"Es gab keine Idee, es gab keinen Plan": Wie Peter Turi vor 21 Jahren kress.de an den Start brachte

 

Vor 21 Jahren ging mit kress.de der erste digitale Branchenfachdienst an den Start. Gründer: Peter Turi, heute Verleger von turi2.de. Wie es zu "täglich kress" kam, wie er die ersten Anzeigen von Helmut Markwort und Dirk Manthey bekam und wie unsere "kressköpfe" als Vorbild für das heutige Xing dienten, erzählt Peter Turi kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

Bülend Ürük: Peter, stimmt es eigentlich, dass kress.de am 1. April 1996 an den Start gegangen ist? Dann wäre kress.de jetzt exakt 21 Jahre alt, das Alter, in dem man bis Mitte der 1970er Jahre in Deutschland volljährig wurde.

Peter Turi: Ja, am Samstag wird nicht nur kress.de 21, sondern auch die digitale Branchenpresse. "täglich kress", wie wir es damals nannten, war ja der erste Tagesdienst eines Fachmediums überhaupt. horizont.net kam Monate später, wuv.de fast ein Jahr danach.

Was war die Idee zum Start?

Peter Turi: Es gab keine Idee, es gab keinen Plan. Es gab einfach einen jungen Branchendienstmann Peter Turi, 35 glaub' ich, der sich zeitweise langweilte, weil der "kress report" nur alle zwei Wochen erschien.

Starttermin war dann 1. April - das klingt wie ein Aprilscherz.

Peter Turi: Beinahe wäre es einer geblieben. Denn die beiden anderen Kress-Entscheider waren strikt dagegen. Mein Kompagnon Thomas Wengenroth wollte nichts verschenken und wurde darin von Günther Kress bestärkt. Kress, der uns den Dienst Ende 1995 verkauft hatte, war Schwabe und sagte: "Ich habe nie etwas verschenkt in meinem Berufsleben." Deshalb habe ich am 1. April heimlich einen Post abgesetzt mit sieben Meldungen. Die siebte lautete: "Ab heute gibt's im Internet täglich kress". Die gefühlt 35 Leser wussten nicht, ob das ein April-Scherz ist oder nicht. Ich selbst auch nicht.

Und was ist passiert?

Peter Turi: Erstmal nix. Thomas und Günther Kress haben es einfach nicht mitgekriegt. Thomas saß noch an seiner Doktorarbeit und kam nur jede zweite Woche nach Walldorf, Günter Kress hatte eh keinen Computer. Also habe ich am Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag wieder gegen 17 Uhr sechs, sieben Nachrichten zusammengestellt und via Modem und AOL hochgeladen. Kennst du dich an das Geräusch vom Modem noch erinnern?

Ganz dunkel.

Peter Turi: Ich werde das Geräusch des Modems auf jeden Fall nie vergessen: Erst fiepfiepfiep, dann, wenn die Verbindung endlich stand, dröngdröngdröng. Erst danach konntest du lesen oder hochladen. Nix always on. Am Freitag hat Thomas dann mitgekriegt, was ich da treibe und dringend gefragt, wie wir damit Geld verdienen wollen. Das war ihm sehr wichtig.

Verständlich.

Peter Turi: Ja, er hatte den kaufmännischen Part. Ich habe nur an die Möglichkeit gedacht, schneller zu sein als die Konkurrenz. Und weil ich unbedingt weitermachen wollte, wurde ich für einen Tag zum Online-Anzeigenverkäufer. Ich habe also die beiden ersten und einzigen Akquisitionsanrufe in meinen fünf Jahren als Co-Verleger und Chefredakteur von Kress gemacht: Ich habe Helmut Markwort angerufen und ihm einen Banner für die Seite links oben für Focus Online verkauft. Danach habe ich Dirk Manthey angerufen und ihm einen Banner rechts oben für "TV Spielfilm" verkauft. Von den immerhin 4.000 DM Einnahmen pro Monat haben wir einen Volontär eingestellt: den famosen Thomas Kemmerer, zufällig wie ich Walldorfer. Der hat kress.de dann wirklich nach vorne gebracht. Heute ist er, wie ich glaube, der wichtigste Mann für DuMonts Digitalgeschäft.

Was hat es eigentlich gekostet, damals kress.de an den Start zu bringen?

Peter Turi: Nur Mühe, meine Arbeitszeit. "Täglich kress, täglich Stress" war damals ein geflügeltes Wort. Denn hauptsächlich musste ich natürlich den gedruckten "kressreport" machen. Bis Thomas Kemmerer kam, war es wirklich wahnwitzig viel Arbeit für mich. Sonst hatten wir nach meiner Erinnerung keine Kosten: Die Programmierung hat ein Student namens Andreas Bohn übernommen, der heute mit i42 ein Digitalagentur in Mannheim betreibt. Andreas war so schlau und hat uns seine Arbeit auf Provisionsbasis verkauft: Er wollte 25 Pfennig von jeder Werbemark. Ein sehr schlauer Deal - für ihn: Als das Internet explodierte und wir im Jahr 2000 auf eine Mio DM beim Online-Umsatz zusteuerten, hat er mehr verdient als Thomas und ich zusammen. Aber dann platzte die Dotcom-Blase und es ging bergab.

Hast du Inhalte aus dem Heft genommen oder eigene Storys fürs Netz?

