Vasily Gatov, 51, blickt auf rund dreißig Jahr internationale Erfahrung als Journalist und Autor zurück. Geboren in Moskau, berichtete er als Reporter etwa über die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986, den August-Putsch 1991 und den ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996. Später arbeitete er als Manager und Stratege für viele russische Medien, etwa Ren TV Network, Media3, Russlands größten Medienkonzern, und die nationale Multimedia-Nachrichtenagentur RIA Novosti, deren ambitioniertes MediaLab er 2011 gründete. Seit 2006 ist er Vizepräsident der Russian Publishers Guild, seit 2008 Vorstandsmitglied der World Association of Newspapers and News Publishers WAN-IFRA, seit 2010 geschäftsführender Gesellschafter von 625 Publishers. Gatov veröffentlicht regelmäßig zu Themen wie "Die Zukunft der Massenmedien" und lehrt unter anderem am Annenberg Center on Communication Leadership & Policy der University of Southern California USC.

Auf den Journalismus alter Prägung sieht Gatov einen fundamentalen Wandel zukommen, weil der Konsument weitaus flexibler sei als die Branche selbst. Milliarden Menschen nutzen weltweit Facebook, Snapchat und Co, viele davon bewerten soziale Medien als seriöse Quelle. Daraus erwächst eine neue Aufgabe für den Qualitätsjournalismus: "Er muss nicht nur Nachrichten sammeln und verbreiten, sondern vermehrt auch bereinigen", so Gatov in einem Interview aus dem gerade erschienen Buch "Über Morgen" (Herausgeber: Oliver Schrott Kommunikation) zur Zukunft des Journalismus.

Gleichwohl glaubt Gatov, dass die grundlegenden Tugenden des Journalismus - die exakte Recherche vor Ort, das Zuhören und Nachhaken sowie ein für das jeweilige Medium optimiertes Erzählen - nach wie vor Bestand haben werden. Verändert haben sich größtenteils die Kanäle und die technischen Möglichkeiten der Erzählungen, weniger das grundlegende journalistische Handwerkszeug.

Wie zeichnet sich Qualitätsjournalismus in Zukunft aus und was schadet ihm?

Vasily Gatov: Da gibt es keine generelle Definition. Was wichtig für den amerikanischen Qualitätsjournalismus ist, mag für chinesische Medien kein Thema sein. Persönlich sehe ich die Rolle des Journalismus heute als Filter im Informationsüberfluss, der einen möglichst wertfreien Überblick über die Tagesthemen gibt - zusammen mit einer ethischen Interpretation der Ereignisse.

Die größte Bedrohung für den Qualitätsjournalismus sind das fehlende Verständnis dieser Aufgabe und der Mangel an Selbstbestimmung. Viele Journalisten lassen sich zu sehr von der Technik treiben, anstatt eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn Journalisten in den Massenmedien zu technisch arbeiten, Informationen nur noch sammeln und verbreiten, ist das zu wenig. Eine der wichtigsten Aufgaben, die das 21. Jahrhundert für die journalistische Arbeit gebracht hat: Zu den vier klassischen Elementen - Sammeln, Verarbeiten, Nachhaken und Veröffentlichen - ist das Bereinigen gekommen. Heute und in den nächsten Jahren ist es wichtig, Lösungen zu entwickeln, die es verhindern, dass aus bösartigen Gründen gefälschte Nachrichten Verbreitung finden. Mark Zuckerberg reagierte schnell und kündigte wenige Tage nach der Wahl von Donald Trump und der Diskussion rund um die Verbreitung von Falschmeldungen auf Facebook erste Maßnahmen an. Es sei ihm wichtig, dass die Nutzer schnell und einfach potenzielle Falschmeldungen im Netzwerk markieren und entlarven können. Zudem möchte Zuckerberg verstärkt mit unabhängigen externen Journalisten zusammenarbeiten, um mehr von ihren Nachrichten-Kontrollsystemen zu lernen. Aus meiner Sicht ist es ein unumgänglicher Weg sowohl für Facebook als auch die Konsumenten.

Was sind die großen Trends im Journalismus und was wird sich davon künftig durchsetzen?

