"Berliner Zeitung": Digitales Mahnmal für getötete Journalisten

 

Ihnen wurde ihre kritische Stimme gewaltsam genommen. Die "Berliner Zeitung" gibt sie ihnen jetzt zurück. An die 61 im vergangenen Jahr getöteten Journalisten erinnert das Hauptstadt-Blatt auf eine ganz besondere Weise. Kollegen würdigen Themen und Leben der zu Tode gekommenen Reporter auf einem eigens dafür geschaffenen Online-Portal: "Wir wollen ein digitales Mahnmal schaffen und ihre Arbeit auf diese Weise lebendig halten", sagt Chefredakteur Jochen Arntz gegenüber kress.de.

Die nach der Zahl der umgekommenen Journalisten benannte Webseite zeitung-61.de schildert die Schicksale. "Wir verknüpfen die Biographien mit den Geschichten, über die die Opfer recherchiert haben", sagt Arntz. Er wünscht sich, dass sich viele Kollegen an dem Projekt beteiligten. Bisher sind drei Portraits veröffentlicht. Die übrigen folgen im Laufe der nächsten Monate: "Wir als 'Berliner Zeitung' wollen diese Würdigung vor allem anstoßen. Es wäre schön, wenn Journalisten vieler Medien mitmachen." Daher sieht Arntz das Portal auch nicht als Gelegenheit, sein Blatt zu profilieren: "Darum geht es uns nicht", weist er eine entsprechende Frage zurück. "Die Pressefreiheit ist eines unserer höchsten Güter. Mit unserer Hommage wollen wir den verstorbenen Journalisten unseren großen Respekt für ihren Einsatz zollen und ihren kritischen Stimmen ein Echo geben." Gleichzeitig solle die Bedeutung der freien Presse in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.

Die Idee für das Projekt geht auf die Agentur Havas aus Düsseldorf zurück, die jetzt auch für das Aufsetzen der interaktiven Website zuständig ist. Andreas Henke, Chief Creative Officer, erklärt wie es dazu kam: "In Zeiten weltweiter politischer Unruhen, zunehmender Entdemokratisierung und der damit im Zusammenhang stehenden Bedrohung der freien Presse wollten wir ein deutliches Zeichen setzen." Die Berliner Zeitung mit ihrem Autorennetzwerk sei dabei der ideale Medienpartner. Zum "internationalen Tages der Pressefreiheit" am 3. Mai starteten die Partner die "zeitung-61".

Die bisher veröffentlichten Geschichten über die in Ausübung ihres Berufs gestorbenen Reporter erschüttern. Da ist zum Beispiel Pawel Scheremet, der am 20. Juli 2016 umkam, als unter seinem Wagen mitten in Kiew eine Bombe detonierte. Der 44-jährige gebürtige Weißrusse recherchierte über die Hintergründe der Auseinandersetzungen, warnte vor einem Militärputsch. Als er in die Redaktion der "Ukrajinska Prawda" fahren wollte, beendete eine Bombe sein Engagement für ein friedliches Miteinander - und sein Leben. "Die Ukraine ist aus unserem Blickfeld geraten", sagt Jochen Arntz. Dabei sterben dort beinahe täglich weiter Menschen.

Unter den 61 toten Journalisten befindet sich kein Deutscher. Sehr viele Kollegen ließen ihr Leben in Syrien. Ob er als Chefredakteur einen Mitarbeiter in das Bürgerkriegsland schicken würde, wenn dieser das vorschlage? Jochen Arntz zögert: "Das kann ich nicht mit Bestimmtheit beantworten." Der Kollege müsse sich dort gut auskennen und sehr erfahren sein. "Reife und Erfahrung sind dafür zentrale Kriterien", sagt der 52-Jährige.

Einfacher fällt ihm die Antwort auf die Frage, wie sich Kollegen anderer Zeitungen an der Online-Hommage beteiligen könnten: "Einfach eine E-Mail an mich schreiben."

Ihre Kommentare
Kopf

Danny Strasser

12.05.2017
!

Eine tolle & respektvolle Idee!


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