"Mir fehlen selbst die Antworten": Verleger Hitzeroth beruft per sofort Chefredakteur Linne ab

 

Völlig überraschend hat der Verlag der in Marburg erscheinenden Tageszeitung "Oberhessische Presse" den langjährigen Chefredakteur Christoph Linne abberufen. Die Zeitung hat die Trennung in einer 24 Zeilen kurzen Meldung im Lokalteil bekanntgegeben; im Impressum taucht Linne bereits nicht mehr auf.

"Unsere Leserinnen und Leser werden wir auch in Zukunft mit kreativen und innovativen Ideen begeistern", verspricht Geschäftsführerin Ileri Meier. Und fügt hinzu: "Der Ausbau unserer Digital-Strategie nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und wird unseren eigenständigen Verlag auch weiterhin erfolgreich wachsen lassen."

Weder Linne noch Meier wollten sich zu der Trennung äußern, die für viele völlig überraschend kommt. Linne gilt als einer der modernen Macher im Lokaljournalismus; als das Haus zwischenzeitlich zu Madsack gehörte, nahmen viele an, er würde im Madsack-Verbund zu einem größeren Titel gehen. In einer privaten Mail an die Redaktion, die kress.de vorliegt, schreibt Christoph Linne: "Nach mehr als 20 Jahren intensiver redaktioneller Arbeit für die Oberhessische Presse, davon fast 13 Jahre an der Spitze einer starken, selbstbewussten Redaktion musste ich zur Kenntnis nehmen, dass der Verlag ein Ende des gemeinsamen Weges wünscht."

Aus der E-Mail wird aber nicht ersichtlich, warum sich das Unternehmen von dem profilierten Journalisten trennt: "Ihr habt heute Morgen die Nachricht erhalten, dass sich das Unternehmen mit sofortiger Wirkung von mir als Chefredakteur getrennt hat. Das wirft Fragen auf. Vermutlich auch Fragen, zu denen mir selbst die Antworten fehlen."

Linne nutzt die Gelegenheit, um sich noch einmal bei seinem Team zu bedanken, zumindest schriftlich: "Gern hätte ich es persönlich und direkt gesagt: Ich bin stolz auf euch! Auf eine kleine, feine Mannschaft, die immer wieder in der Lage ist, große Leistungen zu vollbringen."

Hintergrund "Oberhessische Presse"

Die "Oberhessische Presse" ist die unabhängige und überparteiliche Tageszeitung für den Kreis Marburg-Biedenkopf. Die "OP" entstand im Jahr 1951, als die bis dahin selbständigen Blätter "Oberhessische Zeitung" und "Marburger Presse" fusionierten. Bis Ende 2014 gehörten 51 Prozent des Verlags zu Madsack; seit Anfang 2015 befindet sich der Verlag wieder komplett in den Händen von Dr. Wolfgang und Dr. Luise Hitzeroth. Die verkaufte Auflage der Zeitung beträgt 24.326 Exemplare (laut IVW, 4/2016). Verleger und Herausgeber ist Wolfram Hitzeroth. Hitzeroth ist gemeinsam mit Ileri Meier Geschäftsführer der Hitzeroth Druck + Medien GmbH & Co. KG. Stellvertretender Chefredakteur und Ressortleitung Lokals ist Till Conrad, Mitglied der Chefredaktion und Wirtschafts-Chefin ist Anna Ntemiris.

Noch im Vorjahr hat der Verlag 150 Jahre Oberhessische Presse mit einer großen Jubiläumsbeilage gefeiert, die ihren Schwerpunkt auf den Blick in die Zukunft der Heimatzeitung und die digitalen Herausforderungen der Branche legte.

Christoph Linnes Brief an seine Redaktion im Wortlaut

"Liebe Leute,

ihr habt heute Morgen die Nachricht erhalten, dass sich das Unternehmen mit sofortiger Wirkung von mir als Chefredakteur getrennt hat. Das wirft Fragen auf. Vermutlich auch Fragen, zu denen mir selbst die Antworten fehlen.

Nach mehr als 20 Jahren intensiver redaktioneller Arbeit für die Oberhessische Presse, davon fast 13 Jahre an der Spitze einer starken, selbstbewussten Redaktion musste ich zur Kenntnis nehmen, dass der Verlag ein Ende des gemeinsamen Weges wünscht. Bis hierhin steht fest, dass ich sehr viel lernen, gestalten und große Verantwortung tragen durfte.

Hinter dem Unternehmen liegt eine intensive Phase von Veränderungen, geprägt von einem enormen Wandel in der Medienbranche. Gemeinsam durften wir diesen Prozess der Herausforderungen, Neuausrichtungen und innovativen Projekte überaus aktiv mitgestalten. Viele der entstanden Produkte fanden große Beachtung in der Branche und darüber hinaus. Das geht nur im engen Zusammenspiel mit kreativen, begeisterungsfähigen und motivierten Menschen in Verlag und Redaktion. Dafür und für euer Vertrauen auf vielen Ebenen, auch in schwierigen Situationen, danke ich euch einstweilen sehr herzlich.

Gern hätte ich es persönlich und direkt gesagt: Ich bin stolz auf euch! Auf eine kleine, feine Mannschaft, die immer wieder in der Lage ist, große Leistungen zu vollbringen.Danke und alles Gute.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen.

Beste Grüße,

Christoph Linne"

Ihre Kommentare
Kopf
31.03.2017
!

So läuft das eben in der Presse-Landschaft manchmal. Auch alt eingesessene Chefredakteure kann es treffen. Traurig aber wahr.


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.