"Tu dort, was dort zu tun ist": "Republik"-Macher Constantin Seibt zeigt, wie erfolgreiches E-Mail-Marketing geht

11.05.2017
 

Das Crowdfunding-Maschine für das digitale Magazin "Republik" läuft weiter auf vollen Touren. Stand heute haben sich fast 11.500 "Unterstützer" (Abonnenten) gefunden, die zusammen rund 2,9 Mio Schweizer Franken (2,6 Mio Euro) für das Medien-Start-Up Project R locker machen. Drei Dinge sind für den Erfolg verantwortlich: eine hohe Frustration über die bestehenden Medien, ein großes Wohlwollen für Constantin Seibt - und eine E-Mail des "Republik"-Mitbegründers, die ein Musterbeispiel für geniales Marketing ist.

Der vielfach ausgezeichnete Schweizer Journalist Constantin Seibt hat im vergangenen Oktober beim "Tagesanzeiger" gekündigt und mit seinen Mitstreitern das Schweizer Medien-Start-up Project R gegründet: "Die Republik ist eine kleine Rebellion. Für den Journalismus. Und gegen die Medienkonzerne. Denn die grossen Verlage verlassen die Publizistik: Sie bauen sich in hohem Tempo in Internet-Handelshäuser um. Das ist eine schlechte Nachricht für den Journalismus. Aber auch für die Demokratie. Denn ohne vernünftige Informationen fällt man schlechte Entscheidungen", heißt es in der Eigenbeschreibung.

Damit das digitale Magazin "Republik" an den Start gehen kann, haben Seibt und seine Kollegen 3.000 Abonnenten sowie 750.000 Schweizer Franken gesucht. Dieses Ziel erreichte man nach sieben Stunden und 49 Minuten (kress.de berichtete). Damit ist auch die überlebenswichtige Zahlung von 3,5 Mio Franken gesichert, die Investoren und Spender zugesagt hatten - unter der Bedingung, dass das Publikum das neue Magazin auch will. 

Die Abonnenten erhalten ab Anfang 2018 ein Jahr lang die "Republik". Außerdem werden sie automatisch ein Teil des Unternehmens - als Mitglied der Project R Genossenschaft. Dass sich so viele Menschen für das neue Medienprojekt aus der Schweiz begeistern, ist ein Zeichen für die hohe Frustration über die bestehenden Medien. Es zeugt auch von einem großen Wohlwollen gegenüber Constantin Seibt, der für einen markigen und unorthodoxen Stil bekannt ist. Eine tragende Rolle dürfte auch eine E-Mail spielen, die Seibt geschrieben hat, die ein Musterbeispiel für geniales Marketing ist.

Die komplette E-Mail von Constantin Seibt:

"Guten Morgen, Johann

zunächst ein Geständnis. Ich habe Dich in eine Mailkanonone geladen. Die feuert jetzt gerade mein E-Mail an Dich ab. Zusammen mit über 200 anderen ebenso persönlichen.
 

Ich schwöre, dass ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben zur Mailkanone greife. Aber diesmal gab es keine Alternative.
 
Denn seit heute Mittwoch, 7:00 Uhr, läuft das Crowdfunding für die Seite: www.republik.ch

 
Und bei Crowdfundings zählt das Tempo. Die ersten 48 Stunden entscheiden. Rollt das Funding mit Erfolg an, rollt es. Harzt es, ist das Projekt beinah tot.
 
Das "Republik"-Projekt ist das grösste Risiko, das ich in meinem Beruf eingegangen bin. Es geht darum, ein neues Magazin in die Welt zu bringen. Die "Republik" wird ein Magazin für die Grauzone zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: für die grossen Themen, Fragen, Debatten. Und, so weit wir es vermeiden können, ohne Bullshit.
 

Mit der "Republik" versuchen wir eine kleine Rebellion. Für Journalismus. Und gegen die Grossverlage. Denn die "Republik" wäre ein komplett neues Modell auf dem Medienmarkt: kompromisslos in der Qualität, leserfinanziert, ohne Werbung.
 
