"Immer nur Deniz Yücel!": Deutsch-türkische Journalisten kritisieren Einseitigkeit der Medien

 

Scharfe Kritik am einseitigen Einsatz deutscher Medien und Politiker für Deniz Yücel übt der Bund türkischer Journalisten in Europa (ATGB). Die seit 30 Jahren in Deutschland lebende ATGB-Vorsitzende, Isin Toymaz, wirft ihnen gegenüber kress.de vor, "unfair", zu agieren und die anderen 150 in der Türkei inhaftierten Journalisten nicht im Blick zu haben. Für sie starten ATGB und die DJU jetzt eine Postkartenaktion.

kress.de: Sie setzen sich für mehr als 150 in der Türkei inhaftierte Journalisten ein. Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel taucht in der Liste als einer unter vielen in alphabetischer Reihenfolge auf. Finden Sie die Herausstellung Yücels durch Politik und Medien gegenüber den anderen unfair?

Isin Toymaz: Ja, definitiv. Die Türkei ist zum größten Journalisten-Gefängnis der Welt geworden. Zur Zeit befinden sich 151 Journalisten in Haft. Und welches Verbrechen haben Sie begangen? Journalismus! Es ist unfair, dass den weiteren inhaftierten Kollegen nicht die gleiche Aufmerksamkeit aus Politik- und Medienkreisen gewidmet wird wie Deniz Yücel.

kress.de: Warum?

Isin Toymaz: Deutschland hat sich sehr für einen Journalisten aus der deutschen Medienwelt eingesetzt. Das ist auch richtig so. Nur: Bevor Deniz Yücel verhaftet wurde, wo war denn Deutschland da? Warum haben die Journalisten der europäischen Medien, während ihre Kollegen im Gefängnis saßen und die Tage gezählt haben, nicht ihre Freilassung mit derselben Aufmerksamkeit wie bei Deniz Yücel verlangt? Nur ein paar Zeilen und Berichte. Das war es dann.

kress.de: Scharfe Kritik...

Isin Toymaz: Ja, die deutschen Medien und unsere deutschen Kollegen kümmern sich nicht so stark um die Lage ihrer türkischen Kollegen in der Türkei. Es geht immer nur um Deniz Yücel! Selbstverständlich haben wir auch seine Freilassung gefordert, aber mit einem kleinen Unterschied: Wir fordern ebenso die Freilassung weiterer inhaftierter Journalisten in der Türkei sowie Presse- und Meinungsfreiheit für alle Journalisten. Können Sie sich eine Sekunde in diese Kollegen hineinversetzen?

kress.de: Wahrscheinlich muss man das selbst erleben, sonst kann man das nicht nachfühlen.

Isin Toymaz: Stellen Sie sich vor: Nur aufgrund ihrer Arbeit sitzen Journalisten im Gefängnis, isoliert und allein. Ich möchte den Spieß einmal umdrehen und Sie fragen: Wie wäre es, wenn in Deutschland mehr als 100 deutsche Journalisten in den Gefängnissen säßen, die Türkei wegen eines einzigen türkischen Journalisten ein solches mediales Aufsehen erregen würde und dabei die Restlichen außer Acht ließe bzw. nur am Rande erwähnen würden? Klingt diese Version für Sie fair?

kress.de: Nein, das tut sie nicht. Aber ich wollte Sie tatsächlich auch nach Ihrem ATGB-Gründungsmitglied Güray Öz fragen. Er sitzt seit mehr als drei Monaten im Gefängnis. Doch von seinem Schicksal hört man in Deutschland so gut wie gar nichts. Können Sie sich das erklären?

Isin Toymaz: Endlich stellt uns jemand diese Frage. Trotz massiver Unterdrückung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei, gibt es immer noch oppositionelle Zeitungen, TV-Sender, Radiosendungen, Nachrichtenportale und selbstverständlich soziale Medien. Unsere Kollegen gehen jeden Morgen zur Arbeit und wissen nicht, ob sie je wieder nach Hause kommen. Unser Gründungsmitglied und Ombudsmann der "Cumhuriyet", Güray Öz, war einer von ihnen. Er ist eines Morgens in die Redaktion gegangen und seit mehr als drei Monaten nicht mehr zu seiner Familie zurückgekehrt. Seitdem sitzt er im Gefängnis. Güray Öz hat jahrelang in Deutschland als Journalist gearbeitet. Wir fordern seine Freilassung. Er ist gleichzeitig auch Ihr Kollege. Deniz Yücel ist vielleicht zu einem Symbol geworden. Ich würde gern daran glauben, dass hinter dieser ganzen Geschichte keine politischen Abrechnungen zwischen der Türkei und Deutschland stecken.

kress.de: Ist Erdogans Terrorvorwurf denn völlig aus der Luft gegriffen?

Isin Toymaz: In der Türkei zeigt das Regime sein wahres Gesicht, indem es Journalisten und die Medien bezichtigt, Terrorunterstützer zu sein. Dabei ist ganz klar, dass weder die Kollegen noch die genannten Medien etwas mit Terror zu tun hatten. Im Gegenteil, sie haben mit ihren Veröffentlichungen nachweislich gegen den Terror gekämpft. Schon am 31. Oktober 2016, nach der Razzia bei der "Cumhuriyet", haben wir als ATGB dazu aufgerufen, alle inhaftierten Journalisten, die wegen der Ausübung ihres Berufes verhaftet wurden, sofort freizulassen. Aber unsere Kollegen werden immer noch ohne Anklage ihrer Freiheit beraubt. Sie müssen freigelassen werden.

kress.de: Ist es nicht naiv zu glauben, dass eine Postkartenaktion an die diplomatischen Vertretungen der Türkei in Deutschland etwas an der Verfolgung von Journalisten dort ändert?

