Crowdfunding-Weltrekord: Eine neue, werbefreie Zeitung sammelt Geld für großen Journalismus

 

"JOURNALISMUS!" Seit einigen Tagen bin ich Verleger und Mitglied des Schweizer Verlegerverbands. Nicht dass ich davon geträumt hätte: Ich wollte kein Chefredakteur werden, ich will kein Verleger werden, aber die Verhältnisse waren und sind dagegen. Die Paul-Josef-Raue-Kolumne berichtet von einem Schweizer Projekt: "Die Republik". Nach einem erfolgreichen Crowdfunding, das weit über eine Million Schweizer Franken sammelte, will die Online-Zeitung den Journalismus retten - und die Demokratie.

 

Wieviel Geld braucht man, um Verleger zu werden? Oder reicht ein Verleger, der einen adoptiert? Adoption ist für die meisten nicht in Sicht, aber 250 Schweizer Franken reichen aus, um einer von zur Zeit zehntausend Verlegern der werbefreien Online-Zeitung "Republik" zu werden.

Warum braucht die Schweiz eine neue Zeitung?

"Die großen Verlage verlassen die Publizistik: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um", schreiben Constantin Seibt und Christof Moser, die Gründer, auf ihrer Webseite; "das ist eine schlechte Nachricht für den Journalismus. Aber auch für die Demokratie. Denn ohne vernünftige Informationen fällt man schlechte Entscheidungen."

Constantin Seibt und Christof Moser sind zwei der bekanntesten Journalisten in der Schweiz. Seibt, als "Edelfeder" mehrfach preisgekrönt, gibt seine Stelle beim "Tages-Anzeiger" auf, Moser seine als Bundeshaus-Korrespondent bei der "Schweiz am Sonntag".

Warum interessiert die Gründung dieser Zeitung auch in Deutschland? Bei uns zerbröselt ebenfalls das Geschäftsmodell, mit Werbung und Abo-Zahlungen eine Zeitung oder ein Magazin zu betreiben. Redaktionen werden zusammengelegt und verkleinert, gerade im Lokalen, der Journalismus leidet darunter, die Gesellschaft und die Demokratie ebenfalls.

"Die Inserate sind ins Netz verschwunden. Und die grossen Verlage folgen dem Geschäft. Die Gewinne machen heute die Suchmaschinen: für Jobs, Autos, Immobilien, Liebe", schreiben Seibt und Moser auf ihrer Webseite. "Nur brauchen Suchmaschinen keine Leitartikel mehr auf der Rückseite. Verlage wie Tamedia, Ringier - oder in Deutschland Springer - verlassen deshalb die Publizistik. Ihr Geld, ihre Ideen, ihre Planung investieren sie in das neue Geschäft. Redet man mit Leuten der Chefetage, ist es längt keine Frage mehr, ob Journalismus noch zum Geschäft von morgen gehört. Er tut es nicht. Ihre Zukunft sehen die Medienkonzerne als Schweizer Amazon."

Einen Monat lang wollten die "Republik"-Gründer 750.000 Schweizer Franken sammeln, um im Januar 2018 starten zu können. Sie brauchten dazu einen halben Tag. "Projekt R." stieg auf zum größten Medien-Crowdfunding der Welt: Am vergangenen Sonntag hatten zehntausend Abonnenten  2,5 Millionen Franken eingezahlt, etwa 2,3 Mio Euro; die Schweizer lösten den Rekord ab, den "De Correspondent" in Holland - eines der Vorbilder - gehalten hatte.

Das Geldsammeln diente den Gründern auch dazu, den Markt, das Interesse möglicher Leser zu testen: "Wir wollen einen Journalismus, der der Öffentlichkeit verpflichtet ist. Und von niemandem abhängig ist - außer von seinen Leserinnen und Lesern." Die "Republik" wird keine Anzeigen annehmen.

Wer hat die Macht in der "Republik"? Eine Genossenschaft, in der alle Abonnenten versammelt sind, und eine Aktiengesellschaft. Die Gründer haben diese Doppelstruktur gewählt, um eine hohe Unabhängigkeit der Redaktion zu erreichen. "Wir haben versucht, die Machtstruktur möglichst erdbebenfest zu bauen, so dass niemand als die Vernunft das Sagen hat. (Soweit Vernunft in der Publizistik reicht, da vernünftiger Journalismus immer auch etwas Verspieltes hat - eine gute Zeitung ist halb Waffe, halb Waffel.)"