Vasily Gatov: Ich sehe nur einen Trend: das Auswerten. Wie es schon einmal im und nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig war. Heute kommt die Gefahr weniger aus Richtung organisierter Propaganda, sondern von den Millionen Autoren und Verteilern. Dies ist gerade dort, wo soziale Medien die Rolle des öffentlichen Raumes eingenommen haben, sehr problematisch. Plötzlich verwenden Menschen Facebook oder Twitter als journalistische Quellen - und diese werden wichtiger als ethische Medien. Wir sehen das gerade deutlich bei Donald Trump in den Vereinigten Staaten: Er hat seine Posts in den sozialen Netzwerken genutzt, um die etablierten Medien dazu zu bringen, seine Sicht zu verbreiten. Soziale Netzwerke können eine enorme Macht ausüben: Wo es vorher redaktionelle Prüfungen gab, ist plötzlich nur noch eine Person für die Veröffentlichung von Inhalten und Meinungen zuständig.

Wie und wo recherchieren Sie nach guten und spannenden Inhalten?

Vasily Gatov: Soziale Medien sind auf jeden Fall keine echte Quelle. Sie sind ein angenehmes Instrument, um schnell lokale Informationen zu finden und zu prüfen. Das Problem ist aber genau diese Bequemlichkeit: Man tendiert dazu zu vergessen, dass man die physische mit der digitalen Realität verbinden muss - nicht umgekehrt.

Recherchequelle muss immer die reale Person sein, nicht ihre Medienpräsenz. Nicht, weil digitale Profile eine Täuschung sein könnten oder Teil eines künstlerischen Projekts, sondern weil das Leben nun mal nicht in den sozialen Netzwerken stattfindet, sondern draußen in der realen Welt.

Was muss man als Journalist künftig tun und können, um gelesen und konsumiert zu werden?

Vasily Gatov: Eine der großen Stärken von Qualitätsjournalismus ist die eigentliche Geschichte, die Story. Journalisten müssen jeden Aspekt ihrer Arbeit als Geschichtenerzähler verstehen. Sie müssen präzise und exakt sein in der Art, wie sie die Geschichte erzählen, aber auch, wie sie von verschiedenen Menschen verstanden werden könnte.

Ein zweiter Aspekt ist der Übertragungsweg. Es gibt Dinge, die sich am besten als Interview und eben nicht aus der Ich-Perspektive erzählen lassen. Manche Geschichten sind perfekt dafür, aufgeschrieben zu werden, andere hingegen eignen sich besser fürs Fernsehen. Daher würde ich eine gemäßigte Form des Satzes von Marshall McLuhan bestätigen: Das Medium ist die Botschaft. Bedeutet: Journalisten müssen über ihr Medium nachdenken. Es existieren heute so viele Informationskanäle, dass gar nicht alle parallel genutzt werden können. Vielleicht lassen sich über Instagram und eine auf den Kanal zugeschnittene Erzählung zusätzliche und neue Zielgruppen erreichen. Nur muss eben vorher geprüft werden, ob der Inhalt in dieser Verpackung überhaupt korrekt transportiert werden kann und nicht entscheidende Informationen durch die Nutzung eines bestimmten Mediums verloren gehen.

Die technologischen Veränderungen sind rasant - wie müssen sich vor diesem Hintergrund der Journalismus verändern und deren Anbieter anpassen?

Vasily Gatov: Massenmedien wie Radio, Fernsehen und Print waren ein wichtiger Antreiber für die technische Entwicklung im 21. Jahrhundert. Plötzlich war da besserer Sound, präziserer Druck, ein schärferes Bild. Mit anderen Worten: Es waren die Massenmedien selbst, die die technischen Veränderungen vorangetrieben haben. Das Internet als Technologie ist außerhalb von Medieninvestitionen entstanden. Der Unterschied zur Epoche des Internets ist, dass nun die Massenmedien der technischen Veränderung des Internets folgen müssen. Statt zumindest teilweise Anführer des technologischen Wandels zu sein, wurden die Massenmedien zum verspäteten Benutzer der Technologie. Sie müssen verstehen, dass der Konsument viel flexibler im Umgang mit Technologien geworden ist - er will Inhalte schnell zur Verfügung gestellt bekommen, egal, wo er gerade ist. Die Anbieter müssen sich an seine Nutzungsgewohnheiten anpassen. Zum Beispiel könne sich das TV-Gerät künftig merken, ob man die Nachrichten einmal am Tag in Gänze sehen möchte oder über den Tag verteilt als kurze Videos, zu denen man Updates abonnieren kann. Die Anbieter müssen die verschiedenen Formate dann für den jeweiligen Nutzer zur Verfügung stellen.

