Vertrauen die Bürger noch den Journalisten? Studien beweisen: Ja!

 

"JOURNALISMUS!" Die Paul-Josef Kolumne recherchiert, wie es um das höchste Gut der Medien bestellt ist: Die Glaubwürdigkeit. Wer Pegida, AfD und ihren Sympathisanten zuhört, glaubt an den völligen Vertrauensverlust: Presse ist Lüge! Doch nahezu alle Umfragen zeigen: Die meisten Bürger vertrauen den Journalisten mehr, als wir ahnen und befürchten.

"Die Leute sehen Medien als Teil der Elite", sagt Richard Edelman. "Der Mangel an Vertrauen in die Medien führt dazu, dass es immer mehr falsche Nachrichten gibt und dass Politiker direkt zu den Massen sprechen. Die Medien müssen einen lokalen und gesellschaftlichen Ansatz finden." Richard Edelman ist Präsident des Unternehmens, das jedes Jahr das "Edelman Trust Barometer" herausgibt: Gefragt werden Bürger in 28 Ländern, wie hoch ihr Vertrauen in die wichtigen Institutionen ist. Und das Vertrauen sinkt, weltweit - vor allem zu den Medien.

Bei einer ähnlich gelagerten Untersuchung des GfK-Vereins sinken die Vertrauens-Werke für Medien auch in Deutschland: Bei uns steht die Polizei mit 85 Prozent vorn, die Medien folgen abgeschlagen mit 45 Prozent Zustimmung auf dem siebten Platz, aber immer noch vor Regierung, Internet und den Parteien, die gerade mal 18 Prozent der Bürger als vertrauensvoll einschätzen.

Es bringt allerdings wenig, wenn in Umfragen nicht differenziert wird, was mit "Medien" gemeint ist. Jeder Bürger stellt sich etwas anderes vor, wenn er nach "den Medien" gefragt wird: Der eine hat die Bildzeitung im Sinn, die andere die Gala, wieder andere RTL oder Arte, Facebook oder die Lokalzeitung. Das Vertrauen in die "Bildzeitung" oder die RTL-Nachrichten ist etwas anderes als das Vertrauen in die "FAZ" oder in das "Flensburger Tageblatt" oder in Twitter & Co.

Wenn Interviewer differenzierter fragen, schneiden Zeitungen deutlich besser ab als die sozialen Netzwerke oder der Boulevard. Aber gibt es auch einen Unterschied zwischen einer Lokalzeitung und einer nationalen Zeitung? Zwischen dem "Spiegel" und dem "Südkurier" in Konstanz? Die "Forschungsgruppe Wahlen" fragte im Herbst vergangenen Jahres genauer und wollte endlich einmal erfahren: Wie beurteilen Bürger ihre Lokal- und Regionalzeitungen?

Erstaunlich ist das Ergebnis nicht, aber das Gefühl erreicht endlich einen festen Boden: Regionale Tageszeitungen liegen vorn.  Auf einer Thermometer-Skala - von plus 5 für exzellent bis minus 5 für katastrophal - liegen die Regionalzeitungen bei 2,4; es folgen die nationalen Zeitungen (2,2), Magazine wie der "Spiegel" (2,1) und das Fernsehen (1,9). Die sozialen Netzwerke liegen im Frostbereich der Skala bei minus 1,5.

Offenbar bleiben die Bürger auch den Nachrichtenquellen treu, die sie kennen - selbst wenn digitale Angebote sich rasant vermehren; das belegt eine große schwedische Studie, die das Medienverhalten der Menschen über dreißig Jahren verfolgt.  Der Kreis schließt sich: Ich vertraue dem Medium, das ich häufig nutze; und ich nutze das Medium, dem ich vertraue. So wird das Vertrauen zum Markenzeichen, das Manager und Journalisten hegen und pflegen müssen.

