"Des 'Spiegels' nicht würdig": Aufregung um Jörgs Blechs Titelstory "So schmeckt die Zukunft"

05.04.2017
 

Eine Aufmachergeschichte im "Spiegel" über die tatsächlichen oder angeblichen Machenschaften der Lebensmittelindustrie erzürnt den Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft. Zu einseitig und voreingenommen sei der Text, lautet die Kritik. Nun soll der Presserat entscheiden.

Das Thema geht durch den Magen und es geht jeden an. Und weil alles rund ums Essen für viele Menschen zugleich ein echter Aufreger sein kann, servierte der "Spiegel" seinen Lesern im Heft 12/17 gleich eine ganze Titelstory "So schmeckt die Zukunft". Es handelt sich dabei um eine knallharte Abrechnung mit der Lebensmittelindustrie. Die wirft ihrerseits nun dem Magazin unlauteren Journalismus vor.  

Autor des Artikels ist Jörg Blech, ein "Spiegel"-Redakteur, der bereits mehrere erfolgreiche Sachbücher veröffentlicht hat und Träger des Henri-Nannen-Preises ist. Dass Blech just in der Woche, in der die "Spiegel"-Titelgeschichte erschien, sein neues, sehr kritisches Buch über die Lebensmittelindustrie auf den Markt brachte, ist natürlich kein Zufall. Warum nicht von seinem Wissen profitieren, dachte man sich wohl in der Chefredaktion, Synergieeffekte nutzen und Rechercheaufwand sparen. Denn Recherche braucht Zeit, Zeit aber ist Geld, und davon hat man auch beim "Spiegel" nicht mehr so viel wie früher.

Christoph Minhoff stößt die "Spiegel"-Geschichte dagegen ganz übel auf. Minhoff ist Hauptgeschäftsführer beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL). Er findet, dass Blechs Artikel ungenießbar ist, weil er gegen "elementare Grundsätze journalistischer Standards" verstoße. Der Text sei einseitig, lasse keine Gegenstimmen zu und Fakten vermissen, die wichtig wären, damit der Leser sich ein eigenes Bild machen könne. Minhoffs Urteil: "Dieser Artikel ist jedenfalls des Spiegels nicht würdig".

Tatsächlich hat Blechs Artikel eine ganz eindeutige Richtung: Er stellt die Lebensmittelindustrie an den Pranger. Sie bringe ultraverarbeitete Lebensmittel auf den Markt, die die Kunden dazu verführten, mehr zu essen, als sie eigentlich müssten. Die Folge: die Menschen werden im dicker. Was natürlich nicht gut für die Gesundheit ist. Um ihr Tun zu verbergen, gebe sie manipulierte Studien in Auftrag. Minhoff, der früher selbst Journalist war und unter anderem als Programmgeschäftsführer beim Ereigniskanal Phoenix arbeitete, moniert, dass die so Angegriffenen selbst gar nicht zu Wort kommen und ihre Sichtweise vertreten oder womöglich auch falsche Tatsachenbehauptungen richtig stellen zu können. Tatsächlich werden Argumente der Industrie auf den zehn Seiten, die die Titelstory umfasst, lediglich in einem kurzen Absatz erwähnt. Und das auch noch in einer Weise, dass der Leser gleich erkennen soll, dass sie allesamt falsch seien.

Eine Magazin-Geschichte muss allerdings auch nicht objektiv sein. Sie vermittelt eine klare These, die die Redaktion dem Leser anbietet. Und keine Frage: Umso dramatischer und aufpeitschender sie ist, umso größer ist die Chance, damit Aufmerksamkeit beim Publikum zu generieren. Dass die Redaktion auf der Hamburger Ericusspitze einzig die Aufklärung besorgter "Spiegel"-Konsumenten im Sinne hatte, als sie die Titelgeschichte ins Blatt hob, muss man jedenfalls nicht glauben. Dass sie ihre Titelthemen danach aussucht, was sich am besten verkaufen könnte, ist selbstredend. Und ihr gutes Recht.

Es stellt sich aber die Frage, ob ein solcher Text nahezu völlig auf die Argumente der anderen Seite verzichten darf. Denn dann kann genau das geschehen, was "Spiegel"-Mann Blech jetzt passiert: Man macht sich - eigentlich völlig unnötig - angreifbar. Minhoff hat durchaus Gegenargumente, die man als Leser gerne in dem Text gefunden hätte, um sich selbst ein Bild machen zu können. Ganz gleich, ob man sie am Ende glaubt oder nicht. Der "Spiegel" hätte beispielsweise auch ein Interview zum Haupttext stellen können, in dem einem Vertreter der Branche harte und kritische Frage gestellt, ihm aber die Möglichkeit gegeben hätte, seine Sicht der Dinge zu präsentieren.

Um diese Sicht der Dinge wenigstens im Nachhinein an die "Spiegel"-Leser zu bringen, schrieb BLL-Vertreter Minhoff einen ausführlichen Leserbrief an die Redaktion, in dem er alle seine Kritikpunkte auflistet. Zunächst sei ihm, so beklagt Minhoff, ein Teilabdruck zugesichert worden. In diesem Teil fand sich die Aussage: "Dieser Artikel ist jedenfalls des 'Spiegel' nicht würdig. Er verletzt elementare Grundsätze journalistischer Standards, verbreitet falsche Tatsachen und wäre als Post bei Facebook als Hass-Mail zu melden und zu löschen". Schließlich seien diese Sätze herausgekürzt worden. "Letztlich wurde damit nur ein Absatz des Leserbriefes abgedruckt, der die eigentliche Kritik des Verbandes an der Arbeitsweise des Autors nicht wiedergibt".

Minhoff hat den vollständigen Brief inzwischen auf die Homepage seines Verbandes gestellt. Und er ist noch einen Schritt weitergegangen: Er hat Beschwerde beim Presserat eingelegt. Man wird sehen, für wie bekömmlich die Hüter des Anstands das Menü finden, das der "Spiegel" aufgetischt hat. Autor Blech möchte sich eigentlich gar nicht zu den Vorwürfen gegen seinen Artikel äußern. Aber er stellt gegenüber kress.de klar: "Wir haben an dem Text nichts zurückzunehmen".

Ziemlich am Ende des Textes fasst der Autor übrigens die Ergebnisse verschiedener Studien über die Möglichkeit, mit Hilfe von Diäten abzunehmen, zusammen und macht sie sich zu eigen. Fazit: Wer regelmäßig weniger Kalorien zu sich nimmt, als er verbraucht, nimmt auf Dauer ab. Ein Ergebnis, auf das er sich zweifellos sehr schnell mit Christoph Minhoff vom BLL verständigen könnte.

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