Sie ist wieder da – "Die Dame"

28.03.2017
 

Es fängt gut an. Also: Nachdem man sich durch die 50 Werbeseiten gekämpft hat, mit denen "Die Dame" beginnt und zwischen denen Vorwort, Inhaltsverzeichnis und Impressum versteckt sind, fängt es wirklich gut an. Mit Helene Hegemann, die sich mit lesbischen Rebellinnen und "zeitgemäßen" Feminismus auseinandersetzt. "Die Dame" will zu Diskussionen anregen? Das ist Axel Springer, das den Modezeitschriften-Klassiker aus den 20er Jahren neu inszeniert hat, geglückt.

Und dann, Bämm, werden zehn Frauen vorgestellt, Künstlerinnen, Designerinnen, Schauspielerinnen, Sängerinnen, Innenarchitektinnen. Informationen über sie sind sogar noch kleiner layoutet als die Fotos, und auf den erste Blick erwartet man im Text neben den Fotografien der Frauen das übliche Kleingedruckte. Kleid: AB, Styling CD, Fotos EF. Stattdessen stehen da überraschenderweise Kurzbiografien und das Layout ist ... nun ja, modern. Es gibt spannende Frauen zu entdecken und wenn bei der nächsten Ausgabe im Herbst Wissenschaftlerinnen und Mathematikerinnen vorgestellt werden, und in der übernächsten Philosophinnen und Schriftstellerinnen, hat diese Sparte Empowerment-Potential.

Dann Schlag auf Schlag kluge Essays, die von wundervollen "Dame"-Titelbildern der 1920er inspiriert sind: Antonia Baum über den Dienst am Volke (das Stillen), Mara Delius über die Liebe zu ihrem Saab 900 (das Auto als Sehnsuchtsort), Adriano Sack über Einhörner ohne Horn (Androgynie) und Ronja von Rönne über den Wunsch, "zusammen alt zu werden" (die Bedeutung von Erinnerungen in Paarbeziehungen).

Schlag auf Schlag kluge Gedanken

Manches davon ist gut, manches besser, alles lesenswert. "Die Dame" entfaltet die kleinen Blütenblätter zuerst - dann folgen die größeren. Das Magazin gibt Raum, viel, zunehmend mehr. Es herrscht kein Mangel, 292 Seiten zählt das schwere Heft, das beinahe ein Katalog ist. Um Haptik geht es Herausgeber Christian Boros bei der Wiederbelebung und Neuerfindung der alten "Dame", die 1912-1937 im Ullstein-Verlag erschienen ist, um superanaloge "mediale Eleganz". Zielgruppe der Springer-Publikation: Frauen, die vom Träumen leben und die, die darin vorkommen.

Traum: Ein 14-seitiges Porträt der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz, die sperrige Arbeiten über "die Anziehungskraft des Abstoßenden" macht und interessante Dinge über Toxoplasmose weiß. Eine Kurzgeschichte von Maxim Biller auf 17 Seiten. So viel Platz für Literatur. So viel Platz für beeindruckende Illustrationen von Paulina Olowska, die vielleicht am meisten im Heft an die alte 1920er "Dame" referieren.

Höhepunkt.

"Können Sie mir überhaupt folgen?"

Danach strauchelt das Heft kurz und sanft. Zunächst mit einem Selbsterfahrungsbericht über den Schönheitsirrsinn in West Hollywood und einem Interview, das als Unterhaltung deklariert ist. Die als "Stilinstanz" eingeführte Journalistin Margit J. Mayer interviewt den Philosophen und Ästhetikprofessor Bazon Brock zu der Frage, was eine "Dame" sei. Der entlarvendste Moment dieses Interviews:

Brock: "Können Sie mir überhaupt folgen?"

Mayer "Keine Sorge, ich habe mal Philosophie und Kunstgeschichte studiert."

Brock: "Aha, na gut."

Autsch.

Das Heft fängt sich.

