Özgenc, Stark, Büscher, Banse, Jung antworten Augustin: "Es kann gar nicht genug Investigativressorts geben"

27.03.2017
 

Kürzlich warnte Hartmut Augustin, Chefredakteur der "Mitteldeutschen Zeitung", im kress.de-Gespräch vor der inflationären Zunahme der Investigativ-Teams in deutschen Redaktionen. Bei den Lesern hätte es eine fatale Wirkung, die würden denken, dass bislang nicht "hartnäckig und investigativ gearbeitet" wurde. Augustins Meinung stößt bei den investigativ arbeitenden Journalisten Kayhan Özgenc, Holger Stark, Wolfgang Büscher, Dirk Banse, Jörg Jung auf deutlichen Widerspruch. In einem Punkt bekommt Augustin aber Recht.

Gibt es zu viele investigativ arbeitende Ressorts in den deutschen Redaktionsstuben? "Nein, ich sehe das ganz anders", sagt Holger Stark. Der kürzlich vom "Spiegel" in die "Zeit"-Chefredaktion gewechselte mehrfach ausgezeichnete Journalist findet ganz im Gegenteil, dass es in Deutschland zu wenige Medien gibt, die sich Investigativressorts leisten. "Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr investigative Recherche. Da draußen gibt es so viele Skandale zu enthüllen", sagt Stark zu kress.de. Es sei doch beispielsweise schwer erträglich, dass der Abgasskandal von VW nicht durch deutsche Medien aufgedeckt wurde, sondern durch eine US-Behörde. Einig ist sich der "Zeit"-Mann mit Kayhan Özgenc. Der Chef des fünfköpfigen Investigativ-Teams bei der "Bild am Sonntag" sagt: "Es kann gar nicht genug Teams geben, die sich intensiv mit Recherche beschäftigen". Özgenc, ebenfalls preisgekrönt und früher viele Jahre beim "Focus" beschäftigt, und sein Team habe diverse Skandale aufgedeckt.

Tatsächlich haben gerade viele Printmedien seit etwa 2010 eigene Investigativressorts gegründet. Zum Teil mit großen Erfolgen: Manche Skandale wären ohne die Recherche von Blättern wie "Spiegel", "Süddeutscher Zeitung", dem "Handelsblatt" oder den Springer-Blättern "Bild am Sonntag" und "Welt am Sonntag", wohl nie an die Öffentlichkeit gekommen. Natürlich wurden Skandal auch früher aufgedeckt, als es noch keine eigenständigen Ressorts dafür gab. "Doch in Zeiten, in denen sich Politik und Wirtschaft immer schneller um sich drehen und das Internet für ein ständiges aufgeregtes Grundrauschen sorgt, ist es umso wichtiger, sich um das zu kümmern, was sich vielleicht nach längerer und intensiverer Recherche dann als wirklicher Skandal herausstellt", sagt der Leiter des Investigativ- und Reporterteams der "Welt am Sonntag", Wolfgang Büscher.

Es reicht nicht, mal den großen Zeh ins Wasser zu stecken

Wenn sich eine Chefredaktion dafür entscheide, sich ein solches Ressort zu leisten, dann müsse sie das aber auch richtig angehen, findet Büscher. "Für die Geschichten, die wir als investigativ bezeichnen, brauchen wir eine Spezialtruppe, sonst ist das gar nicht machbar." Es reiche nicht, nur mal kurz den großen Zeh ins kalte Wasser zu stecken. Klar sei, so sein "Welt"-Kollege Dirk Banse, dass die Kollegen von der Tagesaktualität abgehoben arbeiten müssen. Hier mal schnell den Auftrag für eine kleine Meldung ausführen müssen, dort rasch eine Geschichte des Tages schreiben müssen - so funktioniert ein solches Ressort nicht. Tatsächlich sind unter solcherart Druck schon hoffnungsfroh und motiviert gestartete Teams nach einiger Zeit geradezu zwangsläufig gescheitert. Für professionelle investigative Recherche benötigen Journalisten bestimmte Qualifikationen wie eine besondere Hartnäckigkeit oder die Fähigkeit, zu Informanten ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ohne zu viel Nähe zuzulassen. Und sie brauchen viel Wissen, sind praktisch ein "Kompetenz-Braintrust" der Redaktion, wie Stark es formuliert.

In Fällen, in denen ein Investigativressort nur ein Feigenblatt ist, weil es vielleicht schick klingt, ein solches Team im Impressum stehen zu haben, geben die Investigativen "MZ"-Chefredakteur Hartmut Augustin allerdings recht. "Insofern hat Augustin mit seinem Vorstoß tatsächlich einen wichtigen Impuls gegeben", so Stark.

Investigativ zu recherchieren, bedeutet in den meisten Fällen, gegen den Willen einer Person, Regierung, Partei oder Behörde zu arbeiten". Eine investigative Geschichte deckt immer etwas auf, was geheim bleiben soll - und manchmal stehen mächtige Interesse dahinter. Eine investigative Recherche kann also immer auch mächtigen Ärger für die Autoren oder die Redaktion bedeuten, so "BamS"-Mann Özgenc. Am Ende kann immerhin eine Spitzenfrau oder ein Spitzenmann aus der Politik oder der Wirtschaft zu Fall kommen.

"Intensive Recherchearbeit ist auch auf lokaler Ebene nötig"

Investigative Recherche ist übrigens keine Sache nur der großen Blätter, die sich um die Bundespolitik oder die Spitzenwirtschaft kümmern. "Eine solche intensive Recherchearbeit ist auch auf regionaler und lokaler Ebene möglich und nötig", sagt Jörg Jung, Redaktionsleiter der "Böhme-Zeitung", die im nördlichen Heidekreis erscheint und laut IWF im vierten Quartal 2016 eine verkaufte Auflage von 10437 Exemplaren täglich hatte. Das Blatt leistet sich seit einigen Jahren eine eigenständige investigative Recherche. Zunächst mit drei freien Journalisten, inzwischen mit zwei festangestellten Redakteuren. "Unsere Kollegen müssen nicht jeden Tag eine Geschichte bringen", so Jung. Im Durchschnitt alle paar Wochen liefern sie ein großes, aufwendig recherchiertes Thema, das dann oftmals auf einer Doppelseite oder mehr präsentiert wird.

Skandale und Dinge, die eigentlich im Dunklen bleiben sollen, gibt es auch in der Provinz und sie sind oft für die dort lebenden Menschen wichtig und spannend. Jung kann sich über Rechercheerfolge freuen, die auf ganz Niedersachsen ausstrahlten und bis in die Landespolitik reichten. "Dadurch steigern wir die Akzeptanz bei den Lesern und zeigen, dass wir als Printmedium eine große Relevanz besitzen". Und das ist in Zeiten dramatisch sinkender Auflagen neben dem Wahrnehmen von gesellschaftlicher Verantwortung eine wichtige Konsequenz erfolgreich arbeitender Investigativressorts. Ganz gleich, in welcher Liga ein Blatt spielt. Eine Voraussetzung gibt es aber, wie "BamS"-Mann Kayhan Özgenc betont: "Der Inhalt des Artikels muss stimmen".

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