Wie verdient der Großteil der Medien künftig Geld?

Vasily Gatov: Von den drei wesentlichen Einkommensquellen - Ausgaben der Verbraucher, Werbung und Einkommensbeteiligung an der technischen Verbreitung - wird die letzte immer wichtiger. Gemeint sind damit die Verbreitung über Kanäle wie Facebook oder Google und die Beteiligung der Anbieter an den Werbeeinnahmen. Für Facebook ist es wichtig, den Guardian in ihrem Feed zu haben, für den Guardian ist es wichtig, Facebook als Verbreitungskanal zu nutzen.

Wie sehen Ihrer Ansicht nach journalistische Inhalte und die Angebotslandschaft in fünf Jahren aus?

Vasily Gatov: Es wird immer wichtiger zu wissen, wer die Konsumenten sind. Wenn ein Journalist weiß, dass der Bürgermeister, der Leiter der lokalen Polizei oder ein Schulkomitee seine Geschichte gelesen haben, kann das in sozialer Hinsicht ebenso wichtig sein wie eine Million "normaler" Leser. Im industriellen Zeitalter lautete der soziale Vertrag zwischen den Massenmedien und der Gemeinschaft: Informiert uns alle, damit unsere Entscheidungen eine vernünftige Basis haben. In der modernen Informationsgesellschaft funktioniert die Massenverteilung in der klassischen Form nicht mehr: Jede Nachricht, die das Internet erreicht, ist öffentlich zugänglich und betrifft eine unbestimmte Zahl von Menschen. Es ist daher wichtig zu wissen, ob man diejenigen erreicht hat, die die Macht haben, ein Problem zu lösen. Digitale Lösungsansätze hierfür werden wichtiger - und es war noch nie so einfach jene zu entwickeln und zu optimieren.

Ein Teil des zukünftigen Medienkonsums lässt sich jedoch nicht vorhersehen. Wir wissen einfach noch nicht, wie zum Beispiel Geschäftsmodelle etwa zur virtuellen Realität funktionieren. Die größte Chance liegt hier meiner Meinung nach in Technologien und Formaten, die von den Massenmedien noch nicht umgesetzt werden: So können etwa vernetzte Fernsehgeräte und Tablets Bestandteile des Fernsehnutzungsverhaltens effektiv aufzeichnen - von speziellen Meinungen über die konsumierten Inhalte bis zu allgemeinen Aufmerksamkeitsmustern. Theoretisch wäre es möglich, einen Zuschauer oder sogar einen Leser mit dem Ende einer Geschichte zu beliefern, das ihm am besten zusagt. Die meisten traditionellen Medien setzen solch innovative Tools aber nicht als Innovationsführer um. Sie tendieren eher dazu, sich auf eine Handvoll Fortschrittsanführer wie die New York Times oder den Guardian zu verlassen. Der wesentliche Punkt des Überlebens in der Medienindustrie ist aber das Experiment, nicht die Kopie.

Wenn es darum geht, welcher Medienkanal heute am meisten unterschätzt ist, würde ich Print sagen. Ich sehe ein gewaltiges ungenutztes Potenzial bei den lokalen Medien. Großflächige Kommunikation, ob national oder international, ist via Internet oder TV natürlich effizienter. Die lokale oder hyperlokale Kommunikation aber erreicht durch Print eine höhere Relevanz: Die Leser solcher Medien leben in derselben Umgebung, teilen alle ähnliche Probleme. Ihr Interesse wird geweckt, wenn lokale Medien so aktuell und relevant sind wie der Small Talk auf der Straße.

Welches Medium fehlt heute noch auf dem Markt?

