"Kölner Stadt-Anzeiger"-Chefredakteur Carsten Fiedler: "Was wir aus Silvester 2015 lernen können: Keine Angst vor den Fakten!"

 

Für ihre enthüllende Berichterstattung über die Vorkommnisse in der Kölner Silvesternacht erhalten die DuMont-Redaktionen von "Kölner Stadt-Anzeiger", "Express" und "Kölnischer Rundschau" den Wächterpreis der Tagespresse. Kress.de sprach mit Carsten Fiedler, der damals Chefredakteur des "Express" war und heute den "Stadt-Anzeiger" führt, auch über die Konsequenzen, die sich für den Journalismus aus dem schwierigen Thema ergeben. Er warnt davor, der Logik zu folgen, dass 'schlechte Nachrichten' einer 'guten Sache' schaden könnten".

kress.de: Während überregional die Mär vom friedlichen Silvester in Köln verbreitet wurde, berichteten der "Kölner Stadt-Anzeiger" und der "Express", dessen Chefredakteur Sie damals waren, schon vier Tage lang über die Exzesse auf der Domplatte. Wären die Vorkommnisse ohne Ihre Berichterstattung nie öffentlich geworden?

Carsten Fiedler: Doch. Kein Medium sollte sich heute mehr einbilden, es hätte Kanalwärter-Funktion mit einer Art Monopol auf die Verbreitung oder eben Nicht-Verbreitung von Informationen. Wir haben aber mit unserer frühen Berichterstattung dafür gesorgt, dass die Nachrichten über die Silvesternacht zeitnah in der Welt waren; dass jeder, der wollte, sich einen Eindruck von den Ereignissen verschaffen konnte. Damit war die Basis gelegt für die Aufklärung der Geschehnisse, deren Dimension in den ersten Tagen ja noch unklar war.

kress.de: Welche Rolle spielten für Ihre Berichterstattung und für die Enthüllung der Geschehnisse die sozialen Netzwerke, in denen viele Frauen sehr schnell vom erlebten Horror erzählten?

Carsten Fiedler: Sie waren für uns eine Komplementärquelle. Wir konnten Berichte von Opfern, Augenzeuginnen, die uns direkt erreichten, mit den Angaben im Netz abgleichen. Es gab sehr bald Berichte von mittelbar Beteiligten, ich erinnere an das kurze Video eines Security-Mitarbeiters eines Luxushotels in der Nähe des Hauptbahnhofs, die der offiziellen Lesart der Polizei von der friedlichen Silvesternacht ohne besondere Vorkommnisse widersprachen.

kress.de: Gab es bei den anderen Medien, zum Beispiel beim WDR, der unweit der Domplatte seine Redaktion hat, eine zu große Unsicherheit, wie sie die Vorkommnisse behandeln sollten, weil sie heikel waren oder der Willkommenskultur widersprachen?

Carsten Fiedler: Das sollten sie die Kolleginnen und Kollegen fragen. Generell denke ich, wir sollten uns davor hüten, redaktionelle Entscheidungen unter eine Art Ideologievorbehalt zu stellen.

kress.de: Die "heute"-Sendung des ZDF weigerte sich noch am 4. Januar, als selbst die Polizei ihre Falsch-Berichte einräumen musste, über die Vorkommnisse zu berichten. Welche Erklärung haben Sie dafür? Kam Ihnen das nicht vielleicht doch politisch motiviert vor?

Carsten Fiedler: Auch hier gilt: Ich war an den Entscheidungsprozessen der Kollegen nicht beteiligt. "Politisch motiviert" klingt mir sehr nach "gelenkter Information", "selektiver Berichterstattung" oder - wenn Sie so wollen - "Lückenpresse". Solchem unsinnigen Generalverdacht gegen die Medien möchte ich keinen Vorschub leisten.

kress.de: Was glauben Sie: Würden Sie den Wächterpreis bekommen, wenn die Kollegen von den Öffentlich-Rechtlichen ihren Job gemacht hätten?

Carsten Fiedler: Ich teile die Bedingung nicht, die Ihrer Frage zugrunde liegt. Wir bekommen den Wächterpreis, weil wir unseren Job gemacht haben.

kress.de: Sind Sie überrascht, die Auszeichnung für Ihre Silvester-Berichterstattung zu erhalten? Die Zugehörigkeit zu Ethnien im Zusammenhang mit Kriminalität zu veröffentlichen, ist ja damals wie heute hoch umstritten.

Carsten Fiedler: Es macht mich stolz, dass die Arbeit unserer Redaktionen bei der Aufarbeitung der Silvesternacht mit dem Wächterpreis gewürdigt wird. Es soll nicht überheblich klingen, wenn ich sage, nein, ich bin nicht überrascht - schließlich weiß ich "von innen", was die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Recherchen, Berichten und Kommentaren geleistet haben. Aber lassen Sie mich auch sagen: Wenn ich die Begründung der Jury lese, hat die Auszeichnung nicht oder zumindest nicht primär mit der Nennung der Täterherkunft zu tun. Wir haben als verantwortungsbewusste Journalisten nach der Silvesternacht eine intensive und - wie Sie zurecht sagen - streitige Debatte über den Sinn und die Auslegung der Richtlinie 12.1 des Deutschen Presserats geführt. Mit dem Wissen, das wir heute haben, ist klar: Die Nennung der Täterherkunft hatte im Fall der Gewaltexzesse rund um den Kölner Hauptbahnhof sowohl den "begründbaren Sachbezug", den die Richtlinie in ihrer alten Fassung forderte, als auch den Zusammenhang mit dem "öffentlichen Interesse", auf den die Richtlinie in ihrem neuen Wortlaut abhebt.

kress.de: Heute verwandeln einige Migranten die Rhein-Treppe zeitweise in eine No-Go-Area. Die Polizei rät Familien ab, dort nach 14 Uhr hinzugehen. Wie sollten Journalisten mit dem Thema umgehen?