Macht, aber nicht die alleinige, hat die Genossenschaft: Jeder Genosse hat eine Stimme, ob er viel oder wenig einzahlt. Die AG, das ist die Zeitung, verdient das Geld. Das ähnelt der Konstruktion des "Spiegel", aber die Schweizer haben aus den Erfahrungen des "Spiegel" gelernt: Dort haben die Mitarbeiter mit 49 Prozent die Mehrheit, haben - so die Schweizer - "fürstliche Privilegien" und "als Herrschaftskaste eine weit schlechter bezahlte, weit rechtlosere Online-Redaktion aufgebaut". Zudem scheitern Veränderungen beim Spiegel leicht an der mäßig ausgeprägten Veränderungs-Bereitschaft der Mitarbeiter.

Bei der "Republik" müssen immer zwei der drei Besitzer hinter den Beschlüssen stehen. Das ist die "Republik"-Konstruktion:

Rund 40 Prozent halten die Leser, vertreten durch die Genossenschaft.

Rund 40 Prozent halten die Mitarbeiter.

Rund 20 Prozent halten die Investoren. Sie haben am wenigsten zu sagen, sie werden jedoch im Fall eines Gewinns finanziell bevorzugt.

Der überraschende Geldsegen macht die Gründer mutig: Die elfköpfige Redaktion verdoppelt die Zahl der Volontäre von zwei auf vier; sie  wird jährlich vier "Monsterrecherchen" starten, für die sie jeweils rund 60.000 Franken ausgeben will: "Damit schaffen wir einen entscheidenden Unterschied im Mediensystem: kein uns bekanntes Schweizer Medium investiert so viel Zeit - also Geld - in journalistische Recherchen. Damit können wir Datenjournalistinnen zwei, drei Monate lang Daten durchforsten lassen oder Reporter so lange wie nötig auf Recherche schicken. Mit dem Zweck, dass die Republik als schlankes Medium regelmässig die weit finanzkräftigere Konkurrenz schlagen kann. Und das nicht nur mit Ideen, sondern auch der zweitschrecklichsten publizistischen Waffe, die je erfunden wurde: mit Geld."

Wie unterscheiden sich die Verhältnisse in der Schweiz von denen in Deutschland?

1. Die Medien-Konzentration ist in der Schweiz weiter fortgeschritten. Laut "Republik" beherrschen in der Schweiz drei Konzerne achtzig Prozent der veröffentlichten Meinung: Tamedia, NZZ, Ringier. Ähnlich wie in Deutschland werden immer wieder kleinere Zeitung von den Konzernen aufgekauft.

In Deutschland ist die Konzentration nicht so dramatisch: Den zehn größten Verlagsgruppen gehören rund 60 Prozent der Auflage; die Zahl ist seit zehn Jahren stabil: Springer (14 Prozent), "Stuttgarter Zeitung" mit "Rheinpfalz" und mit "Südwest-Presse" (10), Funke (8), Du  Mont (5), Madsack (5), Ippen (5), Augsburg (3,5), ddvg (3,4), "Rheinische Post" (3,2), Osnabrück (2,9)

2. Die großen Zeitungen in der Schweiz verlieren ihre Identität. Constantin Seibt arbeitete bis vor wenigen Wochen für den "Tages-Anzeiger", eine der größten Schweizer Zeitungen, und er schreibt aus eigener Erfahrungen auf der Republik-Webseite: "In der Krise fusionieren die grossen Verlage ihre Medien zu riesigen Klumpen. Beim 'Tages-Anzeiger' etwa werden die schnellen News mit '20 Minuten' (Gratiszeitung) gemacht, die Bundeshaus-Berichterstattung kommt vom Bund, Ausland, Wirtschaft und Kultur liefert zu immer grösseren Teilen die 'Süddeutsche Zeitung', zu kleinen Teilen die 'Basler Zeitung', die hinteren Bünde sind mit der 'SonntagsZeitung' zusammengelegt worden. Kurz: Es ist das Organigramm von Frankensteins Monster."

In Deutschland haben die großen nationalen Zeitungen wie "SZ", "FAZ", "Handelsblatt", "Welt" große eigenständige Redaktionen in allen Ressorts und sorgen für eine Meinungsvielfalt, die offenbar in der Schweiz immer stärker gefährdet ist. Nur bei den regionalen Zeitungen in Deutschland liefert zunehmend eine Zentralredaktion die Seiten für die überregionalen Mantelbücher.

