Olaf Deininger widerspricht Steffen Range: Warum die Magazingeschichte nie wichtiger war als heute

12.04.2017
 
 

Für viele Diskussionen hat der Einwurf von Steffen Range auf kress.de gesorgt. Der Chefredakteur der "Deutschen Handwerks-Zeitung" sagt, dass die klassische Magazingeschichte tot sei. Olaf Deininger, Chefredakteur vom "handwerk magazin", widerspricht ihm: "Hintergründe anzuschauen ist eine der Voraussetzungen für eine gelungene Magazingeschichte."

Ich muss dem geschätzten Kollegen widersprechen. Denn ich glaube an die Magazingeschichte! Und nicht nur das: Ich bin überzeugt, dass sie noch nie so wertvoll und wichtig war wie heute. Ich bin auch nicht seiner Ansicht, dass diese Erzählform irgendetwas mit der Vertrauenskrise gegenüber den Medien zu tun hat.Worum gehts? Steffen Range, Chefredakteur der Deutschen Handwerkszeitung, schreibt "Ist die klassische Magazingeschichte tot?". Seiner Meinung nach hat "die (schwarz-weiß zeichnende) Magazingeschichte ihre besten Tage gesehen, sie passt nicht mehr in eine Zeit, in der wir über Fake News und alternative Wahrheiten streiten".

Er wirft in seinem absolut lesenswerten Text die Frage auf, ob "unsere journalistische Sicht der Dinge (...) nur eine von vielen Perspektiven" sei: Denn "natürlich lassen sich auf Basis der selben Fakten Entscheidungen und Ereignisse unterschiedlich interpretieren. Ein Sopran, Bass oder Tenor im vielstimmigen Kanon. Twitter und Facebook ergänzen und erweitern die Meinungsbildung. Diese Erfahrung steht im Gegensatz zur Absolutheit und Kompromisslosigkeit der Magazingeschichte."

Viele Phänomene und Widersprüche unserer Zeit - so Range - würden sich nicht in einem binären System beschreiben lassen, sondern "besser in 50 Graustufen". "Eine Vermengung von Fakten, Deutung und Meinung erscheint mir in der jetzigen Gemengelage kontraproduktiv. Jeder weiß oder spürt, dass sich diese großen Konflikte nicht in Kategorien wie wahr oder falsch, gut oder böse einordnen lassen. Das aber versucht die Magazingeschichte." Und beinahe lapidar stellt er fest: "Doch die Medien haben bekanntlich ihre (exklusive) Deutungshoheit verloren."

Stampede des Mainstream

Bekanntlich? Wenn das so ist, wird es Zeit sie wieder zurückzuholen. Beginnen wir mit der Vertrauenskrise gegenüber uns Medien und Journalisten. Natürlich ist diese Krise für unsere Branche katastrophal, hat aber andere Ursachen. Etwa die, dass viel zu viele Kollegen ungeprüft voneinander abschreiben; dass zu viele Kollegen der Stampede des Mainstream folgen, der gängigen Meinung oder dem üblichen Narrativ "hinterherschreiben". Immer weniger Kollegen schauen genau hin, gucken hinter die Oberfläche, setzen die Dinge in Relation oder arbeiten den Kontext auf. Erregungsjournalismus tritt oft an die Stelle der Analyse.

Die Hintergründe anzuschauen ist aber eine der Voraussetzungen für eine gelungene Magazingeschichte! Denn eine gute Magazingeschichte wartet mit einer neuen Erkenntnis oder einer Entdeckung auf. Diese Erkenntnis oder Entdeckung ist das, was Kollege Range als These bezeichnet. Nur: Sie darf keine These bleiben. Man kann sie als Arbeitshypothese aufstellen. Sie muss aber im Lauf der Recherche entweder bestätigt oder widerlegt werden. Wird sie widerlegt, gibt es keine Geschichte. Wird sie bestätigt, dann schon.

Verschwinden der Wahrheit

Das ist doch das eigentlich wertvolle am Journalismus: Dass er die Fakten nicht nur gleichwertig nebeneinander stellt (wie es tendenziell etwa die Darstellungsform Bericht mitunter tut), sondern die Fakten priorisiert, Zusammenhänge herstellt, Trends isoliert, Muster erkennt. Zusammengefasst: Dinge sichtbar macht, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Und welche Form wäre dafür geeigneter als die Magazingeschichte?

