Jakob Gokl über die Reichsbürger: "Natürlich arbeiten die auch mit einer Bedrohungskulisse"

 

Im Januar 2017 hat Jakob Gokl nicht nur seinen 27. Geburtstag gefeiert, er ist auch stellvertretender Chefredakteur der "Schaumburger Zeitung/Lippischen Landeszeitung" geworden. Mit seinen Berichten über rechtsextreme Reichsbürger zeigt Gokl, wie wichtig tiefgründiger Lokaljournalismus gerade im ländlichen Raum ist. kress.de stellt den jungen Aufsteiger vor.

Bis vor gut vier Jahren konnte Jakob Gokl weder mit dem Journalistenberuf noch mit dem Weserbergland viel anfangen. Der gebürtige Wiener studierte in seiner Heimatstadt Englisch und Geschichte auf Lehramt. Journalist wollte er auf keinen Fall werden. "Mein Vater arbeitet für das österreichische Fernsehen", erzählt Gokl, "und ich habe immer gedacht: So ein Leben will ich nicht - ständig unterwegs, nie zu Hause und mehr in die Arbeit verliebt als in das Privatleben."

Nun ist er doch Journalist geworden - in Rinteln an der Weser, einer Fachwerkstadt im westlichen Niedersachsen mit etwa 25.000 Einwohnern. Dass er bei der dortigen Zeitung gelandet ist, schildert Gokl als großes Glück. Sein Studium in Wien lief alles andere als optimal, das Nachtleben lockte mehr als der Hörsaal. Und nach einigen Jahren merkte er, dass ein radikaler Schnitt hermusste. Eine Bekannte vermittelte ihm ein Praktikum bei der "Schaumburger Zeitung". Das war im Winter 2012. Der Studienabbrecher kniete sich in die Arbeit der Lokalredaktion - auch aus Pragmatismus. "Ich habe zu der Zeit in so einem alten Fachwerkhaus ohne funktionierende Heizung gelebt. Da war es so kalt, dass ich lieber viele Termine gemacht habe." Die "Schaumburger Zeitung", die bei einer Auflage von rund 12.000 Exemplaren 15 Redakteurinnen und Redakteure an zwei Standorten beschäftigt, übernahm Jakob Gokl als Volontär. "Niemand hat gefragt, ob ich einen Abschluss habe", sagt er. "Individuelles Engagement ist das, worauf es hier wirklich ankommt." In Kürze wird der 27-Jährige selbst seinen ersten Volontär ausbilden.

"Er ist offen, interessiert an Menschen, nah am Leser", sagt Stefan Reineking, Geschäftsführer und Chefredakteur der "Schaumburger Zeitung", über seinen neuen Stellvertreter. Als sich vor einigen Jahren eine Untergruppe der Reichsbürger, die sich selbst als "Germaniten" bezeichnet, im Verbreitungsgebiet des Blatts niederließ und in einem heruntergewirtschafteten Hof eine "Botschaft" eröffnete, durfte Gokl sich immer wieder aus dem Tagesgeschäft herausziehen, um über die rechtsextreme Bewegung zu recherchieren. Herausgekommen sind Berichte über Hausbesetzungen und Zwangsversteigerungen, über sektenartige Verflechtungen, gewaltaffine Anhänger abstruser Verschwörungstheorien und einen Betroffenen, der versucht auszusteigen.

Reichsbürger in Rinteln? "Das wahre Leben mit allen menschlichen Abgründen spielt sich in der Kleinstadt und auf dem Dorf genauso ab wie überall sonst", sagt Jakob Gokl. Die Reichsbürger seien in strukturschwachen Gegenden sogar besonders stark vertreten. "In dem Dorf, wo sie sich angesiedelt haben, gibt es gar nichts - einen ehrenamtlich geführten Laden, einen Zigarettenautomaten und das war's." Unterstützung bei seinen Recherchen erhielt Gokl von einem Redakteur der "Neuen Westfälischen" aus Bielefeld, in deren Gebiet die "Germaniten" zuvor ebenfalls Unruhe gestiftet hatten. Auch mit den "Ruhr Nachrichten" arbeitet er in Sachen "Germaniten"-Berichterstattung auf kollegialer Ebene zusammen. "Es gibt keine offizielle Kooperation, aber wir versuchen schon, uns zu vernetzen", sagt Gokl. "Die Reichsbürger agieren ja auch deutschlandweit."

Insgesamt sei das Thema viel zu lang ignoriert worden - von der Gesellschaft, aber auch von den Medien. Im Landkreis Schaumburg, schätzt Gokl, leben inzwischen mehrere Dutzend Reichsbürger. Über ihre Machenschaften aufzuklären, hält der Zeitungsjournalist für genauso wichtig wie etwa den kritischen Blick auf die Lokalpolitik und die Weichenstellungen im Landkreis. "Die Kontrollfunktion, die wir vor Ort ausüben, die kann uns keine 'Zeit' und keine 'Süddeutsche' abnehmen."

Dass es mitunter gefährlich werden kann, wenn man kritisch über Menschen berichtet, die an den Fortbestand des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1937 glauben und die Bundesrepublik als Firma bezeichnen, zeigt ein tätlicher Angriff auf den Redakteur der "Neuen Westfälischen", der sich im Krankenhaus behandeln lassen musste. Auch Jakob Gokl hat zuweilen ein mulmiges Gefühl. Alle paar Tage erhält er zeitschriftendicke Faxe, die stundenlang das Gerät blockieren und Massen an Papier verschlingen. "Natürlich arbeiten die auch mit einer Bedrohungskulisse", sagt er. Das schrecke ihn aber nicht ab. Ein weiterer Bericht über das sektenartige System der "Germaniten" ist gerade in Arbeit.

Zu anderen Themen kommt Gokl zurzeit kaum. Seit er zum stellvertretenden Chefredakteur aufgerückt ist, schreibt er nur noch selten. Blattmachen und Redaktionsmanagement stehen auf seiner Agenda. Im Herbst hat die Schaumburger Zeitung ihre Website relauncht - jetzt gilt es, klare Online-Verantwortlichkeiten zu schaffen. Auch Sublokalseiten auf Facebook sind geplant. Seinen Hoodie hat Jakob Gokl in den Schrank geräumt und trägt jetzt Sakko. "Genau wie mein Vater. Der trägt auch Sakko", sagt er und lacht. Vor wenigen Tagen wurde Gokl selbst Vater. "Ich bin gespannt, was mein Sohn später über meinen Beruf sagt."

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