3.  "Das Comeback der Parteipresse"  ist ein Grund für die Gründung von "Republik", deren Gründer es so schildern: "Im Frühling 2002 übernahm eine Gruppe von Rechtsbürgerlichen um Financier Tito Tettamanti die 'Weltwoche'. Acht Jahre später kauften fast exakt dieselben Leute die 'Basler Zeitung'. Nach langem Versteckspiel stellte sich SVP-Milliardär Christoph Blocher als der wahre Käufer heraus. In der Schweiz wiederholt sich damit die gleiche Geschichte wie in den USA: Mit sinkenden Einnahmen werden Medien zum Spielzeug für Milliardäre. Statt Umsatzrendite wollen sie Einfluss: eine politische Dividende. Das ist kein gutes Zeichen für die Demokratie. Denn die Ballung von Kapital, Medienmacht und Politik ist ein klassisches Merkmal der Oligarchie."

Die SVP bekommt bei Wahlen die meisten Stimmen, sie gilt als nationalkonservative Partei. Für die "Republik"-Gründer ist eine "flächendeckende Übernahme der Schweizer Medien durch den Chef der grössten Schweizer Partei kein unplausibles Szenario".

In Deutschland spielt Partei-Presse keine Rolle. Nur die SPD ist über ihre ddvg an Zeitungen beteiligt: Die Mehrheit bei einer großen Zeitung hat sie allein bei der "Neuen Westfälischen" in Ostwestfalen.

Eine Anekdote dazu aus der Schweiz: In einem Streitgespräch im Migros-Magazin sprach die junge Flavia Kleiner von der liberalen "Operation Libero" mit dem Milliardär und SVP-Politiker Christoph Blocher (76):

Blocher: Sie haben von Wirtschaftsverbänden Geld bekommen. Geben Sie's doch zu!
Kleiner: Nein, echt nicht. Wollen Sie sich unsere Abrechnung anschauen? (greift zum Computer und schaltet ihn an)
Blocher: Wer zahlt denn Ihre 300 Stellenprozent?
Kleiner: Crowdfunding.
Blocher: Wer ist das?

4. Die größte Gefahr für Journalismus und Demokratie in Deutschland kommt von der Schwächung der Lokal - und Regionalzeitungen: In den meisten Landkreisen gibt es ein Monopol, die Redaktionen werden immer kleiner und kommen so ihrer Kontrollfunktion nicht mehr nach.

"Republik" ist national, kann mit elf Redakteuren nicht ins Lokale gehen.

Nachtrag:

Markus Wiegand, Chefredakteur von "kress pro", erzählt in der aktuellen Ausgabe des "Schweizer Journalist" von Besuchen in der Berliner Digitalszene, die Journalismus fad findet und Geldverdienen mit Clicks faszinierend. Dann lobt er Constantin Seibt und Christof Moser, die Gründer von "Republik", "dem heißesten Inhalte-Start-up der Schweiz": "Eines haben die Macher schlau gemacht. Sie setzen bei der Finanzierung nicht auf Investoren." Und Wiegand fragt: Können die beiden auch verkaufen?

Ja, sie können offenbar.  

 

Info

Das Manifest von Republik

Ohne Journalismus keine Demokratie.
Und ohne Demokratie keine Freiheit. Wenn der Journalismus stirbt, stirbt auch die offene Gesellschaft, das freie Wort, der Wettbewerb der besten Argumente. Freier Journalismus war die erste Forderung der liberalen Revolution. Und das Erste, was jede Diktatur wieder abschafft.

Journalismus ist ein Kind der Aufklärung. Seine Aufgabe ist die Kritik der Macht. Deshalb ist Journalismus mehr als nur ein Geschäft für irgendwelche Konzerne. Wer Journalismus macht, übernimmt Verantwortung für die Öffentlichkeit. Denn in der Demokratie gilt das Gleiche wie überall im Leben: Menschen brauchen vernünftige Informationen, um vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Guter Journalismus schickt Expeditionsteams in die Wirklichkeit. Seine Aufgabe ist, den Bürgerinnen und Bürgern die Fakten und Zusammenhänge zu liefern, pur, unabhängig, nach bestem Gewissen, ohne Furcht vor niemandem als der Langweile.

Journalismus strebt nach Klarheit, er ist der Feind der uralten Angst vor dem Neuen. Journalismus braucht Leidenschaft, Können und Ernsthaftigkeit. Und ein aufmerksames, neugieriges, furchtloses Publikum.

Sie!

Der Autor

Paul-Josef Raue mag Startups. Er verhalf der "Oberhessischen Presse" in Marburg zu einem eigenen Mantel; er gründete im Januar 1990 die "Eisenacher Presse", die erste deutsch-deutsche Zeitung; er war bei der Gründung von "Econy" dabei, das heutige "Brand Eins".  35 Jahre lang war er Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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