Journalistik-Studium in Leipzig in der Krise: "Ich sage ja, dass Fehler gemacht worden sind"

 

Die Uni Leipzig bescheinigt sich selbst eklatante Defizite bei der Ausbildung von Journalisten und nimmt vorerst keine neuen Studenten auf. Kress.de sprach mit zwei Professoren der Uni. Im ersten Interview äußert sich Studiendekan Thomas Kater. Der Chef der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie soll die Kommission leiten, die den Studiengang reformieren soll.

Vor zwölf Jahren erhielt das Fach Journalistik der Universität Leipzig Lob aus berufenem Munde. In einer Befragung von 240 Chefredakteuren kürten sie die Ausbildung auf Grund großer Praxisnähe und hochwertiger Qualitativ zur besten in Deutschland. Das Niveau konnte die Hochschule nicht halten - vor allem wegen Sparmaßnahmen. Inzwischen gibt sie sich selbst das Prädikat ungenügend, zog die Reißleine und verhängte einen Aufnahmestopp für neue Studenten ab dem Wintersemester. Bis 2018 soll die Journalisten-Ausbildung in Leipzig reformiert werden. Die Kommission führt der Philosophie-Professor Thomas Kater. Kress.de sprach mit ihm.

kress.de: Die Uni Leipzig bescheinigt sich selbst erhebliche Defizite bei der Ausbildung ihrer Journalistik-Studenten und nimmt vorläufig keine neuen mehr an. Das wirkt wie ein Armutszeugnis. Ist es eins?

Prof. Thomas Kater: Als Armutszeugnis würde ich es nicht bezeichnen, das wäre mir zu drastisch. Aber es ist auch nichts Alltägliches und zu beschönigen oder zu bemänteln gibt es sowieso nichts. Klar ist: So, wie es zuletzt gelaufen ist, war es nicht gut genug. Wir mussten handeln. Den Studiengang in der jetzigen Form weiterlaufen zu lassen, wäre hochgradig unseriös gewesen.

kress.de: Für den schlechten Zustand spricht auch, dass die Bewerberzahlen in Leipzig für das Fach Journalistik signifikant zurückgegangen sind.

Prof. Kater: In der Tat war seit einiger Zeit eine gravierende Abnahme zu beobachten. Das bewerten wir als Zeichen für die gesunkene Attraktivität des Studiengangs an der Uni Leipzig. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran: Wir haben Reformbedarf. Jedenfalls konnten wir guten Gewissens nicht alles weiterlaufen lassen, als existiere die Kritik nicht. Andernfalls wäre die Journalistik-Ausbildung, die an der Universität Leipzig lange Tradition hat, gefährdet worden, letztlich sogar in ihrer Existenz.

kress.de: Was ist das Ziel der Reform?

Prof. Kater: Wir wollen ab dem Wintersemester 2018/19 den Studiengang Journalistik in neuer Form wieder anbieten. Die Reformkommission, die vom Fakultätsrat bestellt worden ist und auch externe Fachleute einbezieht, wird Vorschläge unterbreiten. Der Zeitdruck ist sehr hoch.

kress.de: Wie kam es überhaupt zu dem Aufnahmestopp?

Prof. Kater: Neue Mechanismen zur Sicherung der Qualität kommen erst seit gut zwei Jahren zur Anwendung. Dazu gehören eine Selbsteinschätzung der Verantwortlichen eines Studiengangs, eine Stellungnahme der Studierenden über den Fachschaftsrat sowie Empfehlungen der zuständigen Studienkommission, aber auch seit Jahren an unserer Fakultät durchgeführte regelmäßige Befragungen der Studierenden aller Studiengänge. Alles in allem mussten wir deutliche Probleme in der Ausbildung und der Durchführung des Masterprogramms konstatieren.

kress.de: Und Sie haben zwei Jahre nichts getan?

Prof. Kater: Doch, wir haben etwas getan, offenbar aber nicht genug. Schon vor gut zwei Jahren haben wir über die Probleme gesprochen. Statt eine Reform anzugehen, ist leider nichts passiert. Da müssen sich alle Verantwortlichen an die Nase fassen, dass dem nicht genügend nachgegangen und eine Reform nicht forciert worden ist.

kress.de: Was war denn die Kritik der Studierenden?

Prof. Kater: Ein Kranz unterschiedlichster Punkte. Manche beschwerten sich über Lehrveranstaltungen und -module, andere über atmosphärische Schwierigkeiten. Auch die Berichte der Lehrkräfte haben Defizite benannt und Empfehlungen ausgesprochen. Papiertiger waren es jedenfalls nicht. Auch das schaut sich jetzt die Reformkommission an.

kress.de: Stimmt es, dass das Journalistik-Studium zu PR-lastig gewesen sei?