"Neue deutsche Traumnovelle" von Lydia und Andreas Rosenfelder, Aquarelle von Oda Jaune, Collagen von Thomas Ruff. Schön, alles. Was dann kommt, ist zum Heulen: Die klugen, starken, exzentrischen, emanzipierten Frauen, Damen, an die sich das Blatt so dezidiert richtet, verschwinden. Ein junges, weißes Heroinchic-Model, das immerhin einen Namen hat (Lina) präsentiert auf 24 Seiten Fetischmode. Viel Latex, Lack, Halsbänder, das Übliche für die durchschnittlichen 50-Shades einer durchschnittlichen Charity-Dame. Seriously?

Kopflose Plus-Size-Nacktheit

An diesem Punkt ist die Dame zur Frau degradiert und fällt frei in den gewohnten Matsch. Genauer gesagt: auf Taschen.

Präsentiert auf nackten Frauenkörpern. Nackten, kopflosen Frauenkörpern. In der gesamten Fotoserie nicht ein Kopf. Aber hey! Immerhin sind die beiden kopflosen Modelle Plus-Size, sprich Kleidergröße 38/40. Man ist ja für einiges dankbar heutzutage, aber Das. Ist. Erschütternd.

Das nächste Model darf wieder Kopf und Namen (Katlin) haben und Größe 32 und Tattoo und Nasenpiercing. Edgy. Modern. Die Dame liegt ohnehin längst im Brunnen. Hat auch Martin Eder erkannt und (zum Ausgleich?) eine aquarellene Schwulenpornostrecke beigesteuert, die als Softporno angeteasert wird. Kann man machen, aber der folgende Hausbesuch bei dem Elitepaar Philomene Magers und Jan Schmidt-Garre hat Mühe, die Leserinnen daran zu erinnern, in welchem Heft sie gerade blättern.

Oldtimerrennen wie bei de Lempicka

Es gelingt halbwegs mit einer Reportage über Freifrau Gaby von Oppenheim, die Rennen in sündteuren Oldtimern fährt und damit an Damen der 1920 und deren Autoliebe, wie sie Tamara de Lempicka auf Gemälden festgehalten hat, referiert. Mit dem Schlusswort Katharia Teutschs über die historische Dame rettet sich das Magazin wieder auf Niveau.

Fazit? Die Sache mit der Haptik durch schweres, schönes, mal mattes, mal glänzendes Papier ist gelungen. "Die Dame" entschleunigt wohltuend, vor allem durch die Breite der Strecken. Die Idee, das ebenso legendäre wie elitäre Mode- und Zeitgeistmagazin der 1920er neu zu erfinden, ist gut, die Umsetzung jedoch ausbaufähig. Vor allem mehr Diversität täte dem Heft gut - es ist beispielsweise genau eine Frau abgebildet, die nicht weiß ist. Auf Seite 65. Bei den Autorinnen und Autoren sieht es vermutlich genauso aus. Und dann, ganz wichtig: Frauenkörper haben Köpfe. Nicht erst seit 2017.

Hintergrund: Anfang März hat das Axel Springer Mediahouse Berlin (Verlagsgeschäftsführerin Petra Kalb) "Die Dame" zurück an den Kiosk gebracht. Als "Illustrierte Modezeitschrift" erschien "Die Dame" von 1912 bis 1937 im Berliner Ullstein-Verlag und richtete sich an extravagante und emanzipierte Frauen vor allem im pulsierenden Berlin und an alle, die sich an deren Lebensstil orientierten. Mit diesem Anspruch legt das Axel Springer Mediahouse Berlin "Die Dame" 2017 neu auf. Herausgeber ist der Kunstsammler und Unternehmer Christian Boros. Lena Bergmann leitet die Redaktion. Der Heftpreis des Magazins liegt bei 15,00 Euro (Auflage: 50.000 Exemplare), die Sonderedition in gebundener Buchform ist für 49,00 Euro erhältlich. Die zweite Ausgabe von "Die Dame" soll im Herbst 2017 erscheinen.

kress.de-Tipp: Im aktuellen "kress pro" - dem Magazin für Führungskräfte bei Medien - hat die Redaktion Christian Boros zum "Mitarbeiter des Monats gewählt. Das Heft, das wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer erscheint, gibt es u.a. im iKiosk.

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