"MZ"-Chefredakteur Hartmut Augustin: "Die täglichen Tipps kann man nicht einfach ins Netz verlagern"

 

Behutsam hat die "Mitteldeutsche Zeitung" ihr Erscheinungsbild geändert. Das hat auch Einfluss auf die Berichterstattung. Im kress.de-Interview erklärt Chefredakteur Hartmut Augustin, was er aus Leser-Befragungen gelernt hat: "Wir brauchen weniger Nachrichten, aber mehr Themen und Texte aus dem Lebensumfeld der Leserinnen und Leser."

kress.de: Herr Augustin, seit zwei Wochen erscheint die "Mitteldeutsche Zeitung" im neuen Layout. Wie ist die erste Reaktion?

Hartmut Augustin: Unser neues Layout und unsere inhaltlichen Änderungen sind sehr gut angenommen worden. Ich hatte die Leserinnen und Leser in der ersten neuen MZ zum Dialog per E-Mail, Brief und Telefon eingeladen. Hunderte haben sich daran beteiligt, mir geschrieben oder angerufen. Unsere Arbeit wurde viel gelobt und es gab gleich noch einige Verbesserungsvorschläge. Das wird jetzt alles ausgewertet. Den einen oder anderen Leserwunsch haben wir aber schon erfüllt.

kress.de: Beim ersten Blick ist mir das deutlich luftigere Layout der "MZ" aufgefallen, größere Fotos, mehr Abstand zwischen den Zeilen. Blutet da nicht das Herz jedes Reporters, wenn Form vor Inhalt geht?

Hartmut Augustin: Also, Inhalt und Form müssen eine harmonische Einheit bilden. Und dann blutet auch kein Reporterherz, schließlich sollen die Geschichten gelesen werden. Es gibt neue Elemente wie Zahlen und Zitate, die den Einstieg in den Text erleichtern. Es stimmt, tendenziell sind die Fotos größer geworden, aber die Zahl hat abgenommen. Weniger ist da mehr. Wir haben die Grundschrift ein bisschen vergrößert und mehr Weißraum zwischen den Spalten gelassen. Das Lesen ist angenehmer geworden, das haben uns viele Leserinnen und Leser bestätigt.

kress.de: Es gibt Chefredakteure, die sagen, die Leser würden gedruckt nur noch kurze Stücke lesen wollen. Haben Sie eine maximale Zeilenlänge für Beiträge eingeführt?

Hartmut Augustin: Es gibt keine Zeilenbegrenzung, warum auch? Wir setzen auf jeder Seite einen Schwerpunkt - inhaltlich und optisch. Aus unseren Leserbefragungen wissen wir, dass lange Texte keinesfalls abschrecken. Sie müssen nur gut sein und gut illustriert werden.

kress.de: Apropos Leser, das neue Layout haben Sie den Wünschen Ihrer Leser angepasst. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Hartmut Augustin: Im Frühjahr 2015 und 2016 haben wir jeweils 300 Leserinnen und Leser vom Projekt "Lesewert" befragen lassen. Alle bekamen jeweils für zwei Monate einen kleinen Scanner und markierten, was sie in der MZ gelesen haben. Dann haben wir das ausgewertet und das Berliner Design-Büro "Einhorn Solutions" beauftragt, für die Leserwünsche eine adäquate Form zu finden. Zwei Varianten wurden erarbeitet - die jetzt umgesetzte und eine radikale. Letztere war noch reduzierter, noch magaziniger. Dann haben wir die Vorschläge bei unserem Tag der offenen Tür vorgestellt und mit der Leserschaft diskutiert, anschließend wieder angepasst und uns auf die jetzige Form verständigt. Dann gab es noch einmal eine große Leserbefragung. Ich denke, der Aufwand hat sich sehr gelohnt, denn die Zufriedenheit mit unserem neuen Angebot ist sehr groß. Inzwischen haben wir schon mehr als 1200 neue Abonnenten gewonnen.

kress.de: Was haben Sie aus den Rückmeldungen der Leser gelernt?

