Michael Naumann: Ausgerechnet seine "Zeit" hat ihn einen "Dilettanten" genannt

 

Michael Naumann war Chefredakteur und Herausgeber der "Zeit", Ressortleiter beim "Spiegel" und führte als Chefredakteur etwas mehr als zwei Jahre den "Cicero". Jetzt blickt der 75-jährige ehemalige Kultur-Staatsminister auf sein Leben zurück und veröffentlicht seine Memoiren. Kress.de hat mit ihm gesprochen.

kress.de: Ihre Autobiographie heißt "Glück gehabt". Was war denn der größte Glücksfall Ihres Lebens?

Michael Naumann: Wenn ich das abwäge, fällt es schwer, ein Ereignis hervorzuheben. Aber dass ich die Bombardierung meiner Heimatstadt Köthen im Keller sitzend überlebt habe, gehört auf jeden Fall dazu; natürlich auch meine Eheschließungen, die Kinder. Ich habe auch viele Unfälle überlebt.

kress.de: Was für Unfälle?

Michael Naumann: Vor allem mit dem Fahrrad. Einer war besonders schlimm: Mit 17 Jahren hatte ich mein Rad an das Moped meines Bruders angehängt, und der fuhr mit 40 Sachen. Plötzlich tauchte ein Schlagloch auf, dem ich ausweichen wollte, indem ich das Vorderrad hochriss. Dieses fiel dabei allerdings aus der Gabel, rollte noch hundert Meter weiter. Ich wachte erst im Krankenhaus wieder auf und hatte alle meine Vorderzähne verloren. Aber es war ein Glücksfall, dass mir nicht mehr passiert ist.  

kress.de: Und beruflich - was war da Ihr größter Glücksfall?

Michael Naumann: Sehr glücklich war ich bei der Zeitschrift "m", die Burda 1969 auf den Markt brachte, von Peter Schünemann geführt wurde, und bei der ich ab der zweiten Nummer dabei war. Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als als junger Journalist ein Heft zu machen. Das Magazin wurde dann nach gut zwölf Monaten wieder eingestellt - allerdings nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

kress.de: Sondern?

Michael Naumann: Das hatte wohl sittliche Gründe. Wir zeigten Damen, die deutlich leichter bekleidet waren als in Aenne Burdas Modezeitschriften. Auf einem Foto griff Serge Gainsburgh, der hinter seiner Frau Jane Birkin stand, ihr von vorn in die Jeans. Der Mann sah sehr jüdisch aus, sie sah, nun, 'sehr arisch' - aus der Sicht einer gewissen deutschen Generation. Das gefiel Aenne Burda überhaupt nicht. Wir hatten in der letzten Ausgabe noch 50 bezahlte Farbanzeigen. Daran hat es also nicht gelegen.

kress.de: Aber auch da hatten Sie Glück im Unglück...

Michael Naumann: Ja, nachdem ich die Abfindung von 35.000 Mark mit meiner Frau während einer sechswöchigen USA-Reise auf den Kopf geschlagen hatte und zurückkam, fand ich ein Telegramm von Theo Sommer. Er fragte mich, ob ich nicht beim geplanten "Zeit-Magazin" mitmachen wollte. Die hatten in ihrer Redaktion niemanden mit Magazin-Erfahrung. Das habe ich dann bis 1971 gemacht und bin später, 1976, nach Oxford gegangen, um über die irische Revolution von 1916 zu habilitieren.

kress.de: Sie haben in Ihrem Leben viele Menschen kennengelernt - auch sehr viele Prominente. Wer hat Sie davon am meisten beeindruckt?

Michael Naumann: Der, den ich meine, war gar nicht so prominent, zumindest nicht in Deutschland. Aber den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski habe ich am meisten bewundert.

Kress.de: Warum?

Michael Naumann: Weil er so klug war. Und er führte ein bewegtes Leben. Als 17-Jähriger nahm er am Aufstand im Warschauer Ghetto teil, sein Vater wurde neben ihm erschossen. Dann war er ein kommunistischer Intellektueller, flog aus der Partei, ging nach Kanada und Paris und sollte später der Nachfolger von Adorno in Frankfurt werden, wurde aber von der linken Studentenschaft abgelehnt. Lassen Sie mich aber noch kurz sagen, dass ich auch meine Mutter bewundert habe und immer noch bewundere: Sie hat nach dem Krieg vier Kinder großgezogen, aus denen allen etwas geworden ist. Mein Vater war im Krieg gefallen, und sie hat das ganz allein geschafft.

kress.de: Auch 1968, als die Studentenrevolte ausbrauch, hatten Sie Glück...

Michael Naumann: Und wie! Ich war bis 1965 Präsident des Münchner Studentenkonvents. Das hört sich hochtrabend an, es war der Name für das Studentenparlament. Wir haben nach dem Mordversuch an Rudi Dutschke versucht, die Auslieferung der BILD-Zeitung in München zu blockieren. Es gab ein Foto, wie ich an der Tafel stehe, auf der ich die Pläne für die Tore der Auslieferung aufgezeichnet hatte. Aber sie haben mich nicht gekriegt, weil ich mit dem Rücken zum Fotografen stand. Andere Mitorganisatoren und Demonstranten haben wegen Landfriedensbruchs Freiheitsstrafen ohne Bewährung bekommen. Wenn ich auch ins Gefängnis gemusst hätte, hätte mich das aus der Bahn geworfen.

kress.de: Ein anderer Beteiligter ist tatsächlich vom Weg abgekommen...