Erstaunlich ist das Ergebnis bei den digitalen Ureinwohner: Sie bewerten die Zeitungen, die regionalen wie die nationalen, noch besser als die analoge Generation (2,5); auch die sozialen Netzwerke schneiden bei den jungen Leuten mit minus 1,5 so schlecht ab wie bei den Älteren.  Zu den 16-29-Jährigen schreibt die "Forschungsgruppe Wahlen": "Sie haben ein relativ großes Vertrauen in die Qualitätsmedien und eine größere Skepsis gegenüber den Boulevardmedien und auch gegenüber den sozialen Medien."

Es gibt meines Wissens keine wissenschaftliche Studie, die einen positiven Einfluss von sozialen Medien, inklusive Youtube, feststellt, wenn es um Vertrauen und politische Meinungsbildung geht.

Die Allensbacher Befragung zur Glaubwürdigkeit der Medien, von den Zeitschriftenverlegern in Auftrag gegeben, zeigt ebenfalls: Sieben von zehn Bürgern vertrauen Zeitungen und Zeitschriften, gerade mal einer vertraut Facebook und Twitter. Das Netz ist in Ungnade gefallen, wenn es um Genauigkeit und Fairness der politischen Debatten geht: Die eine Hälfte der Befragten schätzt, wie in ihrem analogen Leben, Sachlichkeit und Höflichkeit in den Netz-Kommentaren; allerdings stört sich die andere Hälfte der Bürger wenig am aggressiven Ton, und nur eine Minderheit meint, die meisten Kommentare seien unqualifiziert.

Offenbar wollen viele Leser erfahren, was andere denken. Dabei stört sie nicht der falsche Ton: Sie können einerseits einschätzen, dass unerfahrene Kommentatoren nicht so geschliffen schreiben wie Profis in den Redaktionen; sie unterscheiden andererseits deutlich eine  Nachricht, die vertrauenswürdig sein muss, von einer Meinung, die durchaus kontrovers und aggressiv sein darf. So ist auch der Erfolg von Leser-Seiten in Zeitungen zu erklären, die dem Vorbild der Speakers Corner folgen und Querdenker zu Wort kommen lassen, oft bis an die Grenze des Erlaubten und über die Grenze des Erwünschten hinaus.

Bei den Leser-Kommentaren wünscht sich laut Allensbach-Umfrage nur eine Minderheit die politische Korrektheit, die für eine Mehrheit der Redakteure wichtig ist. Die Kommentar-Rubriken sind ein Schauspiel, das man sich gerne anschaut - ohne die Lust zu verspüren, selber auf die Bühne zu gehen und mitzuspielen. Drei Viertel der Bürger will die eigene Meinung nicht aufschreiben, gerade mal jeder Zehnte hat mehrmals auf einen Artikel im Netz reagiert.

Wahrscheinlich reicht es den meisten, wenn sie im Netz und in Zeitungen die eigene Meinung lesen, wie sie ein anderer formuliert; findet man aber seine Meinung nicht oder nur selten wieder, entsteht der Eindruck der Manipulation oder im schlimmsten Fall der Ausgrenzung: Man darf in diesem Land ja nicht mehr seine Meinung sagen!

Wie sollen Redakteure über Politik schreiben?, fragen mehrere Studien. Sie finden heraus, was das Vertrauen der Leser erschüttert: "Wenn Politik als (Macht-)Spiel inszeniert und die Akteure als ,Gewinner und Verlierer' dargestellt werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur das Vertrauen in die Politik, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Medien beschädigt wird", fasst Uli Gleich von der Universität Koblenz-Landau in den "Media Perspektiven" Ergebnisse der Studien zusammen. "Die Wahrnehmung einseitiger bzw. verzerrter Berichterstattung fördert eine feindselige Einstellung gegenüber den Medien."

Was können Redakteure dagegen tun?

  • Sie müssen aufklären, wie sie arbeiten, wie sie Informationen finden, wie sie diese einordnen und welchen Regeln sie folgen - und sie müssen klar machen, dass sie nicht von der Regierung und von Konzernen zu beeinflussen sind, also von den Institutionen, denen die Bürger immer weniger Vertrauen schenken.

