"Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: "Einmal eine konträre Meinung, schon ist die Abo-Kündigung da"

05.05.2017
 

Giovanni di Lorenzo ist seit 2004 Chefredakteur der Zeit" und Mitherausgeber des "Tagesspiegels" und moderiert bereits seit 1989 die monatliche Talkshow "3 nach 9" bei Radio Bremen. Vor seiner Keynote beim European Newspaper Congress Ende Mai in Wien sagt di Lorenzo: "Die Frustrationstoleranz in der Leserschaft gegenüber anderen Meinungen ist kleiner geworden. Selbst bei uns in der 'Zeit' beziehen sich inhaltlich begründete Kündigungen heute meist auf eine im Blatt geäußerte Meinung."

Im Interview mit dem "Medium Magazin" (Ausgabe 3/2017) appelliert Giovanni di Lorenzo an Journalisten-Kollegen, mutig in die Diskussion mit "Lügenpresse"-Kritikern einzusteigen. 

"Medium Magazin": Inzwischen treiben jedoch nicht nur viele junge Kollegen die Fragen um: Wie schaffen wir es, wieder als glaubwürdig wahrgenommen zu werden? Wie erreichen wir die Masse noch mit qualitativen Inhalten?

Giovanni di Lorenzo: Ich glaube, einen Teil der Menschen, die sich in einer Parallelwelt eingeschlossen haben, werden wir nicht mehr erreichen. Das gab es aber auch früher. Neu ist, dass dieses Misstrauen gegenüber Journalisten sogar auf Leser von Medien wie der "Zeit" übergreift. Diese Entwicklung müssen wir verdammt ernst nehmen. Lassen Sie mich das an einem Beispiel festmachen: Im Wintersemester 2016 habe ich an einer Ringvorlesung an der Hamburger Uni teilgenommen, ebenfalls zum Thema Lügenpresse. (Sein Thema: "Nur Mut! Selbstbewusst und selbstkritisch gegen Propaganda und Verschwörungstheorien", Anm. d. Red.) Der Hörsaal war brechend voll, die Leute saßen auch in den Gängen und auf den Rändern der Bühne, darunter viele, die dem Studentenalter seit Jahrzehnten entwachsen waren. Die neue Erfahrung für mich war: Mindestens die Hälfte des Publikums war uns Medienmenschen gegen- über kritisch bis feindselig eingestellt, das merkte man auch an den Fragen nach dem Vortrag. Und trotzdem hab ich dort wieder erlebt, dass der allergrößte Teil der Kritiker erreichbar ist, wenn man mit ihnen aufrichtig redet, ihnen unsere Arbeitsweise erklärt, auf ihre Fragen eingeht. Die Diskussion lohnt.

"Medium Magazin": Das heißt, die Stimmung im Saal kippte?

Giovanni di Lorenzo: Ja, das haben auch andere dort so erlebt. Deshalb sage ich auch: Die Schlacht ist noch nicht verloren! Daraus ziehe ich meinen Optimismus. Wir müssen uns aber der Auseinandersetzung stellen. Und auch nur deshalb erlaube ich mir meine gelegentlich kritischen Äußerungen - wissend, dass wir phantastische Medien in Deutschland haben. Man sehe nur die Nominierungen zum diesjährigen Nannenpreis mit großartigen Reportagen und Recherchen! Wir müssen unsere Leistungen deutlich machen und uns gleichzeitig immer wieder selbstkritisch die Frage stellen: Ist unser Blick durch Filter getrübt oder kriegen wir noch mit, was im Land läuft? Stecken wir Journalisten zu stark in einer Filterblase? Ich glaube, das ist unleugbar. Das betrifft uns alle.

"Medium Magazin": Was tun Sie selbst dagegen?

Giovanni di Lorenzo: Weil ich seit Langem auch ein bisschen Fernsehen neben der "Zeit" machen darf, haben viele Menschen wenig Hemmungen, auf der Straße auf mich zuzugehen und einfach draufloszureden. Auch zu schimpfen. Das betrachte ich als großes Privileg, denn es sind eben fast immer Menschen außerhalb unserer Branche, die da Dampf ablassen. Was nicht so erhellend ist: Mit dem Auto in die Tiefgarage des Verlagshauses zu fahren und für die Realität ausschließlich das zu halten, was man in den anderen großen Medien liest. Wir brauchen ein feineres Sensorium für eigene Themen und eigene Zugänge.

"Medium Magazin": Nun lautet Ihr Thema beim European Newspaper Congress Ende Mai "Medien unter politischem Druck". Fühlen Sie sich bei der "Zeit" auch unter Druck gesetzt?

Giovanni di Lorenzo: Ich sehe eine Bedrohung für die gesamte Branche, auch jenseits erodierender Auflagen und sinkender Werbeerlöse: Erstens den Trend, dass Meinungspluralismus zum publizistischen Risiko gerät. Die Frustrationstoleranz in der Leserschaft gegenüber anderen Meinungen ist kleiner geworden. Selbst bei uns in der "Zeit" beziehen sich inhaltlich begründete Kündigungen heute meist auf eine im Blatt geäußerte Meinung. Das gleiche höre ich von Lokal- und Regionalblättern: Einmal eine konträre Meinung, schon ist die Kündigung da. Aber statt dass wir Journalisten die Meinungsvielfalt als Grundprinzip unserer Arbeit verteidigen, gibt es auch in den etablierten Medien Kollegen, die, in Tweets oder Kolumnen, die Gegenmeinung in Grund und Boden zu schreiben versuchen, als eine Art Gesinnungspolizei - mal von links, mal von rechts. Wo es aber wirklich ganz viel zu kritisieren gäbe - bei Facebook und Google -, sind wir unglaublich nachlässig. Die zweite Bedrohung für unsere Medienkultur sehe ich in der großen Asymmetrie zwischen digitalen Großkonzernen und dem Rest der Medien. Damit meine ich auch die unterschiedlichen Maßstäbe, die an sie angelegt werden.