Carsten Fiedler: Als 2014 Hooligans und Rechtsradikale in Köln ihre islamfeindliche Kundgebung abhielten, die in eine wüste Randale ausartete, da forderte die Polizei Familien in der Nähe des Demonstrationszuges auch auf, sie sollten sich aus der Gefahrenzone begeben. Ich halte daher nichts von einseitiger Fokussierung auf das inakzeptable Verhalten Einzelner. Und wie wir damit umgehen sollten? So wie mit den Ereignissen der Silvesternacht: sagen, was Sache ist; beschreiben, was passiert; verurteilen, was gegen Recht und Gesetz verstößt.

kress.de: Die Kölner Silvesternacht gilt als Zäsur - sowohl, was die Willkommenskultur angeht als auch in Bezug auf die Glaubwürdigkeit der Medien. Vielen Kollegen wurde unterstellt, die Geschehnisse unterschlagen zu haben, weil sie nicht ins Weltbild passten. Haben die Journalisten von "Express" und "Stadt-Anzeiger" die Berufsehre gerettet?

Carsten Fiedler: Nein. Wie käme ich dazu, das zu behaupten? Ich mache mir nicht den Standpunkt derer zu eigen, die Journalisten dafür kritisieren, dass sie über ihre gesellschaftliche Verantwortung nachdenken und das "Wächteramt" der Presse auch für die Verteidigung grundlegender Werte unserer Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenlebens in Anspruch nehmen.

kress.de: Kritiker sagen, sehr viele Medien und auch die parlamentarische Opposition hatten sich vor Silvester 2015/16 nahezu kritiklos gemein gemacht mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Inwiefern muss dieses Kapitel selbstkritisch aufgearbeitet werden? Und was sollten wir daraus lernen?

Carsten Fiedler: Die Antwort auf Ihre Frage fällt mir schwer, weil ich ihre Grundannahme nicht teile. Ich kann weder eine allgemeine "Kritiklosigkeit" der Medien erkennen noch ein "Gemeinmachen mit der Regierung". Aus meiner Sicht haben "sehr viele Medien" im Sommer 2015 angesichts der dramatischen Situation Hunderttausender Menschen in Flüchtlingslagern und entlang der Balkanroute ihre Aufgabe darin gesehen, die Zustände zu schildern, die politischen Konfliktlinien - national und international - herauszuarbeiten und dabei die Grundrechte im Blick zu haben, die in den ersten Artikeln unserer Verfassung niedergelegt sind. Stichworte: Asyl und humanitärer Schutz vor Verfolgung. Selbstkritik ist angebracht und berechtigt, wo "die Medien" - wenn diese Verallgemeinerung überhaupt zulässig ist - der Logik folgen, dass "schlechte Nachrichten" einer "guten Sache" schaden könnten. Es gibt aber in diesem Sinne keine "guten" oder "schlechten Nachrichten", sondern nur richtige und falsche Gewichtung, Einordnung, Deutung und Bewertung. Das können wir tatsächlich aus Silvester 2015 lernen: Keine Angst vor den Fakten! Aber Vorsicht vor den Lautsprechern und den Besserwissern. Vorsicht vor Bevormundung und dem Anspruch auf Deutungshoheit!

Hintergrund: "Kölner Stadt-Anzeiger", "Express" (künftiger Chefredakteur Constantin Blaß) und "Kölnische Rundschau" (Chefredakteurin: Cordula von Wysocki) erscheinen in der DuMont Mediengruppe, zu der auch Medienmarken wie "Berliner Zeitung", "Mitteldeutsche Zeitung", "Kölnische Rundschau", "Berliner Kurier" und "Hamburger Morgenpost" gehören.

Chefredakteur des "KStA" ist Carsten Fiedler, seine Stellvertreter sind Lutz Feierabend und Rudolf Kreitz, der Chefredaktion gehört ebenfalls Digital-Chefin Ismene Poulakos an. Als Herausgeber fungieren der im vergangenen Jahr verstorbene Verleger Alfred Neven DuMont sowie Christian DuMont Schütte und Isabella Neven DuMont. Leitender Redakteur ist Wolfgang Wagner, Chefkorrespondent Joachim Frank. Weitere Ressortverantwortliche sind Christian Hümmeler (Köln), Detlef Schmalenberg (NRW), Karlheinz Wagner (Sport), Martin Oehlen (Kultur), Claudia Lehnen (Magazin, Panorama), Peter Berger, Petra Pluwatsch (beide Chefreporter), Klaus Schröder (Produktion). Korrespondent in der Landeshauptstadt Düsseldorf ist Gerhard Voogt. Geschäftsführer ist Philipp M. Froben, Verlagsleiter Karsten Hundhausen, der gemeinsam mit Matthias Litzenburger auch den Mediaverkauf verantwortet. Für Vertrieb und Marketing ist Carsten Groß zuständig. Die Zeitung hat gemeinsam mit der "Kölnischen Rundschau" eine verkaufte Auflage von 265.738 Exemplaren (laut IVW 4/2016).

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