  • Sie müssen, wenn sie Probleme aufdecken, über Lösungen und Konsequenzen berichten.

  • Sie dürfen keine Meinungen ausblenden.

Wie sollen Redakteure vor allem im Wahlkampf berichten? Wollen sie Sachlichkeit und Vertrauen fördern oder politischen Zynismus? Die Bürger schätzen in der Mehrheit sachliche Informationen, das ist auch das Ergebnis einer Studie während des schwedischen Wahlkampfs vor sieben Jahren. Der Befund widerspricht der weit verbreiteten Journalisten-Regel, es sei besser, sich auf Politiker als Kämpfer zu fokussieren statt auf Themen, die kaum einen interessierten. Wahrscheinlich dürfte sinnvoll sein: Politiker mit ihren Themen zu verknüpfen, ihre Lösungen für Probleme zu analysieren und zu kommentieren - mit Blick auf das Leben der Wähler. Der Wissenschaftler Uli Gleich fasst die Ergebnisse der schwedischen Studie zusammen:

"Personen, die häufiger politische Nachrichten mit einem bestimmten Framing rezipierten, äußerten weniger politisches Interesse und wiesen höhere Werte bei der Variante politischer Zynismus auf"; unter Framing versteht die Wissenschaft eine Berichterstattung, die Politik als Machtspiel versteht. "Die Fokussierung auf Taktik und Strategie, Gewinnen und Verlieren sowie Kampf um Macht in der politischen Berichterstattung führt somit zu einer Spirale von politischem Zynismus und Desinteresse, die sich gegenseitig verstärken."

Nur - wie sollen Journalisten den Lesern und Zuschauern begegnen, die statt sachlicher Berichte lieber einseitige schätzen, die ihre Meinung verstärken? Wie können Journalisten beispielsweise AfD- und Trump-Sympathisanten dazu bringen, Fakten, die belegbar sind, als wahr anzuerkennen? Was müssen Journalisten tun, damit seriöse Medien nicht mehr als Feinde betrachtet werden?

In einem Experiment sahen gut fünfhundert Menschen, im Durchschnitt 20 Jahre jung, eine eigens produzierte Talkshow zur Einwanderung: Der Moderator war entweder neutral, konservativ oder liberal. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß: Wenn der Moderator der Meinung des Zuschauers zuwider lief, empfand der Zuschauer die Sendung als unglaubwürdig; blieb der Moderator neutral oder kongruent zur Meinung des Zuschauers, vertraute er ihm.

Eine Hälfte der Zuschauer reagierte aber anders. Sie sah zuvor einen Clip über Medienkompetenz: Wie wirken sich Vorurteile auf die Einschätzung von Nachrichten aus? Jetzt war die Ablehnung des Moderators geringer, auch wenn er der eigenen Meinung eines Zuschauers widersprach.

Es ist das harte Geschäft von Journalisten und politischen Bildnern: Sie dürfen bei den Feinden der seriösen Medien nicht als Oberlehrer und Besserwissen auftreten (was Journalisten meist schwer fällt). Der Spruch von Max Weber, ursprünglich auf Politik gemünzt, sei so umgedeutet: Die Feinde der Medien zu gewinnen, bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.

Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind also unverzichtbar, sind das Markenzeichen von seriösen Medien. Aber das beste Vertrauen nützt wenig, wenn die Leser und Zuschauer die Lust verlieren, wenn's langweilig wird, die Themen nicht fesseln oder anregen, wenn die Leidenschaft fehlt. Vertrauen ohne Leidenschaft funktioniert ebenso wenig wie Leidenschaft ohne Vertrauen.

Quellen:

Media Perspektiven 1/2007, Seite 52 ff

Editorial Media

Forschungsgruppe Wahlen

Der Autor

Paul-Josef Raue hat selber eine Reihe von unterschiedlichen Leser- und Leseforschungen erlebt und ausgewertet. Er war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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