Prof. Marcel Machill über die Hochschulkrise in Leipzig: "Der Immatrikulationsstopp ist total verrückt"

 

Wegen gravierender Defizite bei der Ausbildung von Journalisten nimmt die Uni Leipzig vorerst keine neuen Studenten an. Kress.de sprach mit zwei Professoren der Hochschule über die Krise. Im zweiten Interview äußert sich Prof. Marcel Machill, Leiter der Abteilung Journalistik."Bis auf Leipzig existiert in Ostdeutschland keine universitäre Journalistik. Statt den Standort zu sichern und attraktiver zu machen, wird lieber Geld in die Forschung zur Medienkultur im 19. Jahrhundert gesteckt", sagt Machill.

Bis 2018 soll die Journalisten-Ausbildung in Leipzig reformiert werden. Die dafür eingerichtete Kommission soll Fakultätsdekan Thomas Kater leiten. Kress.de sprach zunächst mit ihm (hier geht es zu Teil eins der Interviewserie) und im Anschluss mit dem Chef der Abteilung Journalistik, Prof. Marcel Machill.

kress.de: Herr Prof. Machill, die Vorgänge in Leipzig wirken für Zuschauer, die keine Einblicke in die internen Abläufe haben, bizarr und unkollegial. Wie sehen Sie das?

Prof. Marcel Machill: Widersprechen kann ich diesem Eindruck nicht. Der Umgang miteinander macht mich fassungslos. Vom beschlossenen Immatrikulationsstopp habe ich aus der Pressemitteilung erfahren.

kress.de: Es fällt auf, dass Sie als Leiter der betroffenen Abteilung in der Pressemitteilung zwar als künftiges Mitglied der Reformkommission genannt werden, aber selbst nicht zu Wort kommen.

Prof. Machill: Das ist in der Tat äußerst ungewöhnlich und unkollegial. Mit dem Pressesprecher der Uni hatte ich telefoniert und ein Statement angeboten. Offenbar hielt es die Uni nicht für nötig, mich zu Wort kommen zu lassen. Aber ich war ja auch gegen den Aufnahmestopp.

kress.de: Sie waren dagegen, keine Studenten mehr anzunehmen?

Prof. Machill: Exakt. Der Immatrikulationsstopp ist total verrückt. Wenn ich eine Blattreform mache, nehme ich die Zeitung auch nicht ein Jahr vom Markt. 150 Bewerber haben sich monatelang strategisch auf die Aufnahmeprüfung und das Studium in Leipzig vorbereitet. Es ist unverantwortlich den jungen Leuten gegenüber, sie über die Website der Hochschule zu informieren: Tut uns leid, das wird nichts. Für die Uni Leipzig ist es verheerend.    

kress.de: Wie kommen Sie zu diesem Urteil?

Prof. Machill: Das Leipziger Alleinstellungsmerkmal ist, dass jeder Student, der bei uns den Master in Journalistik machen will, vorher den Bachelor in einem Fach abschließen muss, der nichts mit Medien zu tun hat. Die jungen Leute, die ihre berufliche Planung voll auf Leipzig ausrichten, können sich gar nicht woanders bewerben, weil an den anderen Unis ein medienwissenschaftliches Studium Voraussetzung ist.

kress.de: Teilen Sie überhaupt das Fazit, dass die inhaltlichen und personellen Defizite so gravierend seien, dass dringender Reformbedarf bestehe?

Prof. Machill: Definitiv teile ich die Einschätzung. Und das nicht erst seit einer Woche. Wir waren es - meine Kollegen und ich selbst -, die vor zwei Jahren einen Brandbrief unter dem Motto "So geht es nicht weiter" an das Dekanat geschrieben hatten. Alle waren unzufrieden mit der Situation: Studenten wie Dozenten. Die Mängel wurden schonungslos analysiert und benannt. Meine Empfehlungen wurden ignoriert. All das passt zum Umgang mit dem Studienfach Journalistik. Am liebsten würde die Uni es dicht machen.

kress.de: Ernsthaft? Oder ist das nur ein Spruch, um Dampf abzulassen?

Prof. Machill: Die dilettantische Personalplanung an der Uni Leipzig zeigt, dass Journalistik als eigenständiges Fach nicht gewollt ist. Die Zahl der Professoren- und Mitarbeiterstellen ist über viele Jahre hinweg dramatisch reduziert worden mit der Folge, dass die Abteilung Journalistik völlig unterbesetzt ist. Und nun klagt das Dekanat über Defizite bei der Ausbildung. Ein Witz ist das. Wir bräuchten die doppelte oder dreifache Personalstärke. Die soll es aber nicht geben. Denn dann würden die anderen Fachbereiche vor Neid platzen und rufen: Wollen wir auch!

kress.de: Aber jede Wette, neue Stellen kriegen weder Sie noch andere Studiengänge des Instituts. Oder sehen sie das anders?

