Chefredakteur Bernd Mathieu über das Multimediavolontariat in Aachen: "Alle dachten, das sei nur verstaubtes Papier"

 

Seit fünf Jahren bietet der Zeitungsverlag Aachen eine multimediale Ausbildung an: Print, Online, Fernsehen, Radio. Damit binden die Aachener Zeitungen nicht nur vielseitige Talente an ihr Haus, sondern ebnen auch den Weg für ihre eigene plattformübergreifende Zukunft. Noch in diesem Jahr wird der Newsdesk auf "Online first" umgestellt.

"Wir möchten bitte ausgebildet werden." Bittere Klagen erhoben knapp 400 Volontäre vergangenes Jahr in einer großen Umfrage unter angehenden Journalisten. Ihre heftige Kritik galt vor allem der mangelnden Cross- und Multimedialität in Zeitungshäusern, die ihren Nachwuchs oft noch immer so ausbilden wie vor 20 Jahren. Doch es gibt auch Ausnahmen: Seit mittlerweile fünf Jahren bietet das Medienhaus Aachen ein sogenanntes Multimediavolontariat an - und hat damit nicht nur ein zeitgemäßes Fundament für die redaktionellen Anforderungen einer modernen Regionalzeitung geschaffen, sondern auch an Attraktivität bei den Bewerbern zugelegt.

Chefredakteur Bernd Mathieu, der schon seit mehr als 20 Jahren die redaktionellen Geschicke der "Aachener Zeitung" lenkt, hat den Ausbildungsgang maßgeblich selbst entwickelt. Die Idee kam ihm an der FH Aachen, wo er nebenher im Studiengang Media and Communications for Digital Business lehrt. "Im Umgang mit den Studenten fiel mir auf: Wir als Zeitungshaus haben gar keine Bewerber aus diesem Bereich. Sie dachten alle, das sei nur verstaubtes Papier." Mathieu und sein Team überarbeiteten ihren Ausbildungsgang, schlossen Kooperationen und erweiterten die Zahl der Stationen, die die Aachener Volontäre durchlaufen.

Seither gehören neben der üblichen Arbeit in Lokal- und Mantelredaktionen nicht nur mehrere Monate in der Onlineredaktion zur hauseigenen Ausbildung, sondern auch mindestens vier Wochen beim Fernsehen, ein weiterer Monat beim Radiosender Antenne AC und sieben Tage technische Schulung in der RTL-Journalistenschule. Feste Kooperationen gibt es zum Beispiel mit dem WDR Fernsehen, Phoenix und der "Hart aber fair"-Produktionsfirma Ansager und Schnipselmann. Einige Volontäre, erzählt Mathieu, haben auch schon bei "Monitor" oder der "Sportschau" mitgemacht.

Neu ist die Zusammenarbeit mit der Industrie- und Handelskammer Aachen und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH): Über die IHK sollen die Volontäre für wenigstens zwei Wochen in ein Unternehmen, bei der RWTH vier Wochen in ein technisches Institut wie etwa Maschinenbau oder Lasertechnik hineinschnuppern. Neben der Vielfalt an externen Stationen gibt es regelmäßige Inhouseschulungen, überbetriebliche Seminare und Exkursionen.

Das Multimediavolontariat in Aachen dauert zweieinhalb Jahre - statt der üblichen 18 bis 24 Monate. Die Journalistengewerkschaft, so Mathieu, habe die Verlängerung anfangs nicht gerne gesehen, "aber es sind so viele Inhalte dazugekommen, dass es nicht anders möglich war." Mittlerweile ist die Kritik verstummt - die gute Qualität der Ausbildung und die übertarifliche Bezahlung haben den Verdacht eines Sparprogramms ausgeräumt. Auch die steigenden Bewerberzahlen sprechen für das Aachener Modell. Mittlerweile bekommen die "Aachener Zeitungen" Bernd Mathieu zufolge mindestens doppelt so viele Bewerbungen wie vor 2012.

Vor allem aber profitiert der Zeitungsverlag selbst. Von den bisher elf fertig ausgebildeten Multimediajournalisten wurden zehn übernommen - und eine inzwischen zur neuen Online-Verantwortlichen gemacht. "Die Volontäre sind uns sehr dabei behilflich, neue Wege im digitalen Wandel zu beschreiten. Wir haben nun eigene Leute, die moderieren, Videos und Live-Streams produzieren sowie News-Apps und Social Media bestücken können", sagt Chefredakteur Mathieu. Überhaupt ist man in Aachen experimentierfreudig. Zwei Jahre lang produzierte das Team eine digitale Abendzeitung, die kürzlich aber aufgrund zu geringer Nachfrage wieder eingestellt wurde. "Trotzdem haben wir viel daraus gelernt und Erfahrungen gesammelt", so Mathieu.

Nun wird die multimediale Herangehensweise auf die ganze Redaktion ausgedehnt, seit diesem Quartal laufen Online-Schulungen für alle Redakteure, die in dem Gebiet noch nicht ausgebildet sind. Auch der Newsdesk wird umgestaltet: "Mit der Print-Zeitung beginnen wir erst mittags, vorher arbeiten wir für Online."

Hintergründe:

Geboren 1954, volontierte Bernd Mathieu ab 1979 bei der "Aachener Volkszeitung". 1980 wurde er politischer Redakteur, 1982 verantwortlicher Sportredakteur und 1985 Aachener Lokalchef. 1991 rückte er als stellvertretender Chefredakteur in die Führungsetage des Zeitungshauses auf. Seit 1995 ist Bernd Mathieu Chefredakteur der "Aachener Zeitung", 2003 übernahm er auch die Chefredaktion der "Aachener Nachrichten" - nach dem Modell "Eine Redaktion - zwei Zeitungen". Seit 2008 lehrt Mathieu als Professor der Fachhochschule Aachen im euregionalen Studiengang Communication and Multimediadesign.

Im Zeitungsverlag Aachen erscheint die "Aachener Zeitung" gemeinsam mit den Aachener Nachrichten. Die verkaufte Gesamtauflage beider Titel liegt bei 106.769 Exemplaren (IVW 1/2017). Die Erstausgabe erschien 1946. Insgesamt produziert das Aachener Medienhaus fünf Zeitungstitel: "Aachener Zeitung", "Aachener Nachrichten", "Westdeutsche Zeitung", "Remscheider General-Anzeiger" und "Solinger Tageblatt". Inklusive der Lokalredaktionen arbeiten nach Angaben des Chefredakteurs mehr als 90 Redakteure für den Zeitungsverlag Aachen.

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