Buzzfeed, Online-Journalisten und der alltägliche Wahnsinn

 

"JOURNALISMUS!" Die Paul-Josef-Raue-Kolumne empfiehlt Journalisten für die ruhigen und sonnigen Tage um Ostern die Lektüre des "Jahrbuch für Journalisten 2017" und gibt zwei Lesetipps: Essays von "FAZ"-Digi-Chefredakteur Blumencron über Facebook und Journalismus sowie von "Zeit"-Digi-Chefredakteur Wegner über die Paradoxien, mit denen eine Online-Redaktion leben und leiden muss.

Der beste Journalismus eines Jahres in einem Buch - das war einmal: Die großen Preise, ob Kisch oder Theodor Wolff, versammelten einst die großen Reportagen. Volontäre erfuhren, wie man schreiben muss, um preiswürdig zu werden; die Altgedienten wurden still und neidisch und konnten vergleichen, warum sie nicht dabei waren, oder sie wollten einfach staunen, mit Respekt und der Bereitschaft, dem Guten nachzufolgen; die einfachen Leser außerhalb der Zunft mussten nicht mehr mühsam zusammensuchen, was in einem Jahr Brillantes erschienen war, sondern bekamen es in einem Paket.

In meinem Bücherregal steht immer noch "Schreib das auf - Deutsche Reportagen", ein "Stern"-Buch von 1978 mit den preisgekrönten Geschichten des Egon-Erwin-Kisch-Preises, eingeleitet von Henri-Nannen, der den Preis gegründet hatte:

"Noch immer ist die Reportage bei uns ein schweres Geschäft. Nicht weil der Reporter - anders als der Leitartikler am Schreibtisch - vor Ort gehen muss, weil er Kriege und andere Gefahren nicht fürchten und die mühsame von Karl Kraus geringgeschätzte Arbeit eines 'Kehrichtsammlers der Tatsachenwelt' nicht scheuen darf. Sondern weil wir in einem Lande leben, in dem Langeweile und Seriosität nahezu als Synonyme gelten. Noch immer ist der erhobene Zeigefinger des Lehrmeisters der Nation mehr angesehen als die nur scheinbar leichte Feder des Reporters."

Vor der besten Reportage - Peter Sortorius' "Blindekuh unterm Nordkap" - ließ Nannen auf buntem Papier Kischs erste Reportage drucken: "Debut beim Mühlenfeuer", die mit dem Satz endet, der im Fake-News-Zeitalter in jedem Nachrichtenraum hängen müsste:

"Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluss."

Die Sammlungen der preisgekrönten Reportagen verkauften sich nicht gut und kamen, als das Geld knapper wurde, auf die Einspar-Liste der Manager.

Das "Jahrbuch für Journalisten" folgte, erscheint in diesem Jahr zum zehnten Mal: Dieter Golombek, Ex-Chef der Jury des Deutschen Lokaljournalisten-Preises, sammelt Artikel, die einen Blick auf den Umbruch in Journalismus und Gesellschaft werfen -  "um etwas Licht dorthin zu tragen, wo es noch finster ist", wie es Herausgeber Johann Oberauer in einem früheren Jahrbuch formulierte.

So ist das Kapitel "Trend" das wichtigste geblieben: Wohin steuert das Journalismus? Ein wenig verzweifelter könnten wir auch fragen: Wohin treibt er? Schauen wir in das Jahrbuch 2017:

Mathias Müller von Blumencron ist Digital-Chefredakteur, einst beim "Spiegel", heute bei der "FAZ": In "Verschlingt Facebook des Journalismus" schreibt er über die "medialen Drogen einer im  tiefsten Inneren verunsicherten Gesellschaft":

"Bei Buzzfeed und ähnlichen Angeboten geht es primär nicht um Neuigkeiten, Nützliches oder Unterhaltsames. Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer." Die Plattformen spielen einen Dreiklang: Sie verbinden Menschen zuerst mit sich selbst, dann mit den engsten Freunden und schließlich mit ihrer Subkultur. Die Gesellschaft und ihre Themen spielen kaum eine Rolle.

Facebook wird für viele zur ersten Nachrichtenquelle: "So wird Subjektivität verobjektiviert", schreibt Blumencron. Was in den sozialen Netzwerken am meisten gelesen wird, hat nur noch wenig mit den Nachrichten gemein, die man in der alten Welt Nachrichten nannte - also all das, was die Welt bewegt. "Hier liegt die weitreichendste gesellschaftliche Folge der sozialen Netzwerke: Ihr Tun dient nicht primär der Welterkenntnis, sondern der Selbsterkenntnis."

Die Blumencron-Feststellung deckt sich mit einer neue Studie aus den Vereinigten Staaten, von der das Nieman-Lab vor einigen Tagen berichtete: Was ist für einen Facebook-Nutzer entscheidend, ob er einer Nachricht  vertraut oder nicht? Die Antwort dürfte für Journalisten niederschmetternd sein: Nicht der Autor, nicht die Quelle - also Magazin oder Zeitung -, sondern der "Freund", der die Nachrichten weitergeleitet hat. In dem Experiment konnten sich nur zwei von zehn Facebookern überhaupt an die Quelle der Nachricht erinnern.