Prof. Machill: Nein, mehr Stellen wird es nicht geben. Daran sieht man, wie unfähig das System ist, sich selbst zu reformieren. An unserem Institut gibt es 13 Professorenstellen. Neun davon sind in jüngerer Vergangenheit neu besetzt worden. Man hätte die eine oder andere Professur etwa aus der Medienwissenschaft dem Fach Journalistik zuschlagen können. Aber nein, da ging kein Weg rein.

kress.de: Warum nicht?

Prof. Machill: Weil jeder Professor nur in seinem eigenen kleinen Königreich lebt und es verteidigt. Eine vorausschauende Gesamtstrategie für das Institut kommt dabei nicht zustande. Jeder Professor, der geht, will einen Nachfolger. Gerade in Leipzig wird viel Geld in PR-Ausbildung gesteckt, dabei wäre es doch gerade jetzt an der Zeit, unabhängigen Journalismus zu stärken statt gelenkte Kommunikation.

kress.de: Sie hatten vor gut fünf Jahren zur Stärkung des PR-Bereichs an der Uni Leipzig gesagt: ​"Wenn das so umgesetzt wird, dann trocknet der Studiengang Journalistik aus." Hat sich jetzt bewahrheitet?

Prof. Machill: Ja. Jetzt ist ja bekannt: Die Uni bescheinigt sich selbst Defizite bei der Ausbildung von Journalisten. Das kommt nicht von ungefähr.

kress.de: Nun sind die Berufsaussichten nicht gerade rosig im Journalismus. PR ist eine Option, einen Job zu finden. Man könnte das auch weitsichtig nennen.

Prof. Machill: Ich will den PR-Bereich ja nicht schließen. Es geht mir darum, den Studiengang Journalistik zu stärken, etwa durch Umverteilung der vorhandenen Stellen. Bis auf Leipzig existiert in Ostdeutschland keine universitäre Journalistik. Statt den Standort zu sichern und attraktiver zu machen, wird lieber Geld in die Forschung zur Medienkultur im 19. Jahrhundert gesteckt. Das zeigt, wie wahnwitzig der Immatrikulationsstopp ist.

kress.de: Diese aus Ihrer Sicht hundsmiserable Entwicklung müsste doch auch mit Ihnen als Chef der Abteilung Journalistik zu tun haben. Sie tragen die Verantwortung. Haben Sie Fehler gemacht?

Prof. Machill: Wir haben Reformvorschläge vorgelegt, die Fakultät hat sie in den Wind geschlagen.

kress.de: Gut, aber Sie hätten Druck ausüben und nachhaken können. Trifft Sie also keinerlei Schuld? Es klingt so, wenn man Sie reden hört. 

Prof. Machill: Ich bin nicht immer diplomatisch und im Umgang mit manchem Studenten oder Kollegen nicht ohne Fehler gewesen. Ich habe aber keine Schuld daran, dass das Fach Journalistik seit vielen Jahren kaputtgespart wird. Die Entscheidungen sind vor meiner Zeit gefallen.

kress.de: Wie soll dieser - zumindest von außen betrachtet - zerstrittene Haufen in einer Reformkommission zusammenarbeiten und den Standort voranbringen?

Prof. Machill (überlegt länger vor der Antwort): Eine sehr gute Frage. Keine Ahnung. Eine gewisse Chance sehe ich darin, dass von den alten Professoren, die vor Jahren unsere Reformbemühungen blockiert haben, niemand mehr in der Kommission vertreten ist.

kress.de: Die Reformkommission soll von Prof. Kater geleitet werden, einem Philosophen. Ist er der richtige Mann dafür?

Prof. Machill: Noch besser wäre es, wenn ein Fachmann die Kommission leiten würde. ​Aber vielleicht findet der Studiendekan Kater ja zu einer moderierenden Rolle zurück - und es kommt was Vernünftiges dabei heraus. Dem Fach Journalistik und den Studenten wäre es zu wünschen.

(Anmerkung der Redaktion: Kress.de hat zuerst mit Prof. Kater gesprochen. Prof Machill kannte dessen Äußerungen nicht und wurde damit nicht konfrontiert.)

Ihre Kommentare
Kopf

Peter Heinig

05.05.2017
!

Wozu noch mehr Journalisten ausbilden? Gibt doch eh immer weniger Jobs in dem Bereich. Da wo noch Geld da wäre, bei ARD und ZDF, fließt das Geld fast nur noch in die Luxuspensionen der Altredakteure. Neue Redakteure werden nicht eingestellt.


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