Peter Turi: Ich habe instinktiv von Anfang an aus dem Heft nur Teaser online gestellt. Die Geschichte angerissen und dann - ätschibätsch, die ganze Geschichte lesen nur kress-Abonnenten. Das funktionierte ganz gut, wir brachten die Auflage von 1.866 auf über 2.000. Online ging alles, was an diesem Tag passierte, jeden Tag gegen 17 Uhr. Ganz pur, 3-5 Zeilen Text pro Meldung, keine Grafik, nur Fettungen, kaum Links, weil es damals kaum was im Internet gab. Aber wir waren halt wahnsinnig schnell im Vergleich zum Wochenrhythmus der Konkurrenz.

Wie waren die Reaktionen der Leser?

Peter Turi: Die waren happy - alle zehn! (lacht) Nein, ich glaube, es waren von Anfang an 200, 300 Leser täglich. Dann haben Computerzeitschriften, Foren etc berichtet. Im Internet bewegte sich damals nur eine kleine Avantgarde von Nerds, die jeden Neuankömmling mit Hallo und Sympathie begrüßt haben.

Gab es schon andere Mediendienste im Web?

Peter Turi: Nein. Wir hatten ja nichts, Bülend. Das kannst du dir nicht vorstellen. Telefax und Videotext waren die schnellsten Medien damals. Für jedes kleine Faktum musstest du rumtelefonieren. Es gab weder Google noch Facebook. Wir waren Pioniere - mehr oder weniger zufällig. Hab ich dir die Geschichte erzählt, wie Edda Fels und ich die digitale Textanzeige erfanden?

Nein. Nur zu.

Peter Turi: Also irgendwann kurz nach unserem Start rief Edda Fels aus der Springer-Pressestelle an und wollte irgendwas bewerben. Ich glaube, es war der Start von Bild.de. Sie hatte aber grad niemanden zur Hand, der Banner bauen konnte. Da habe ich gesagt: "Geben Sie mir einfach den Text und den Link, ich mach das schon." Dann habe ich über den Text "Anzeige" geschrieben, einen Link ans Ende des Textes gesetzt und den Satz "Ende der Anzeige". So haben wir die digitale Textanzeige erfunden - jedenfalls im deutschen Netz. Google hat die Sache später aufgegriffen und noch etwas verfeinert. (lacht)

Ein echter Pionier.

Peter Turi: Ohne es zu wissen! Und kurz danach hab ich Facebook erfunden, na ja, den deutschen Vorläufer, zumindest von Xing - kressköpfe. Kennt der eine oder andere noch.

Was war die Idee hinter kressköpfe?

Peter Turi: Nachdem Thomas Kemmerer "täglich kress" übernommen hatte, wurde mir wieder langweilig. (lacht) Ne, im Ernst: Wir schrieben damals im "kress report" immer das Alter der Leute in Personalmeldungen rein. Das machte schon Günther Kress so. Er sagte "Ist doch ein Unterschied, ob jemand 36 oder 63 ist, wenn er Chefredakteur oder gefeuert wird." Na ja, mich hat gestört, dass es immer ein großes Rumgerate und Rumgefrage war, bis man das Alter raushatte. Deshalb haben wir unsere Leser und Abonnenten, also die Branchenpromis angeschrieben und sie gebeten, uns ihr Alter zu nennen.

Haben die bereitwillig mitgemacht?

Peter Turi: Zum Teil ja. Weil "Kress" für sie eine Marke ihres Vertrauens war. Aber ein Teil hat uns mit dem Anwalt gedroht oder gleich eine Abmahnung geschickt, dass sie keinesfalls online erscheinen wollten. Als ich im Jahr 2000 von "Kress" weg bin, habe ich die "Köpfe" mitgenommen und versucht, ein großes Ding für alle Branchen daraus zu machen. Aber wir haben es nicht hinbekommen.

Warum nicht?

Peter Turi: Ich sehe im Nachhinein drei Gründe: 1. die deutschen Datenschutz-Hysterie, 2. unsere Fixierung auf die Verlagsbranche, die damals wie heute nicht wirklich innovativ ist und 3. uns fehlte einfach die Ahnung, wie man so eine Sache ganz groß macht. Lars Hinrichs ist dann hergegangen und hat mit den Journalisten aus kressköpfe und seinen Freunden aus der Internet-Szene Xing - damals OpenBC - gestartet. Später sind die Köpfe dann wieder zu "Kress" gekommen. Es freute mich, dass mein Freund Hans Oberauer - der beste Fachverleger, den Eugendorf im Salzburger Land je hervorgebracht hat - sie jetzt wieder hegt und pflegt.

Es gibt Leute, die sagen, viele Verlagsmanager hätten bei kress.de Internet gelernt. Wie ist das gemeint?

Peter Turi: Zumindest bei Gruner + Jahr war es definitiv so, dass der Vorstand sich immer geärgert hat, dass die Assistenten und Sekretärinnen dank "täglich kress" mehr wussten als sie. Bis dahin waren PCs Arbeitsgeräte für Untergebene. Weil sie "täglich kress" lesen wollten, haben viele Chefs sich dann einen eigenen PC auf den Schreibtisch stellen lassen.

Glaubst du, dass du mit kress.de dazu beigetragen hast, dass so viele Medien den Weg ins Internet gefunden haben?

Peter Turi: Nein. Den hätten sie auch ohne mich gefunden. Die Zeit war einfach reif, ich stand nur zufällig an exponierter Stelle. Etwa so wie der Mann im Ausguck der Santa Maria, der im Morgengrauen des 12. Oktober 1492 "Land in Sicht" rief, als Christoph Kolumbus die neue Welt erreichte - genauer gesagt eine vorgelagerte Insel. Der Name des Mannes ist heute zurecht vergessen. Aber er selbst wusste: Ich war dabei.

Mit Peter Turi, Gründer von kress.de und Verleger von turi2, sprach kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük.

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