Das aber setzt voraus, dass der Autor ein bisschen was von der Welt verstanden hat. Denn um diese Muster zu erkennen, muss er recherchieren, hinterfragen, analysieren, Dinge in Beziehung setzen und sich ein Bild machen. Das ist unsere Arbeit.Und ist es nicht so: Wenn alles mit allem zusammenhängt und alles gleichwertig oder gar irgendwie berechtigt ist, dann verschwindet die Wahrheit. Dann dürfen Menschen auch behaupten, dass es nie einen Holocaust gegeben habe oder das Reaktorunglück von Tschernobyl. Oder doch? Einigen wir uns auf vielleicht. Und diese Haltung darf sich nicht etablieren. Denn es gibt keine alternativen Fakten. Kann es nicht geben. Genauso wie der Holocaust ein Fakt ist und der Atomunfall von Tschernobyl.

Nur noch gehäckselte Texte

Eigentlich steht die Magazingeschichte auch gar nicht in Konkurrenz zum Bericht, der diese hohe Erkenntnisleistung gar nicht unbedingt immer aufbringen muss und mitunter einfach mal die Fakten bringen kann. Bei der Magazingeschichte muss der Erkenntnisgewinn beim Autor und dann beim Leser aber höher sein. Und gerade im Zeitalter von Fake-News muss man als Journalist die Dinge wieder sortieren, einordnen, urteilsfähig sein.

Das klappt aber immer seltener - was im Augenblick ganz besonders im Lokaljournalismus sichtbar ist, der heute mitunter so armselig wie nie daherkommt: Autoren, die keine Zeit mehr haben die Vorgeschichte zu recherchieren und deshalb nichts einordnen können. Falls sie die Hintergründe kennen, scheitert es dann oft an Blattmachern und Heftkonzepten, die nur noch gehäckselte Texte zulassen.

Ich habe den Eindruck, dass bei mancher regionalen Tageszeitung ein Blatt für eine Zielgruppe gemacht wird, die längst das Lesen aufgegeben hat und ihre Freizeit ausschließlich mit RTL2 verbringt. Völlig klar, dass die verbliebenen Leser, meist die bildungsorientierten Schichten, mit dem oberflächlichen und unvollständigen "Contents" nicht mehr viel anfangen können und ebenfalls frustriert abwandern. Nicht selten zu den überregionalen Blättern, die ihnen keine zwölfzeiligen Theaterrezensionen zumuten. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Auf die Strukturen schauen

Trotzdem kann ich verstehen, wenn Kollege Range mehr Diskurs im Journalismus fordert. Das fände ich auch schön. Auch wenn viele Leser oder User gar keinen Diskurs wollen. Hier müssen wir - und da hat er Recht - die klassischen Darstellungsformen wieder beleben. Und auch öfter mal im Konjunktiv schreiben.

Und noch einige Sätze zur Personalisierung: Dass im Journalismus jeder Standpunkt, jede Überzeugung an einer Person oder - besser - einem Repräsentanten hängen muss oder sollte, haben übrigens ebenfalls die Amerikaner nach dem Krieg als Grundprinzip von Berichterstattung eingeführt. Das haben alle übernommen, vielleicht am wenigsten "Die Zeit". Der Grund lag wohl darin, dass es spannender ist, wenn Menschen oder Institutionen miteinander ringen als abstrakte Standpunkte.

Und hier gebe ich dem Kollegen Range uneingeschränkt recht: Dieses Axiom verstellt oft den Blick auf die Strukturen; darauf, dass die Entscheidungen von Vorständen, Politikern, Geschäftsführern, eigentlich allen Menschen meist viel stärker von ihren Umfeldern und Strukturen bestimmt werden, als von deren persönlichen Überzeugungen, Werten oder Haltungen.

Allerdings ist das kein Problem des Journalismus. Unsere gesamte Geschichtsschreibung und unser gesamtes historisches Verständnis basiert darauf. Wir sehen und beschreiben Geschichte am liebsten als Abfolge von überwiegend heroischen Individualtaten und -entscheidungen. Aber das ist nicht so. Wir müssen dieses Prinzip hinterfragen und mehr auf die Strukturen schauen. Dann klappt das auch mit der Magazingeschichte.

Olaf Deininger

Zur Person: Unser Gastautor Olaf Deininger ist Chefredakteur vom "handwerk magazin", das bei Holzmann Medien erscheint. Deininger war unter anderem Editor in Chief bei MSN Deutschland. Dieser Text ist für kress.de angepasst worden und zuerst auf dem Blog von Olaf Deininger erschienen.

Ihre Einschätzung interessiert uns! Ist die Magazingeschichte tot? Oder brauchen wir sie heute umso mehr als früher? Schreiben Sie uns an post@kress.de!

 

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