Die Wissenschaftler, die die Studie auswerteten, geben Facebook und anderen sozialen Netzwerken den Rat: Ihr könnt mehr tun, um die Quelle herauszustellen; Ihr müsst Informationen über die ursprünglichen Quellen liefern!

Wenn man sieht, wie sich "Fake news" auf soziale Medien ausbreiten, bestätigt dieses Experiment nach Meinung der Forscher:

"Die Menschen unterscheiden kaum zwischen bekannten und unbekannten, ja sogar erfundenen Quellen, wenn es darum geht, Nachrichten zu vertrauen und zu teilen. Sogar 19 Prozent der Leute, die unsere fiktive Nachrichtenquelle gesehen haben, wären bereit gewesen, die Nachricht einem Freund zu empfehlen."

Zurück zu Mathias Müller von Blumencron: Er zitiert Mat Yarow, Direktor einer Abteilung für "Audience Development" bei der 'New York Times', die unzählige Artikel direkt für Facebook oder Snapchat produziert mit dem Ziel: "Das System fluten und dann Facebook den Job machen lassen." Geld sei damit nur wenig zu verdienen, aber die Hoffnung bleibe, dass die Facebooker am Ende doch auf den Seiten der Zeitung landen. "Aber es bedeutet auch, die Ego-Maschinen weiter zu füttern", schreibt Blumencron, "und das Informationsgefüge der Gesellschaft zu verändern."

"Es gibt Momente, da wünsche ich mir, das Internet sei nie erfunden worden", schreibt "Zeit Online"-Chef Jochen Wegner den Lesern seiner Wochenzeitung. Der zweite Lesetipp aus dem Jahrbuch gilt keinem Trend, sondern dem alltäglichen Wahnsinn mit der Online-Aktualität. "Das paradoxe Leben der Livemedien", nennt Wegner seinen Artikel, in dem er fragt: Wie soll eine Online-Redaktion aktuell berichten, etwa bei einem Terror-Attentat, ohne solide, gut recherchierte Informationen zu besitzen?

"Onlinejournalismus scheint inzwischen aus einem steten Strom von großen Lagen zu bestehen, in deren Zwischenräume wir noch etwas gute, alte Normalität füllen." So fragt Wegner nach zehn Tagen 2016 mit vier Ereignissen, die jede Redaktion und vor allem die Bürger überforderten: Amoklauf in München; Axt-Attentat in Würzburg; Terror in Nizza und Putsch in der Türkei.  Die Zeit hat für solche "Lagen", so ein dem Polizei-Jargon entliehener Begriff, eine Routine entwickelt: Ein Krisenteam in eigens eingerichteten Chatgruppen startet einen Liveblog und  recherchiert mit Korrespondenten und Reportern.

Solche Lagen sind also wie gemacht für Online-Redaktionen, die auf keinen Druckplan Rücksicht nehmen müssen. Nur - "diese Freiheit kann sich gegen sie wenden, und auf jedes Großereignis folgt verlässlich Kritik an der laufenden Berichterstattung." Wegner nennt fünf Paradoxien, mit denen eine Online-Redaktion  "schuldlos schuldig" wird:

1. Wir können nicht nicht kommunizieren.

2. Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen.

3. Wir spielen mit bei einer Inszenierung, die wir durchschauen.

4. Es ging uns so gut, es war noch nie so dramatisch.

5. Unsere eigene Medienkritik denken wir bereits mit.

Im Jahrbuch diskutiert Wegner diese Paradoxien ausführlich und endet mit der Folgerung, die seine Redaktion aus vielen internen und öffentlichen Diskussionen gezogen hat: "In einigen Wochen werden wir damit beginnen, unsere Diskussionen und Fehler an zentraler Stelle zu dokumentieren."

Henri Nannen schloss vor vierzig Jahren sein Vorwort der "Deutschen Reportagen" mit Kischs Verbeugung vor Voltaire, dem großen lächelnden Aufklärer:

"Er wollte nicht viel, wie er selbst sagte, er wollte nur die Menschen ein wenig weniger dumm, ein wenig weniger grausam und ein wenig weniger gemein machen."

Info

Das "Jahrbuch für Journalisten 2017" erscheint in der "edition oberauer", 178 Seiten, 19.50 Euro. Der Oberauer-Verlag gibt auch kress.de heraus.

Der Autor

Paul-Josef Raue setzt den "Schlusspunkt" im "Jahrbuch 2017": "Deutsch reden wie Martin Luther"; er schreibt im Lutherjahr für fünf Zeitungen die wöchentliche Kolumne "Luther aufs Maul geschaut". Raue arbeitete 35 Jahre lang als Chefredakteur von Lokal- und Regionalzeitungen, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Er gründete in der DDR-Revolution mit der "Eisenacher Presse" die erste deutsch- deutsche Zeitung. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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