Kritik am Sport in ARD und ZDF: "Keine Innovation, keine Kreativität, keine Diversität"

 

Eine Monostruktur in der Sportberichterstattung kritisiert der Geschäftsführer des Basketballvereins Alba Berlin. Insbesondere von den öffentlich-rechtlichen Sendern erwartet Marco Baldi mehr Kreativität und mehr Innovation. "So eindimensional wie Sportberichterstattung in Deutschland ausgerichtet ist, gibt es das in keinem anderen Land", sagt er gegenüber kress.de. In Italien, Frankreich, Spanien sei auch Raum für andere Sportarten außer Fußball. Von Reportern wünscht er sich mehr "Mut zur Diversität".

Durch den Deal mit der Deutschen Telekom AG, die die deutschen Basketballspiele ihren Usern im Livestream auf den Endgeräten anbietet, erhält die Liga nach kress-Information 1,5 Millionen Euro. Der seit 25 Jahren in der Spitzengruppe der Basketball-Bundesliga spielende Verein bekommt davon wie jeder andere Bundesligist rund 50.000 Euro. Nach Abzug aller Kosten schüttet diese den Betrag gleichmäßig an alle 18 Klubs aus. Zum Vergleich: Allein der Fußballklub Hertha BSC, der mit Alba in einer Stadt spielt, erhält in dieser Saison 33 Millionen Euro an TV-Geldern. Bei Hertha macht dieser Posten ein Drittel des Gesamtetats aus, bei Albas Acht-Millionen-Etat lediglich zwei Prozent.

Baldi, der sich seit 1990 für das heutige Alba Berlin engagiert und seit vielen Jahren dessen Geschäftsführer ist, sieht nicht nur die Fernsehgelder als Problem - allein in der 3. Fußball-Liga erhält jeder Verein 800.000 Euro pro Jahr: "Es wird ja nicht nur gezahlt, es wird auch gezeigt." Dadurch bleibe wenig Raum, um andere Sportarten medial zu entwickeln. Es gelte das Argument, wenn der Fußball rolle, schalten die Leute ein. Fernsehsender könnten ihre Zuschauer aber auch an Basketball, Handball, Eishockey, Volleyball heranführen. Als Beispiel nennt der 54-Jährige das Skispringen. Bevor RTL die Vierschanzen-Tournee und andere Wettbewerbe übertrug, habe sich kaum jemand dafür interessiert: "Mit Durchhaltevermögen und guter medialer Verpackung hat es der Sender geschafft, Interesse bei den Zuschauern zu wecken."

Alba Berlin lockt in dieser Saison bisher pro Spiel rund 10.000 Besucher in die Mercedes-Benz-Arena. Dabei steht der Verein auf einem eher enttäuschenden sechsten Platz. Der FC Ingolstadt, der knapp 26 Millionen Euro TV-Gelder in diesem Jahr verbucht, zieht in der Fußball-Bundesliga mit 14.600 nicht wesentlich mehr Zuschauer an. Bei den Kapazitäten nehmen sich die beiden Vereine ebenfalls nicht viel: Ins Ingolstädter Stadion passen 15.800, in die Alba-Halle 14.600. Publikumsinteresse und Möglichkeiten liegen also gar nicht so weit auseinander. In den Medien spiegelt sich das jedoch nicht wider.

Wenige Sportarten lieferten laut Baldi so gute Voraussetzungen wie Basketball, weil dieser telegen sei, weltweit gespielt werde und in Deutschland professionelle Strukturen aufweise. Die Sender machten sich aber abhängig vom Fußball. Es fehle gerade den Öffentlich-Rechtlichen, die von den Gebühren aller Deutschen finanziert werden, an Innovationskraft, Kreativität und vor allem an Nachhaltigkeit, andere Sportarten zu entwickeln. "Wir sind froh, dass die Telekom ein tolles Produkt entwickelt hat, aber es ist schwer nachvollziehbar, dass andere Medien so wenig Visionskraft zeigen", sagt Baldi, der 2009 und 2015 vom europäischen Basketballligaverband ULEB als bester Vereinsfunktionär ausgezeichnet wurde. Niemand hat diese Würdigung so oft erhalten wie Baldi.

Auch wenn die Telekom ein "starker Partner" sei, so befindet sich das Projekt mit den Basketball-Live-Übertragungen noch im Aufbau. Die Reichweite - auch in Kooperation mit Sport1, das hin und wieder ein Spiel in sein Programm übernimmt, liegt im zweiten Jahr geschätzt bei 200.000 bis 250.000. Baldi sagt, er verstehe, dass die Quote die Währung sei, in der gezahlt werde. Er vermisse aber die Frage nach Potenzialen, die die Sender schaffen könnten: "Kreative, innovative Gedanken sind schwach ausgeprägt." Die Basketball-Bundesliga habe sich "drastisch entwickelt". Darin steckten inzwischen ein Investment von 110 Millionen Euro pro Jahr und erhebliche Qualitätssteigerungen. Allein in den vergangenen fünf Jahren habe sich der Wert verdoppelt. "Was massiv hinterherhinkt, sind die Medien. Dort spiegelt sich das noch nicht."

Sein Ziel und das der Liga sei, die Sportart von regionaler zu nationaler Bedeutung zu bewegen. "Da wo kein Klub spielt, zum Beispiel im Saarland, findet Basketball kaum Aufmerksamkeit", sagt Baldi. Die Rechtevergabe spiele dabei eine große Rolle.

Dem Alba-Geschäftsführer fehlt in den Medien auch das Bemühen, nicht nur Spielberichte zu liefern, sondern Geschichten drum herum: "Es gibt bei uns so viele Typen mit richtigen Ecken, die nicht so stromlinienförmig sind wie die meisten Fußballer. Das wären interessante Stories." Er wisse zwar, dass die Redaktionen ausgedünnt seien, erwartet aber dennoch "mehr Mut zur Diversität". Reporter sollten sich die Frage stellen, "ob sie die Sechzehnten sein wollen, die dasselbe Fußball-Thema auch durchnudeln und dabei nichts falsch machen, oder ob sie etwas kreieren möchten". Baldi hat wenig Hoffnung: "Diese Gestaltungsmentalität ist in den Medien deutlich schwächer geworden."

Ihre Kommentare
Kopf

Helmut Krüger

19.04.2017
!

Vollkommen richtig!!!
Was ARD und ZDF an Sportberichterstattung bringen, ist eine Unverschämtheit. Für Wintersport, Hand-und Fußball, ja dogar für Volleyball und Eishockey scheint man da mehr übrig zu haben als für Basketball. Mehr Ausgewogenheit ist da drinfend vonnöten. Nicht nur zu Novitzki-Zeiten ist Basketball in Deutschland attraktiv und jede Sendeminute wert. So lässt man die Vereine an den öffentluchen Geldern / Rundfunkgebühren kaum bis gar nicht teilhaben. Das ist Benachteiligung pur!!


Volker Keiner

19.04.2017
!

Lieber Herr Baldi,schauen sie sich einmal die Einschaltquoten vom Basketball an.Dann verstehen sie auch warum ARD und ZDF nichts mehr übertragen


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