Vasily Gatov: Ein echtes Dialogmittel mit dem Konsumenten. Mein Gedanke reicht dabei jedoch weiter als Leserkommentare auf reddit oder auf Diskussionsforen und Facebook. Der interaktive Dialog muss die gesamte Bandbreite moderner Technologie verwenden. Alles könnte ein Grund sein für den Dialog, etwa eine Push-Nachricht, die auf dem Smartphone aufpoppt, wenn ein politisches Ereignis die Reaktion der Bürger notwendig macht. Um ihr Publikum zu erreichen, müssen die Massenmedien ihr Verständnis der Funktionsweise von Medienwahrnehmung deutlich erweitern. Man muss eigene Antworten auf neue Fragen finden wie: Was sind die relevanten Themen für die Leser und wie gelangen diese Themen an die Rezipienten in dem Moment, in dem sie darüber diskutieren möchten?

Wie würden Sie die Qualität der russischen Medien beschreiben?

Vasily Gatov: Divers, sehr divers. Zunächst einmal ist Russland sehr groß - mit gewaltigen Unterschieden zwischen Städten und Provinzen, zwischen den Klassen und Bildungsständen. Außerdem werden russische Medien stärker von der Regierung beeinflusst, als man denken würde. Die Folge: Es existieren sehr gut strukturierte Medien, die allen Anforderungen des Qualitätsjournalismus gerecht werden, neben schlechter Propaganda - und dies seltsamerweise im selben Verlagshaus!

Ein zweiter Punkt ist, dass es in Russland viele Medien gibt, von denen die Regierung annimmt, dass die Leser sie brauchen. Daher werden diese Häuser von staatlichen Geldern getragen und beeinflusst. Am Nutzerbedürfnis orientiert sich dieser Ansatz nicht. Im westlichen Markt würde sich das von selbst ausgleichen, durch wegfallende Werbe- oder Abonnement-Einnahmen. Aber dieser Ausgleich fehlt im russischen Medienmarkt, daher gibt es viel Überholtes. Zeitungen oder Häuser, die schon längst eingegangen wären, wenn sie nicht staatliche Gelder erhielten. Diese "Zombie"-Medien kontaminieren den Markt allein durch ihre Existenz.

kress.de-Tipp: Das Gespräch mit Vasily Gatov ist eines von 25 Interviews zur Zukunft des Journalismus, die in dem Buch "Über Morgen" gesammelt sind. Die Kölner Kommunikationsagentur Oliver Schrott Kommunikation (OSK) will damit einen umfassenden Blick auf den Medienwandel ermöglichen, seine Auswirkungen auf den Journalismus und vor allem dessen Zukunft in einer Zeit großer Unsicherheiten.

Hintergrund: "Professioneller Journalismus droht unter die Räder zu geraten. Dies ist eine Zäsur für unsere Gesellschaft", sagt Oliver Schrott, Gründer und Inhaber von OSK, der das Buch mit seinem Team realisiert und herausgegeben hat. "OSK engagiert sich für die Zukunft des Journalismus, denn professionelle Unternehmenskommunikation braucht unabhängige Medien und glaubwürdigen Journalismus als Resonanzraum, zur Reflexion und für die Balance im Dialog mit der Öffentlichkeit."

Die Interviews mit Journalisten und Medienprofis aus zehn Ländern, die der Band vereint, sind im Verlauf der beiden letzten Jahre für das Blog der Agentur entstanden. Zu den Gesprächspartnern gehören deutsche Journalistinnen und Journalisten wie Anja Reschke (NDR), Jochen Wegner (Chefredakteur "Zeit Online"), Nikolaus Röttger (Chefredakteur "Wired"), Christoph Kucklick (Chefredakteur "Geo") oder Uwe Vorkötter (Chefredakteur "Horizont"), Medienprofis wie Sebastian Turner (Herausgeber "Tagesspiegel") und Philipp Welte (Vorstand Burda), internationale Top-Journalisten wie Martin Baron (Chefredakteur "Washington Post") oder Daisuke Furuta (Chefredakteur BuzzFeed Japan), aber auch international renommierte Digitalexperten wie Bestseller-Autor Jeff Jarvis ("What Would Google Do?"), LaSharah Bunting (Senior Editor for Digital Transition, "New York Times") oder Wolfgang Blau (Chief Digital Officer Condé Nast International).

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.