Kai Diekmann zur sensationellen "Bild"-Ausstellung im Gropius-Bau: "Mussten aus alten Denkmustern ausbrechen"

 

Erstmals hat der frühere "Bild"-Herausgeber Kai Diekmann öffentlich über die Bedeutung von Fotos für "Bild" gesprochen. Bei der sensationellen Ausstellung "Foto. Kunst. Boulevard", die noch bis zum 9. Juli im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, stehen zum 65. Geburtstag von "Bild" aufwendig inszenierte Motive von Star-Fotografen wie Daniel Biskup, Ellen von Unwerth oder Andreas Mühe im Mittelpunkt.

Für Diekmann sind der Martin-Gropius-Bau und "Bild" über die Jahre zu einer Art Achse der populären Vermittlung künstlerischer und intellektueller Inhalte geworden. Doch damit es überhaupt zur Zusammenarbeit kommen konnte, mussten sich beide Seiten öffnen: "Beide Seiten benötigten dafür etwas, das moderne Menschen als "open-mindedness" und Mut zur "disruption" bezeichnen, also das Ausbrechen aus alten Denkmustern", sagte Diekmann bei der Ausstellungseröffnung.

Kai Diekmann erinnert sich: "Vor acht Jahren sind wir gestartet mit der Ausstellung "60 Jahre. 60 Werke", die sich der Kunst der Bundesrepublik zwischen 1949 und 2009 widmete. Sie war von dem Ehrgeiz getragen, einem möglichst breiten Publikum moderne Kunst zugänglich zu machen. Wir druckten damals 60 Tage lang in "Bild" auf einer ganzen Seite ein Werk - mit der zugehörigen kunsthistorischen Einordnung durch Experten.

Dann war da 2012 die Ausstellung "Art and Press", die ebenfalls hier im Martin-Gropius-Bau zu sehen war. Und natürlich - im vergangenen Jahr - die international vielbeachtete Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel: Erstmals waren in Yad Vashem verwahrte Exponate im Ausland ausgestellt waren. Schauplatz dieser Ausstellung war das Deutsche Historische Museum", so Diekmann.

"Foto.Kunst.Boulevard" ist die vierte Schau, die die Stiftung für Kunst und Kultur in Zusammenarbeit mit "Bild" umsetzt. Dass es diese Ausstellung gibt, hat auch mit einem Jubiläum zu tun - "Bild" wird in diesem Jahr 65 Jahre alt: "Wir wollen diesen Geburtstag dazu nutzen, um auf die besondere Bedeutung von Bildern für "Bild" und damit an unsere Wurzeln zu erinnern."

Kai Diekmann betont: "Bild" heißt eben "Bild" und nicht Schlagzeile. Und so wichtig das Wort auch ist - die Vision Axel Springers bei der Gründung von BILD war eine Zeitung, die fast ausschließlich über das Foto mit dem Leser kommuniziert. Eine Zeitung, die so - quasi unter Umgehung unserer Denksperren im Hirn - direkt zum Herzen spricht."

Für den langjährigen Chefredakteur und Herausgeber von "Bild" erzählen Bilder Geschichten - "schneller und intuitiv begreifbarer als jeder Text das kann. Wir sind neurologisch so veranlagt, dass bildliche Informationen unsere Gehirnstrukturen schlicht schneller erreichen als Buchstaben", so Diekmann.

Kai Diekmann bei der Ausstellungs-Eröffnung: "Als Axel Springer im Februar 1952 am Fußboden seines Hotelzimmers im Londoner "Savoy" kniend diese, seine Zeitung erfand, hatte er eine revolutionäre Idee im Kopf.

Mit einer Schere, die er sich aus dem Reise-Necessaire seiner Frau geschnappt hatte, schnitt er im Schaffensrausch Fotos aus Londoner Zeitungen aus und bastelte eine Collage seines Traums: Eine Zeitung bestehend nur aus Bildern. Ein schwarz-weiß gedrucktes Instagram gewissermaßen. Er sah die Revolution der Bilder also lange vor vielen anderen.

Zu meiner Mission als Chef von "Bild" hat es in den vergangenen 16 Jahren gehört, an die Ur-Mission Axel Springers anzuknüpfen und den Stellenwert des Bildes für "Bild" wieder den Platz einzuräumen, der diese Zeitung so einmalig macht. Ein wesentlicher Baustein dieser Mission war es, die Zusammenarbeit mit den weltbesten Fotografen zu suchen. Und dabei auch jene Fotokünstler zur Zusammenarbeit mit "Bild" zu bewegen, deren Arbeiten normalerweise nur als Großformat in Museen und Sammlungen oder auf Hochglanzpapier zu sehen sind - aber in der Regel eben nicht auf gewöhnlichem Zeitungspapier."

"Die Fotografie ist dabei, zum Wegbereiter des Feuilletons im Boulevard zu werden", erläutert Walter Smerling, Kurator der Ausstellung und Vorsitzender der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur. "Der Anspruch ist kein enzyklopädischer, sondern ein künstlerischer: Die präsentierten Bilder, die in vielen Jahren als Auftragsarbeiten professioneller Fotografen entstanden sind, haben die Schallmauer zum autonomen Kunstwerk durchbrochen. Um Walter Benjamin zu zitieren: Durch die Erfindung der Fotografie hat sich der Gesamtcharakter der Kunst verändert."

Der Direktor des Martin-Gropius-Baus, Gereon Sievernich, betont: "Das Werk der Fotografen ist seit vielen Jahren ein wichtiges Thema im Programm des Gropiusbaus. Diese Ausstellung mit Arbeiten von 26 Foto-Künstlerinnen und -künstlern ist für unser Haus eine große Bereicherung."

Zu sehen sind Aufnahmen von 26 renommierten Fotografinnen und Fotografen: Lars Berg, Daniel Biskup, Michel Comte, Esther Haase, Attila Hartwig, Meiko Herrmann, Kiki Kausch, Tom Lemke, Kevin Lynch, Christoph Michaelis, Andreas Mühe, Konrad R. Müller, Peter Müller, Nigel Parry, Thomas Rabsch, Oliver Rath, Paul Ripke, Holde Schneider, Martin Schoeller, Florian Sommet, Andreas Thelen, Antoine Verglas, Wolfgang Volz, Ellen von Unwerth, Wolfgang Wilde und Frank Zauritz.

kress.de-Tipp: Der Ausstellungskatalog ist im Knesebeck Verlag erschienen (19 Euro).

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