"Spiegel"-Reporter Guido Mingels: "Der Journalismus scheitert an einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit"

 

Seine "Spiegel"-Kolumnen aus dem vergangenen Jahr hat Guido Mingels in einem Buch zusammengefasst. "Früher war alles schlechter" heißt das Buch, über das er mit kress.de gesprochen hat. Der 46-jährige Reporter ist heute stellvertretender Ressortleiter des Gesellschaftsressorts und meint, weil es zum Selbstverständnis des Journalismus gehöre, sich auf das Offenlegen von Missständen zu beschränken, "scheitert er an einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit". 

kress.de: Lassen Sie uns provokant beginnen: Ihr Buch heißt "Früher war alles schlechter". Wirklich alles? Was ist mit der "Spiegel"-Auflage?

Guido Mingels: Stimmt, die sinkt. Schon wahr, nicht absolut alles war früher schlechter. Zum Beispiel konnte ich persönlich früher besser kochen und besser Gitarre spielen. Andererseits, punkto "Spiegel"-Auflage: Die Zahl der Leser von "Spiegel"-Produkten, neudeutsch total audience genannt, steigt natürlich, wenn man die digitalen Leser dazuzählt, und warum sollte man die weglassen. Auch ich selbst lese "Spiegel"-Inhalte fast nur noch digital. Das Problem ist, wie wir wissen, dass die Leser, die immer mehr werden, immer weniger bezahlen wollen. Ein großes Problem!

kress.de: Eigentlich sind Sie ein Melancholiker, schreiben Sie. Verhelfen die vielen positiven Trends, die Sie Woche für Woche für den "Spiegel" entdecken, nicht auch zu grundsätzlich guter Laune?

Guido Mingels: Leider nicht wirklich, muss ich sagen. Da schaut der Mensch - und ich auch - zu sehr nur auf sich selbst. Die Tatsachen, dass die Menschen fast überall auf der Welt immer länger leben, immer gesünder sind, dass die Armut schwindet, dass Kriege weniger werden, dass die Mordraten sinken - all das hilft einem leider nicht weiter, wenn man denkt: heute ist aber wieder ein richtig mieser Tag bei mir. Übrigens bin ich mit meinem privaten Pessimismus und allgemeinem Optimismus eher eine Ausnahmeerscheinung. Die meisten Menschen ticken umgekehrt; sie überschätzen die eigenen Möglichkeiten und unterschätzen den Fortschritt auf der Welt. Das ist auch nicht besser.

kress.de: Jetzt mal konkret: Die Lebenserwartung verlängert sich rasant, legen Sie dar. Wäre da ein deutlich höheres Renteneintrittsalter nicht logisch und gar nicht so schlimm?

Guido Mingels: Doch, wäre logisch. Sollte man machen. Die Erfindung der Regelaltersgrenze 65 Jahre ist in Deutschland 100 Jahre her, als die Lebenserwartung bei 50 Jahren lag. In diesen 100 Jahren hat die deutsche Bevölkerung volle 30 Jahre Lebenserwartung dazugewonnen, man hält aber weiterhin stur an der 65 fest. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Dänemark hat das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt, ein vernünftiger Schritt. Was sollen die vielen kerngesunden Rentner künftig auch jahrzehntelang den lieben langen Tag machen, wenn sie nicht mehr arbeiten dürfen?

kress.de: Sie haben lustige Details recherchiert mit ernstem Hintergrund - zum Beispiel zur Körpergröße. "Kommunismus macht klein", schreiben Sie. Warum?