Hartmut Augustin: Wir haben gelernt, dass unsere neuen Angebote wie die tägliche Kinderzeitung (vier Seiten halbrheinisch) sehr gut angenommen werden: von Kindern, Eltern und Großeltern. Auch die Tatsache, dass wir nun mehr Leserinnen und Leser auf unserer Meinungsseite und der Leserbriefseite zu Wort kommen lassen, wird geschätzt. Mit der neuen MZ hatten wir die täglichen Tipps für Kino, Theater und Veranstaltungen deutlich reduziert. Daraufhin bekam ich viele E-Mails, das das nicht ginge. In zahlreichen Gesprächen stellte sich dann heraus, dass auch viele Internet-Nutzer morgens beim Frühstück in der Zeitung lesen wollen, was abends im Kino kommt oder im Theater gespielt wird. Und darauf haben wir reagiert und bieten wieder mehr tägliche Tipps an.

kress.de: Was würden Sie anderen Chefredakteuren empfehlen, die sich gerade auch mit dem Gedanken tragen, das Layout der gedruckten Zeitung zu erneuern?

Hartmut Augustin: Ich glaube, wir müssen mehr Platz schaffen für gute Geschichten, gute Fotos und uns dabei von Dingen verabschieden, die viel Platz kosten und doch meistens überblättert werden. Wir brauchen auch tendenziell weniger Nachrichten, aber mehr Themen und Texte aus dem Lebensumfeld der Leserinnen und Leser. Die MZ ist in den vergangenen Jahren deutlich regionaler und lokaler geworden. Das heißt mitnichten, dass wir auf internationale und nationale Politik und Wirtschaft verzichten. Doch bei allem, was wir veröffentlichen, müssen wir immer durch die regionale und lokale Brille schauen. Und all das braucht dann eine sehr gute Entsprechung im Layout - und das haben wir.

Hintergrund

In der Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung (gehört zur DuMont Mediengruppe) erscheinen unter anderem die "Mitteldeutsche Zeitung" mit ihren Lokalausgaben Anhalt-Kurier Dessau, Ascherslebener Zeitung, Bernburger Kurier, Bitterfelder Zeitung, Elbe-Kurier Wittenberg, Elbe-Kurier Jessen, Köthener Zeitung, Mansfelder Zeitung Eisleben, Mansfelder Zeitung Hettstedt, Quedlinburger Harzbote, Saalekurier Halle / Saalekreis, Sangerhäuser Zeitung, Weißenfelser Zeitung, Zeitzer Zeitung sowie Naumburger Tageblatt und Mitteldeutsche Zeitung / Naumburger Tageblatt Nebra.

Chefredakteur der "Mitteldeutschen Zeitung" ist Hartmut Augustin, stellvertretende Chefredakteure sind Constantin Blaß und Lars Geipel; Chefs vom Dienst sind Kai Gauselmann (Regional/Lokal), Jan Berger, Gero Hirschelmann (Digital) und Rainer Wozny (Print). Kultur verantwortet Andreas Montag, Sport Christian Elsaeßer, Ratgeber/Magazin Hans-Ulrich Köhler, die Produktion Bernd Martin. Korrespondenten der Zeitung in der Landeshauptstadt Magdeburg sind Hagen Eichler und Jan Schumann. Für die überregionale Berichterstattung arbeitet die Redaktion der "Mitteldeutschen Zeitung" mit der DuMont Redaktionsgemeinschaft zusammen, die Steven Geyer verantwortet. Geschäftsführer ist Thilo Schelsky, Anzeigenchef Heinz Alt. Herausgeber der "Mitteldeutschen Zeitung" sind der verstorbene Verleger Prof. Alfred Neven DuMont sowie Christian DuMont Schütte und Isabella Neven DuMont.

kress.de-Tipp: Das 16-seitige Dossier "Mediengruppe Mitteldeutsche Zeitung: Change im regionalen Medienhaus" ist Ende 2016 in "kress pro", dem Schwesterblatt von kress.de, erschienen. Das Dossier gibt es hier im Newsroom.de-Shop.

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