Isin Toymaz: Die Postkartenaktion ist symbolischer Natur. Neben unseren Forderungen für Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei, möchten wir uns mit dieser Aktion mit den inhaftierten Journalisten in der Türkei solidarisieren und ein Signal geben, dass wir sie nicht vergessen haben. Klar, solche Aktionen können bei dem Kampf um Pressefreiheit keine große Rolle spielen, aber in den Herzen unserer Kollegen spielt es schon eine Rolle. Unsere Postkarten an die inhaftierten Journalisten sollten als "Friedenstauben" und "Hoffnungsboten" verstanden werden. Und wir bedanken uns bei den Kollegen der DJU für deren Solidarität.

kress.de: Die Aktion läuft nur in Hessen. Warum machen Sie das nicht deutschlandweit?

Isin Toymaz: Wir wollen das ausdehnen. Auch in Baden-Württemberg führen wir diesbezüglich Gespräche mit der DJU. Wir werden hier in den kommenden Tagen mit unseren deutschen Kollegen verschiedene Aktionen für die Pressefreiheit in der Türkei durchführen; mit Infoständen, Podiumsdiskussionen, aber auch mit Postkartenaktionen.

kress.de: Glauben Sie, die Inhaftierten werden die Karten erhalten? Oder werden die vielleicht vorher abgefangen?

Isin Toymaz: Falls sie sie nicht bekommen, werden wir sie durch ihre Rechtsanwälte über die gemeinsame Aktion informieren. Vielleicht können die Verteidiger die Postkarten auch an die Inhaftierten weiterleiten. Es ist aber viel wichtiger, dass die inhaftierten Journalisten durch solche Aktionen erfahren, dass für sie, für Presse- und Meinungsfreiheit trotz massiven Drucks gekämpft wird.

kress.de: Wie stehen die Möglichkeiten der verhafteten Journalisten, darauf zu antworten?

Isin Toymaz: Vielleicht durch eine kleine Notiz auf einem Papier oder einer Streichholzschachtel. Keine Ahnung, wie genau. Eine Antwort wird an uns gesendet werden.

kress.de: Sie kämpfen stark für ein "Nein" beim Referendum in der Türkei. Bei allem, was wir derzeit aus der Türkei mitbekommen: Glauben Sie, dass Abstimmung und Auszählung fair ablaufen? Die "FAZ" hat am Wochenende bereits darüber spekuliert.

Isin Toymaz: Ich bin davon überzeugt, dass die Abstimmung diesmal sicher abläuft. Von der Oppositionspartei CHP ausgebildete Wahlbeobachter in Deutschland und in der Türkei werden keine Unregelmäßigkeiten zulassen. Sie werden Fälschungen jeder Art verhindern. Die Wahllisten werden jede halbe Stunde mit PC-Listen von "Seçsis" verglichen und kontrolliert. Erforderliche Maßnahmen für einen sicheren Transport der Wahlbehälter werden ergriffen. Wir werden alle Zeugen sein, dass unser Volk die Stimmabgabe kontrolliert. Wegen des Referendums bin ich kürzlich in die CHP eingetreten. Seit Wochen stehen wir mit unseren Infoständen auf den Straßen.

kress.de: Wenn Sie für ein "Nein" werben, müssten doch türkische Regierungsvertreter in Deutschland auch für ein "Ja" kämpfen dürfen. Das wäre doch demokratisch, oder wie sehen Sie das?

Isin Toymaz: Ja, trotz allem sollten die AKP-Minister in Deutschland auftreten dürfen. Die Demokratie hätte die Tür auch für deren "Ja"-Aktionen öffnen müssen. Leider haben diese Auftritte für viel Aufsehen und Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland gesorgt. Das hat die Deutschtürken sehr stark belastet. Unsere Migrationsgeschichte ist in einer sehr kritischen Phase. Es ist wie ein Reset nach 55 Jahren. Wir werden für die Innenpolitik in der Türkei instrumentalisiert, und das Referendum hat uns auch stark polarisiert. Die Türken in Deutschland stehen sich wie noch nie zuvor in der Geschichte zornig und ohne Toleranz gegenüber. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich die Beziehungen früher oder später wieder normalisieren werden.

kress.de: Haben Sie noch Hoffnung, dass in der Türkei wieder Pressefreiheit möglich sein wird, dass Journalisten dort regierungskritisch berichten dürfen, ohne Angst haben zu müssen, verhaftet zu werden?

Isin Toymaz: Unsere Kollegen in der Türkei werden leider noch für einige Zeit mit Angst Journalismus betreiben müssen. Sie werden sich weiterhin um ihre Freiheit Sorgen machen müssen. Wir, die türkischen Journalisten in Europa, beobachten dieses Geschehen mit großer Sorge, geben aber die Hoffnung auf bessere Tage nicht auf. Die Presse- und Meinungsfreiheit wird sich in der Türkei vielleicht nicht von heute auf morgen entwickeln. Wenn nur ein einziger Mensch immer noch an diese Freiheit und an eine demokratische, laizistische Türkei glaubt und daran arbeitet, diese neu aufzubauen, dann gibt es dort noch Hoffnung.

Ihre Kommentare
Kopf
Frank Biermann

Frank Biermann

fr. Journalist und Autor

29.03.2017
!

Die Postkartenaktion der dju ist keineswegs nur auf Hessen beschränkt, wir haben uns auch Frankfurt von Manfred Moos etliche Postkarten schicken lassen und werden uns auch an dieser zugegeben nur symbolischen Aktion beteiligen. Dr. Frank Biermann, Vorsitzender der dju in ver.di Münsterland


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.