Guido Mingels: Durchschnittliche Körpergrößen und deren Zu- oder Abnahme sind ein guter Maßstab zur Beurteilung der historischen Entwicklung von Lebensbedingungen. Wie groß Menschen werden, hängt davon ab, ob sie sich ausgewogen und reichhaltig ernähren können und wie gut die Gesundheitslage ist - beides ist wiederum abhängig vom Wohlstandsniveau. Osteuropäer waren um 1900 gleich groß wie Westeuropäer, verloren aber während der sowjetischen Herrschaft bis 1970 volle drei Zentimeter. Die Deutschen sind im 20. Jahrhundert um 11 Zentimeter gewachsen. Elf Zentimeter!

kress.de: In der Schule wurde uns beigebracht, die klassische Alterspyramide sei Ausdruck einer perfekten Bevölkerungsstruktur. Sie schreiben nun, es sei gut, dass sich die Pyramide zunehmend in ein Hochhaus verwandele. Wieso?

Guido Mingels: Wir sind darauf konditioniert zu glauben, es sei gut, wenn es in einer Gesellschaft mehr Kinder als Alte gibt, mehr tatkräftige junge Menschen und wenige abhängige Betagte. Für ein Rentenmodell mag das vordergründig von Vorteil sein. Aber ein solcher Zustand ist immer mit einer Gesellschaft verbunden, in der Armut, Krankheiten und früher Tod vorherrschen. Die Stufen der Pyramide entstehen, weil in jedem Lebensalter viele Menschen sterben, Säuglinge, Kinder, Jugendliche, junge Mütter, die früh aus der Statistik verschwinden. Je ärmer ein Land, desto eher gleicht seine Bevölkerungsstruktur der Pyramide. Je wohlhabender das Land, desto eher ähnelt seine Bevölkerungsstruktur einem hochstehenden Rechteck - oder eben einem Hochhaus.

kress.de: In der 1980ern galt das "Waldsterben" als ausgemachte Sache. In Wirklichkeit ist der deutsche Wald in den vergangenen fünf Jahrzehnten um die Größe Jamaikas gewachsen, wie Sie uns wissen lassen. Werden unsere Nachkommen in weiteren 50 Jahren auf die prognostizierte Klimaerwärmung genauso blicken wie wir heute auf das Waldsterben?

Guido Mingels: Was Sie da ausmalen, wäre unübertrieben die bestmögliche Nachricht des gesamten vor uns liegenden 21. Jahrhunderts. Schön wär's! Die Klimaerwärmung ist leider die große Ausnahme von meiner Regel "Früher war alles schlechter". Es gibt zwar eine Menge einzelner guter und überraschender Nachrichten im Bereich Umwelt - die verbesserte Gewässerqualität Deutschlands etwa, die sauberer werdende Luft in vielen Großstädten, die steigende Zahl der Pandas und Tiger -, aber das große Ganze, der menschgemachte Treibhauseffekt, die steigenden Ozeane, stellt ein Problem dar, das alle anderen Probleme weit überragt. Ich hoffe auf die Erfindungsgabe des Menschen. Auf technische Lösungen, auf Geo-Engineering. Vermutlich muss es aber zuerst noch viel schlimmer werden, zu irgendeiner riesigen Katastrophe kommen, bevor der Mensch diese Bedrohung wirklich ernst nimmt.

kress.de: Die Armen werden immer reicher, globale Ungleichheit nimmt ab. Sitzen wir Mythen auf, die politisch instrumentalisiert werden?

Guido Mingels: Ja und nein. Die Ungleichheit sinkt zwar global, wächst aber in der jüngeren Vergangenheit innerhalb einzelner Nationen, besonders etwa in den USA oder in Großbritannien, was ein echtes Problem ist, kein Mythos. Empfänglich für die Parolen von Populisten ist die Mittelschicht in den Industrieländern, die in der Tat in diesem Jahrtausend geringere Wohlstandsgewinne verzeichnete als die Reichen und die Armen. Das sind Leute, die aufgrund des gebremsten Wachstums Angst davor haben, dass es ihre Kinder einmal schlechter haben werden als sie selbst. Das ist das Dilemma hoch entwickelter Gesellschaften: Wer viel hat, hat viel zu verlieren - dadurch steigt die Angst.

kress.de: Sie wollten Probleme klein reden, werfen Ihnen einige Leser vor. Am Beispiel der Aids-Toten beschreiben Sie dieses Phänomen. Immer noch sterben jährlich 1,1 Millionen Menschen an der Immunschwächekrankheit. Was ist daran gut?