Klappt der Start, werden wir hinreissenden Journalismus machen. Das aus gutem Grund: Ohne Werbung, als leserfinanziertes Magazin haben wir gar keine Alternative. Denn ohne Überzeugung wird uns niemand abonnieren. Also werden wir um unser Leben schreiben müssen. Bei uns werden die Autoren und Autorinnen leiden, nicht die Leser und Leserinnen.
 
Im Kern sehen wir uns als Dienstleister für kluge Leute in einer komplexen Zeit. (Beispielsweise für Dich.) Du lebst ein vernünftiges Leben - mit Beruf, Familie, Freizeit. Und hast nicht dauernd Zeit, Dich um allen Lärm der Welt zu kümmern. Das tun wir für Dich. Unser Job ist alles, wo sich Journalismus lohnt. Also alles, was verwickelt, dunkel oder unklar ist. Am Ende liefern wir Dir dann sehr kurze, oder sehr lange Geschichten: das Konzentrat oder das Panorama. Mit der "Republik" kaufst Du Dir quasi ein privates Expeditionsteam in die Wirklichkeit.
 
Die gute Nachricht dabei ist, dass bis jetzt Investoren und Spender 3,5 Millionen zugesagt haben. Die schlechte ist, dass sie an die Auszahlung an eine Bedingung geknüpft haben: Dass die zukünftigen Leser und Leserinnen mitmachen. Wir brauchen mindestens 3000 Abonnenten und mindestens 750000 Franken.
 
Schaffen wir, beide Ziele zu erreichen, haben wir für mindestens zwei Jahre die Finanzierung, um zu beweisen, was wir können. Schaffen wir es nicht, ist das Projekt tot. Die Firma wird liquidiert. Das "Republik"-Team steht auf der Strasse. (Mein provisorischer Plan für diesen Fall ist, aus Schande ins Ausland, in die Provinz oder die Werbung zu verschwinden.)

 
Und deshalb braucht es die Mailkanone: Damit in den ersten 48 Stunden soviel zukünftige Leser und Leserinnen wie möglich zusammen kommen. So unpersönlich dieses persönliche Mail ist, so persönlich ist es: Ich zähle auf Dich.
 
Darauf, dass Du auf www.republik.ch gehst - und ein Abonnement löst. Und auf dem Netz es noch ein paar Freunden, Bekannten und Feinden empfiehlst. Ein Jahrsabonnement kostet so viel wie jede Woche einen Café in einem Café zu trinken: 240 Franken. Und es wird Dir eine ebenso grosse Portion Wachheit bringen.
 
Ausserdem kannst Du dann sicher sein, dass Du nie wieder von mir ein persönliches Mail per Mailkanone bekommst. Denn dann bist zu einem kleinen Teil mein Verleger. Und als solcher schulde ich Dir Respekt.

 
Den ich jetzt schon habe, sonst hätte ich Dich nicht persönlich in die Kanone gestopft.
 
Herzlich,
 
Constantin
 
PS: Und vergiss nicht: Geh auf www.republik.ch
Und tu dort, was dort zu tun ist."

Hintergrund: Die hier vollständig wiedergegebene E-Mail hat Constantin Seibt an kress-Verleger Johann Oberauer geschickt.

Ihre Kommentare
Kopf
Karin Zintz Volbracht

Karin Zintz Volbracht

INMEDIA - Für Menschen in Medien
Community-Projekte, Change-Projekte, Coaching

12.05.2017
!

Das Geheimnis dieser Mail und der ganzen "R"-Kampagne: Sie ist eben kein "Marketing" (Kauf mich!) sondern pure "Mobilisierung" (Sei dabei!).
Dafür braucht es natürlich eine klare Haltung - und die Bereitschaft, mit den Unterstützern "gemeinsame Sache" zu machen. Kompliment dafür!


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