Michael Naumann: Ja, Rolf Pohle, der auch dabei war, hatte später Kontakte zur RAF, wurde Mitglied und soll für sie Waffen besorgt haben. Aber ob das stimmt, weiß ich nicht.

kress.de: Sie selbst nennen sich "Demonstrant, Diskutant, Dissertant und auf alle Fälle Dilettant". Inwiefern sind Sie Dilettant?

Michael Naumann: Allein schon aufgrund der herrlichen Alliteration. Die wollte ich mir nicht entgehen lassen. Im Ernst: Ich habe mich auf viele Fachgebiete kapriziert. Mich haben immer schon Sicherheitspolitik, Astrophysik, Philosophie und auch Fußball interessiert - ich war der Torwart unserer Kneipenmannschaft. Wenn das Interessengebiet so breit ist, bezeichnen einen einige Leute als "Dilettanten".

kress.de: Tut das weh?

Michael Naumann: Natürlich. Als ich Verleger bei Rowohlt war, hat mich ein Kollege von der "Zeit" einen Dilettanten genannt. Das hat mich getroffen. Aber ich war immer ein fleißiger Dilettant.  

kress.de: Sie waren Verleger, Journalist und Politiker. Im Herzen seien Sie aber immer Journalist geblieben, sagen Sie. Warum?

Michael Naumann: Ich habe diesen Beruf geliebt. Ich war stets glücklich, wenn ich einen Artikel geschrieben hatte. Und als Journalist lernen Sie sehr viele Menschen kennen - vom Mörder bis zum Politiker. In keinem anderen Beruf gibt es die Möglichkeit, ein so breites Spektrum menschlicher Existenz kennenzulernen. Ich war immer neugierig, habe viel zugehört und wollte verstehen. Das Schicksal dieser Menschen hat mich stets fasziniert. Ich habe mich leider manchmal aber auch über sie lustig gemacht.

kress.de: "Zeit", "Spiegel", "Cicero" - wo war es für Sie am spannendsten?

Michael Naumann: Ohne Frage: Bei der "Zeit". Dort war ich Mitgründer des Magazins und Gründer des Dossiers. Sie müssen sich das vorstellen: Jede Woche 21 Schreibmaschinenseiten schreiben bzw. schreiben zu lassen - das ist eine wirklich spannende Aufgabe. Nach zwei Jahren war ich physisch ausgebrannt. Als Belohnung für diese harte Arbeit hat mich die "Zeit" dann als Korrespondent nach Washington geschickt.

kress.de: Warum sind Sie dort nur zwei Jahre geblieben?

Michael Naumann: Es kam ein Angebot vom "Spiegel". Ich hätte mir einen Ort auf der Welt aussuchen können, wo ich arbeiten wollte. Ich entschied mich für San Francisco. Aber dann schaute ich mir an, wie es den Edelfedern beim "Spiegel" erging. Das letzte Wort lag immer am Umbruchtisch - so hieß das damals. Dann bin ich als Leiter des Auslandsressorts zum "Spiegel" gegangen. Auch das war eine schöne Zeit, aber nicht so schön wie bei der "Zeit".

kress.de: Auf welche journalistische Leistung sind Sie besonders stolz?

Michael Naumann: Bis heute auf eine Recherche über Versicherungsbetrug, die sich fast ein Jahr hinzog. Sie müssen verstehen, das war 1980, lange vor dem Internet. Ein Öltanker wurde vor West-Afrika versenkt. Ich habe dabei mit einem Polizei-Reporter aus Houston, Texas, zusammengearbeitet, mit einer Kollegin der "Frankfurter Rundschau", mit einem Schiffs- und Hafenreporter aus London, zwei Kollegen aus Südafrika und einem Wirtschaftsredakteur aus Kuwait. Die Geschichte über diesen Versicherungsbetrug mit verheerenden Folgen, eines der erstaunlichsten Wirtschaftsverbrechen, ist dann unter der Überschrift "Schiffe versenken" in der "Zeit" erschienen. In diesem Fall spielten CIA und BKA eine wichtige Rolle. Ich will Ihnen damit sagen, lange vor dem Internet waren solche Geschichten auch möglich - selbst, wenn wir damals sogar ohne Fax auskommen mussten. Große Teile der Recherche und der Zusammenarbeit mit den Kollegen liefen postalisch. Und die Geschichte ging um die ganze Welt.

kress.de: Gab es einen Fehler im Journalismus, den Sie im Nachhinein bedauern?

Michael Naumann: Da gibt es sicher einiges. Wer viel schreibt, macht auch Fehler. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich jemanden ungerechter Weise fertiggemacht hätte, dann lautet meine Antwort: Nein. Mir fällt jedenfalls niemand ein.

kress.de-Buchtipp: Michael Naumann, Glück gehabt, Hoffmann & Campe, 416 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-455-00026-9.

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