass der Meister die Form bricht - Springer und Augstein zum Beispiel): Strikte Trennung von darstellenden Formen und Meinung.

Zwitter wie das Porträt oder die Kulturkritik bestätigen diese Regel nur. Lasst uns, bildlich gesprochen, die "kursive Überschrift" wieder einführen, wie es sie in meiner Frühzeit als freier Journalist im Lokalen gab: für Grenzgänger zwischen Subjektiv und Objektiv (heute nennen wir diese Form vielleicht eher Autorenstück).

Bloß aber fort mit der dozierenden, auf einen absoluten Wahrheitsanspruch pochenden und gründenden Magazingeschichte, die Objektivität heuchelt.

Steffen Range

Zur Person: Unser Gastautor Steffen Range ist Chefredakteur der "Deutschen Handwerks-Zeitung". Davor war er Wirtschafts-Chef der "Schwäbischen Zeitung". Dieser Text ist in überarbeiteter und gekürzter Version dem Blog von steffenrange.de entnommen.

Ihre Einschätzung interessiert uns! Hat Steffen Range recht? Schreiben Sie uns an post@kress.de!

 

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