Stephan-Lamby-Medien-Doku "Nervöse Republik": In der Berliner Blase

18.04.2017
 

Ein neuer Dokumentarfilm von Stephan Lamby beleuchtet die "Nervöse Republik" Deutschland. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Medien und Politik im Zeitalter permanenter Aufregung. Mit Blick auf seinen selbstgestellten Auftrag bleibt der Streifen unvollständig.

Als Berlin zum Hauptregierungssitz gemacht wurde, war ein wichtiges Argument der Befürworter, dass Politik und Medien hier, mitten in der Millionenmetropole, nicht so abgeschirmt in einer Luftblase agieren würden, wie im kleinen beschaulichen Bonn, wo man sich ständig über den Weg lief. Heute wissen wir, dass diese Hoffnung trog. In Berlin haben sich die Politiker noch mehr auf sich selbst zurückgezogen. Und wenn Journalisten wissen wollen, wie "die Menschen" oder "das Volk" denken, fahren sie von Berlin-Mitte, wo sich ihr Redaktionsbüro befindet, in den Wedding - oder, wenn es mal ganz gruselig sein soll, nach Neukölln.

Viel anders hat es leider auch Stephan Lamby für seinen neuen Film "Die nervöse Republik" nicht gemacht. Er beleuchtet in dem im Auftrag von NDR und RBB produzierten Dokumentarstreifen das Verhältnis zwischen Politik und Hauptstadt-Medien, und das macht er eigentlich gut. Lamby begleitete von Frühjahr 2016 bis in den Winter dieses Jahres einige Spitzenpolitiker, so die Generalsekretärin der SPD, Katarina Barley, ihren CDU-Kollegen Peter Tauber, die Minister Thomas de Maiziere und Heiko Maas, Sahra Wagenknecht und Frauke Petry. Und er war in den Redaktionen von "Spiegel Online" und "Bild". Und statt Wedding oder Neukölln zeigt Lamby immerhin hasserfüllte Pegida-Pöbler beim Tag der Deutschen Einheit in Dresden.

2016 eignete sich gut für diese Reise, denn es war ein rasantes, dramatisches Jahr. Brexit, Trump, Berliner Anschlag, sind nur einige wichtige Stationen. Lamby begleitet und beobachtet die Politiker und Journalisten. Getrieben von der Sucht nach Aufmerksamkeit und Click-Zahlen, unter Druck gesetzt von einer Bevölkerung, die sich immer weniger verstanden fühlt von den Politikern und den etablierten Medien misstraut, rotieren beide Gruppen im luftleeren Raum der Berliner Hauptstadtblase. Wie Motoren im Leerlauf, die immer lauter aufdrehen, aber für null Bewegung sorgen.

Es gibt starke Momente in Lambys Film, zum Beispiel, wenn er einen konsternierten CDU-General Peter Tauber zeigt, der sich am Abend der Wahlschlappe in Mecklenburg-Vorpommern erst einmal sammeln muss, bevor er sich ins gnadenlose Rampenlicht der Medien begibt. Oder die Nacht der Brexit-Abstimmung, die Lambys Team in der Reaktion von Spiegel Online verbringt und überraschte Redakteure zeigt, die gar nicht glauben mögen, dass ihre eigenen Vorhersagen sich als falsch herausstellen. Frauke Petry macht in einigen Interview-Passagen einen denkbar schlechten Eindruck, als sie erklären soll, warum die AfD bestimmte Journalisten von ihren Parteitagen ausschließt. Und vielsagend ist auch eine Szene mit Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. Die selbst ernannte Ikone der Sozialen Gerechtigkeit hält eine Wahlkampfrede (in Berlin), spricht von Sozialabbau und bösen Banken - und steigt anschließend hinter der Bühne in ihre dicke Limousine und wird wegchauffiert. Da wirkt Tomas de Maiziere geradezu volksnah, als er sich - in seinem Dienstwagen -  einen beherzten Griff in die Haribo-Tüte gönnt.

Gut herausgearbeitet wird in Lambys Film dieses enge gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Politikern und Medien. Man kritisiert sich und streitet sich, man beklagt sich über Ungerechtigkeiten (was vor allem die Journalisten gut drauf haben und so erlaubt sich Innenminister de Maiziere die Aussage, dass gerade Journalisten auf Kritik besonders mimosenhaft reagieren) - aber man kann nicht ohne den anderen. Die Sozialen Medien, mit denen sich Politiker direkt ohne den Filter der Presse an das "Volk" wenden können, sind Segen und Fluch zugleich. Am Ende ist es so, wie einer der Protagonisten sagt: Es gibt viele Gemeinsamkeiten, selbst die Büros sehen gleich aus, ganz egal, ob im Willy-Brandt-Haus oder im Springer-Hochhaus bei "Bild". Und schließlich wohnen sie alle in Prenzlauer Berg.

Das alles ist interessant und vielsagend, aber es ist zu wenig, wenn ein Film die "nervöse Republik" analysieren will. Lamby bewegt sich nämlich selbst in dieser Berliner Blase. Aber die Republik ist auch Flensburg, Wuppertal oder Rosenheim. In Dresden macht er halt, um die Pegida-Pöbler zu zeigen. Aber gerade die sind nicht "das Volk", ganz gleich, was sie selbst skandieren. Was aber ist mit Lokalpolitikern, Lokalzeitungen, den Menschen in der Provinz, die vielleicht an ganz anderen Dingen interessiert sind als an der Frage, ob nun Tauber als Generalsekretär entmachtet wurde, weil Kanzleramtschef Peter Altmaier nun auch das CDU-Wahlprogramm schreibt und nicht wie üblich der Generalsekretär? So gesehen erfüllt der Film bestenfalls die Hälfte der selbst gestellten Aufgabe.

kress.de-Tipp: Die ARD zeigt den Stephan-Lamby-Dokumentarfilm "Nervöse Republik" am 19. April um 22.45 Uhr

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