"Medium Magazin": Worin sehen Sie konkret diese Bedrohung?

Giovanni di Lorenzo: Facebook und Google dominieren den digitalen Werbemarkt. Die Behauptung, sie hätten eine marktbeherrschende Stellung, wäre da noch ein Euphemismus. Und was machen wir? Wir enthüllen die Praktiken von Unternehmen, die Leute unter prekären Verhältnissen beschäftigen oder bei den Abgaswerten schummeln. Völlig zu Recht. Aber die digitalen Giganten streicheln wir, als seien sie besonders niedliche Tierarten im Kinderzoo. Da erscheinen Artikel, dass auch mir ganz warm ums Herz wird: Wie Mark Zuckerberg morgens in Berlin joggt, wo und was er da am liebsten trinkt und isst. Ich sage das, obwohl auch unser Haus Produkte von Google und Facebook nutzt und bei einzelnen Projekten mit ihnen zusammenarbeitet.

"Medium Magazin": Aber inzwischen wird doch medial ganz schön Druck gemacht auf Facebook und Google z. B. in Sachen Fake News.

Giovanni di Lorenzo: Trotzdem bleibt dort immer noch Ungeheuerliches stehen. Aber wenn man sie danach fragt, heißt es lediglich: "Wir können eben nicht alles kontrollieren." Wenn wir so auf Kritik reagierten, würden wir einen Shitstorm erleben, der es in sich hat. Dazu kommt: Facebook wirbt mit so aggressiven Methoden auf unsere Kosten wie kein anderer. Neuerdings sogar bei mittelständischen Unternehmen - mit Zahlen, deren Validität völlig unklar bleiben. Die Verlage könnten wunderbar trumpfen mit seriösen Wirksamkeitsstudien von Print, doch das geht in der gefühlten Ohnmacht gegenüber Facebook und Co. leider oft unter. Letzter Punkt ist die mangelhafte Steuermoral dieser Großkonzerne - ein altes Thema, aber ohne nennenswerte Konsequenzen.

"Medium Magazin": Zurzeit werden Forderungen immer lauter, Facebook müsse als ein Medienunternehmen in die Pflicht genommen werden - so im Kampf gegen Fake News. Teilen Sie das?

Giovanni di Lorenzo: Das finde ich völlig richtig. Diese Konzerne müssen sich endlich zu der Verantwortung bekennen, dass sie nicht nur einen technischen Kanal zur Verfügung stellen. Gegner dieser Forderung halten ja jede Regulierung für eine Einschränkung der Freiheit des Netzes. Dieses Argument nehme ich ernst. Aber Facebook reguliert längst selbst mit Algorithmen, die wir gar nicht durchschauen. Sichtbar wird das allenfalls bei nackten Brüsten. Und die "New York Times" schreibt, dass Mark Zuckerberg offenbar eine Software getestet hat, mit der es in einem Land wie China für die Behörden möglich wäre, auf Facebook bestimmte Inhalte bereits vor deren Veröffentlichung herauszufiltern.

kress.de-Tipp: Das Interview mit Giovanni di Lorenzo ist ein kleiner Auszug aus der Titelgeschichte des aktuellen "Medium Magazin": Chefredakteurin Annette Milz hat dabei den "Zeit"-Chefredakteur interviewt. Di Lorenzo erklärt im "Medium Magazin" auch, warum ein deutscher Trump für ihn noch sehr weit weg ist, warum er kein betreutes Lesen braucht und Rechtfertigungen, mit denen vielerorts Redaktionen ausgedünnt werden, als Volksverdummung wahrnimmt. Die "Medium Magazin"-Ausgabe 3/2017 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt und im iKiosk erworben werden.

Das "Medium Magazin" (Chefredakteurin: Annette Milz) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Beim European Newspaper Congress, dem größten europäischen Zeitungskongress, werden rund 500 Top-Chefredakteure und Medienmanager in Wien sein. Darunter - neben Giovanni di Lorenzo - Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel, Jürgen Kaube, Herausgeber der "FAZ", Julian Reichelt, Chefredakteur von "Bild", Thomas Lindner, Geschäftsführer FAZ, Tyler Brûlé, Verleger "Monocle", Gerrit Klein, Ebner Verlag. Hier kann man sich anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf

Holger Arnoldi

08.05.2017
!

Lächerlich,diese paternalistische Sicht auf Leser und Bürger.Wir stehen doch nicht unter KURATEL der Hamburger oder Frankfurter Honoratiorenpresse.
Betreutes Denken und Wählen,oder was?Und dann das Gefasel von der preisgekröntenDeutschenPresse.Dabe ist es doch so, Protagonisten des Hanns - Joachim - Friedrich - Preis
den einen Satz, der von ihm übrig
geblieben ist, nämlich, daß der
Journalist sich mit keiner als noch
so gut befunden Meinung gemein
machen dürfen, von selbigen am
wenigsten beherz


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