Österreichische Zeitungen und die Paywall: "Die Presse" legt vor, beim "Standard" bewegt sich was

27.04.2017
 

Eine Zeitung nach der anderen probiert in Österreich, ihre Onlinenutzer zu Geschäftskunden zu machen, die für Leistung zahlen. Die "Presse" zieht vor, der "Standard" folgt bald. Schon im laufenden Jahr werde es eine Bewegung in diese Richtung geben, kündigt Gerlinde Hinterleitner von "derstandard.at" an.

Noch ist der Ring kostenpflichtiger Digitalangebote von Zeitungen in Österreich löchrig, er wird aber enger. Der jüngste Vorstoß kommt von der "Presse" (Styria Media Group) aus Wien. Sie wartet mit einem Bezahlmodell für ihre "Premium-Geschichten" auf. "In diesen Geschichten steckt besonders viel 'Presse': also Energie, Zeit und Rechercheaufwand", verkündete die Zeitung zum Start der Aktion. Entweder leisten sich die Kunden ein Digitalabo um 10 Euro pro Monat, oder sie zahlen für jeden Premium-Artikel, den sie öffnen, 50 Cent, für umfangreiche Dossiers auch mehr. Hinter dem Konzept steckt lange Vorarbeit in der IT-Abteilung unter ihrem Online-Chef Manuel Reinartz.

Reinartz gibt im Gespräch mit dem "Österreichischen Journalist" zu, dass der Vorstoß eine Gratwanderung ist - nicht ohne Grund haben sich noch lange nicht alle österreichischen Zeitungen auf eine solche gewagt. Die bisherigen Reaktionen auf das "Presse"-Angebot ließen aber erkennen, dass die Bereitschaft der Kunden grundsätzlich vorhanden sei. In einer Marktstudie sei herausgekommen, dass ein guter Prozentsatz der Befragten einen Kostenbeitrag je nach Qualität, Inhalt und Umfang eines Artikels als angemessen empfinden würde.

Die "Presse" will bei ihrem Bezahlmodell eine gewisse Härte zeigen und konsequent sein: "Es wird keine Hintertür geben, um gratis an Premium-Artikel zu kommen", versichert Reinartz. Auch über Google oder Social Media wird kein Sesam-öffne-dich zu finden sein.

Wenn bereits die elitäre "Presse" auf Pflichtbeiträge der Nutzer von "Presse"-Artikeln setzt, was macht dann eigentlich ihr Gegenstück, der "Standard"? Er ragt unter den Zeitungen durch hohe Nutzung seines Online-Angebots heraus. Bisher sperrte sich der "Standard" gegen die Verlockung, durch eine Paywall seine Klientel zur Kasse zu bitten. Untätig bleibt er nicht, die Zeit scheint reif zu werden.

 

Gerlinde Hinterleitner, die als Frau der ersten Stunde von "derstandard.at" gilt und an ihm beteiligt ist, weist darauf hin, dass schon vor längerer Zeit erste Maßnahmen getroffen wurden. "Uns sind ganz viele Sachen eingefallen. Man muss diese Ideen bloß so auf den Boden bringen, dass sie für die User funktionieren", sagt Hinterleitner zum "Österreichischen Journalist". Schon im laufenden Jahr werde es eine Bewegung in diese Richtung geben. In welche? Das deutet sie nur an. Man müsse nicht unbedingt an den Wert von Inhalten denken, es gebe auch andere Möglichkeiten, die die User beeindrucken. Zusätzliche Services, neue Angebote, es müsse einem eben etwas dazu einfallen. Auf keinen Fall dürfe man bloß in eine Richtung denken, denn das Problem, um das es sich handle, sei hochkomplex und müsse sehr sensibel angegangen werden, sonst zerstöre man mehr, als man gewinnen könne.

kress.de-Tipp: Wieviele Digital-Abonnenten Thomas Spann, Geschäftsführer der "Kleinen Zeitung", bereits vorweisen kann und warum Mediaprint-Geschäftsführer Gerhard Riedler nicht daran denkt, auf "krone.at" eine Bezahlschranke einzurichten, lesen Sie im "Österreichischen Journalist". Die Ausgabe 02-03/2017 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt und im iKiosk erworben werden.

"Der Österreichische Journalist" (Chefredakteur: Georg Taitl, Herausgeber: Johann Oberauer, Georg Taitl) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Der hier zitierte Artikel "Goldsucher klopfen an die Paywall" stammt von "DÖJ"-Autor Engelbert Washietl.

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