Giftgasangriff in Syrien: Chefredakteure Philipp Jessen und Julian Reichelt fordern militärische Konsequenzen

 

Das Leid in Syrien lässt Deutschlands Medienmachern keine Ruhe. Die Meinung von Julian Reichelt, Vorsitzender der Chefredaktionen der "Bild"-Zeitung, ist bekannt. In einem bewegenden Kommentar bezieht heute Stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen (Foto) Stellung und fordert ebenfalls militärische Konsequenzen. Jessen will ab sofort die Namen aller Opfer auf der Startseite von Stern.de veröffentlichen - bis sich etwas in Syrien ändert.

"Wir alle laden historische Schuld auf uns. Das müssen wir ändern. Den Lebenden muss endlich geholfen werden. Vor Ort. Mit allen Mitteln. Auch militärischen", schreibt Stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen in einem Kommentar.

Jessen verspricht, dass Stern.de die Namen der Opfer nennen wird und sie nicht vergisst: "Für die Hunderttausenden von Toten können wir nichts mehr tun. Außer ihrer gedenken. Ihre Namen nicht vergessen. Darum lassen wir ab heute oben auf der Seite die Namen der Ermordeten des Krieges in Syrien laufen. Beginnend mit den Opfern des letzten Giftgasangriffs von Assad. Wir aktualisieren die Namen, sobald wir vertrauenswürdigere Informationen von vor Ort bekommen. Jeweils bestätigt von zwei unabhängigen Quellen. Nicht, um uns von ihnen zu verabschieden. Sondern, um die Menschen, denen ihr Leben geraubt wurde, so lange wie möglich bei uns zu behalten."

Jessen will die Namen auf der Titelseite so lange veröffentlichen, "bis sich endlich etwas ändert."

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt, ein früherer Kriegsreporter, macht sich ebenfalls für einen militärischen Schlag gegen das Assad-Regime stark: "Ja, es würde wohl den Einsatz von Waffengewalt erfordern, ihn endlich zu stoppen, nachdem er Hunderttausende Menschen niedergemetzelt hat. Ja, das ist riskant, unbequem und auch gefährlich. Aber nein, wir haben keine andere Wahl, wenn wir uns nicht schuldig machen und an unserem Schwur "Nie wieder!" vergehen wollen. Was wir bisher haben geschehen lassen, ist nicht weniger als eine Schande", so Reichelt.

Laut der Deutschen Presse-Agentur erklärt Syriens Regierung, sie habe keine Chemiewaffen eingesetzt. Laut Außenminister Walid al-Muallim habe die syrische Waffe in der Stadt Chan Scheichun ein Lager mit Chemiewaffen bombardiert, das unter der Kontrolle von "Terroristen" gewesen sei. Mindestens 86 Menschen starben an dem Giftgas.

Martin Korte, "Westfalenpost": "Dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen"

Martin Korte schreibt in der in Hagen erscheinenden "Westfalenpost": "Wollen wir wirklich über Kinderrechte sprechen? Über die Rechte der Kinder, die gestern in Syrien nach einem mutmaßlichen Giftgas-Angriff qualvoll sterben mussten? Assads Truppen ermorden Zivilisten und können dabei auf die Hilfe ihrer Alliierten bauen, die von sich behaupten, aus zivilisierten Ländern zu stammen. Das ist pervers. Sind die Kinder in Syrien weniger wert als die Kinder in Deutschland? Ist die Frage verboten, weil sie so zynisch ist? In Syrien haben die Kinder keine Rechte, in Ostafrika auch nicht. Dort verhungern sie gerade - und wo bleibt der Aufschrei der reichen Rest-Welt? Kriege und Terrorismus lassen uns abstumpfen. Was ich damit sagen will: Kinderrechte haben viele Seiten. Es reicht nicht, sie im Grundgesetz zu verankern und die Buchstaben dann nicht mit Leben zu füllen. Die Grundgesetz-Forderung existiert ja schon seit langem; komisch, dass sie immer kurz vor Wahlen wieder aus der Schublade geholt wird. Der Einfluss Deutschlands auf Assad ist begrenzt, aber aus der Verantwortung stehlen dürfen wir uns nicht. Unsere Unternehmen liefern Millionen Kleinwaffen in die Welt - wie gemacht für Kinderhände."

Birgit Svensson vom "Weser-Kurier" hält dagegen fest: "Woher das tödliche Sarin-Gas kam, wird wohl nie ans Tageslicht kommen. Statt sich den schwarzen Peter zuzuschieben, sollten die Verantwortlichen lieber einen Waffenstillstand aushandeln, der den Namen verdient. Was Russen und Türken nach der von ihnen sogenannten Befreiung Aleppos erreicht haben, ist etwas Halbes, nichts Ganzes."

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