Guido Mingels: Das einzig Gute daran ist, dass die Zahl seit langer Zeit konsequent sinkt, 2005 waren es zwei Millionen Aids-Tote. Da kommen wir zu einer Kernaussage meiner Kolumne und des Buches: Entscheidend sind die langfristigen Entwicklungen, nicht die einzelnen, absoluten Zahlen der Gegenwart. Oder wie Bill Clinton einmal sagte: Don't follow the headlines, follow the trendlines. Ich finde, man sollte Zahlen, die man so liest, überhaupt nicht ernst nehmen, wenn sie nicht in einem sinnvollen Entwicklungszusammenhang präsentiert worden sind, und das muss in der Regel mehr sein als der Vergleich mit dem Vorjahr. 

kress.de: Die meisten Amerikaner sind überzeugt, in ihrem Land würden immer mehr Menschen erschossen. Auch die Deutschen dürften das glauben. Doch das Gegenteil ist richtig. Tragen wir Journalisten an diesem Irrglauben den Hauptanteil?

Guido Mingels: Was die USA betrifft, so trägt neuerdings Donald Trump die Hauptschuld am falschen Bild in der Öffentlichkeit. Er lässt keine Gelegenheit aus, den Leuten weiszumachen, dass die Mordraten stiegen - was aber ausschließlich für das letzte Jahr gilt und auch nur für ein paar bestimmte Großstädte. Die Makro-Perspektive zeigt dagegen, dass die Schusswaffengewalt in den USA seit den frühen Neunzigern enorm gesunken ist. Allgemein betrachtet aber stimme ich Ihnen zu: Die Medien zeichnen ein falsches, zu dunkles Bild der Welt, weil sie sich eben fast ausschließlich für ihre dunklen Seiten interessieren. Weil es zum traditionellen Selbstverständnis des Journalismus gehört, dass sich seine Aufgabe auf das Offenlegen von Missständen beschränkt, scheitert er an einer realistischen Darstellung der Wirklichkeit.

kress.de: Auch bei den weißen Weihnachten? Sie erklären uns, dass sich der Klimawandel bisher darauf gar nicht auswirke. Dabei gab es doch früher immer Schnee an Heiligabend...

Guido Mingels: Das Trugbild der weißen Weihnachten führt uns vor allem eine psychologische Falle vor, auf der viele unserer Fehleinschätzungen beruhen. Da ist zum einen die Tatsache, dass wir Ausnahmen einen viel höheren Wert beimessen als dem Normalzustand. Ein Deutscher hat vielleicht in seiner Kindheit zwei oder drei weiße Weihnachten erlebt, diese haben sich aber so in sein Gedächtnis eingebrannt, dass der Normalfall, die grüne Weihnacht, kaum mehr durchdringt. Darüber hinaus filtert das Gedächtnis unangenehme Erinnerungen heraus und behält nur die schönen bei; das nennt man Nostalgie. Und vor einer solchen geschönten Kulisse der Vergangenheit erscheint sehr vielen Menschen die Gegenwart dann als Schwundstufe, als Rückschritt.

kress.de: Zum Schluss bitte noch eine kleine Prognose: Wird 2017 besser als vergangenes Jahr?

Guido Mingels: Ich gehe davon aus. Der Umkehrschluss aus "Früher war alles schlechter" ist "Heute ist alles besser, und morgen wird alles vermutlich noch besser". Wenn wir zurückblicken, sehen wir fast überall Fortschritt. Warum sollten wir von der Zukunft vor allem den Niedergang erwarten?

Hintergrund: Guido Mingels, 1970 in Luzern geboren, ist seit 2012 beim "Spiegel". Zuvor arbeitete er für das Zürcher "Tagesanzeiger-Magazin". Er hat Germanistik, Linguistik und Philosophie studiert.

kress.de-Tipp: Guido Mingels, "Früher war alles schlechter", 128 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 978-3-421-04768-7.

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