Prof. Kater: Nein, das ist falsch. Es gibt einen eigenen Studiengang Communication Management.

kress.de: In der Öffentlichkeit kommt es so rüber, dass vor allem der Leiter der Abteilung Journalistik der Universität, Prof. Marcel Machill, Schuld an der Misere habe. Ist er das Hauptproblem?

Prof. Kater: An einer einzelnen Person kann und darf die Problematik nicht festgemacht werden. Dafür ist die Angelegenheit viel zu komplex. Prof. Machill hat Verantwortung, das stimmt. Die haben andere aber auch. Eine Lob-und-Tadel-Liste aufzustellen, macht überhaupt keinen Sinn.

kress.de: Wird Prof. Machill der Reformkommission angehören?

Prof. Kater: Selbstverständlich. Er soll und wird sich hoffentlich einbringen.

kress.de: Von dem ehemaligen Prorektor für Lehre und Studium, Wolfgang Fach, ist die Aussage überliefert, es gebe "laufend Probleme" mit dem Professor: "Es vergeht praktisch kein Semester, in dem ich mich nicht mit der Causa Machill beschäftigen muss." Das klingt nicht nach tiefem Vertrauen in einen Kollegen.

Prof. Kater: Das Zitat ist uralt. Herr Fach ist seit Jahren im Ruhestand. Seine Aussage nun immer wieder zu bringen, um Herrn Prof. Machill in ein schlechtes Licht zu rücken, hilft niemandem weiter. Allerdings hätte ich mir tatsächlich gewünscht, dass die Abteilung, die den Studiengang verantwortet, zielgerichteter auf den sich abzeichnenden Reformbedarf reagiert. Hier steht aber auch die Fakultät in der Verantwortung.

kress.de: Also doch Kritik an Prof. Machill?

Prof. Kater: Prof. Machill hat vor zwei Jahren einen Brandbrief geschrieben an das Dekanat. Das ist richtig. Aus seiner Sicht ist danach nichts passiert. Das stimmt aber so nicht. Schon damals gab es die Frage: Wie können wir angesichts der diagnostizierten, aber nicht nur kapazitären Probleme das Studienprogramm neu ausrichten? Erste inhaltliche Überlegungen, die mit Prof. Machill unter Beteiligung des Dekanats und dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften geführt worden sind, sind leider nicht weiter verfolgt worden. Das war ein Fehler.

kress.de: Mal ehrlich: Dass der Leitung einer Fakultät inhaltliche, strukturelle und personelle Defizite nicht oder zu spät auffallen und plötzlich alle merken, huch, wir haben demnächst eine Fachkraft zu wenig, statt gleich zu reagieren, ist doch ein Unding. Oder?

Prof. Kater: Ich sage ja, dass Fehler gemacht worden sind und nicht nur einer die Verantwortung für die Lage trägt, wie sie nun ist.

kress.de: Wird die Uni Leipzig mehr Personal einstellen, wie der Deutsche Journalisten-Verband es verlangt, um den Studiengang zu verbessern?

Prof. Kater: Die DJV-Forderung ist angesichts der finanziellen Möglichkeiten arg ins Blaue gesprochen. Stellenkürzungen waren auch Auswirkungen der grundsätzlichen Änderungen bei der Ausgestaltung des Studiengangs im Zuge der Bologna-Reform. Folge waren die Umwandlung von einem Diplomstudiengang mit 10 Semestern Regelstudienzeit in einen Master mit vier Semestern Regelstudienzeit plus 12 Monaten Volontariat. Wir müssen die nun anstehende Reform des Studiengangs mit den Ressourcen hinbekommen, die wir haben.

kress.de: Für die angehenden Journalisten, die gerade mitten im Studium sind, ist die Situation alles andere als schön. Hat es außer den emotionalen Folgen auch Konsequenzen für das Studium?

Prof. Kater: Natürlich gibt es jetzt Unruhe unter den Studierenden. Das ist mehr als nachvollziehbar. Wir werden aber dafür Sorge tragen, dass jeder ordnungsgemäß zum Abschluss kommen kann. Auch die ins Studium integrierten Volontariate und die Lehrredaktionen sind abgesichert.

Interview: Thomas Schmoll

Ihre Kommentare
Kopf

Hans Horch

05.05.2017
!

Die Ausbildung in Leipzig kann man nicht Journalistik-Studium nennen. Es waren allenfalls Trainingskurse für Lohnschreiber der PR-Wirtschaft. Das sieht man schon an der Liste der Dozenten. Journalismus buchstabiert man anders.


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