Sie will ihr Geschäft der Zukunft mit Publizistik machen: Die exotische Medien-Strategie der NZZ-Gruppe

12.05.2017
 

Die Neue Zürcher Zeitung hat eine derart exotische Strategie, dass sie mit keinem anderen Medienhaus vergleichbar ist. Sie will ihr Geschäft der Zukunft mit Publizistik machen. Es ist entweder Weitsicht oder Harakiri.

 "Und was, wenn die NZZ doch recht hat?", fragt Kurt W. Zimmermann, Chefredakteur des "Schweizer Journalist", in seiner Strategie-Story über die Neue Zürcher Zeitung. "Die NZZ hat keine Wahl. Entweder sie verdient mit Journalismus Geld oder sie geht unter. Sie hat nichts anderes. Sie kann nichts anderes", so Zimmermann.

Im neuesten Geschäftsbericht der NZZ-Mediengruppe steht gleich zu Beginn: "Unser Geschäft ist die Publizistik" - es ist der Kernsatz der Strategie und er ist einzigartig unter den Geschäftsmodellen der bedeutenderen Medienunternehmen dieser Welt.

Am ehesten vergleichbar mit der NZZ-Mediengruppe sind noch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "New York Times". Auch sie generieren einen vergleichsweise hohen Anteil ihrer Erträge aus dem Verkauf von Inhalten. Aber die NZZ ist noch extremer. Mit Aktivitäten, die nichts mit Publizistik zu tun haben, etwa mit Konferenzen und Events, machte sie 2016 gerade mal sieben Prozent ihres Gewinns. Bei den Schweizer Medienkonzernen Ringier und Tamedia liegt diese Quote im aktuellen Geschäftsjahr bei über 50 Prozent.

Die typischen Medienkonzerne der Gegenwart erwirtschaften ihre Profite zunehmend auf ihren Handelsplätzen im Internet. Diese Wertschöpfung wird sich in Zukunft noch akzentuieren. Tamedia und Ringier beispielsweise machen in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihres Profits mit digitalen Aktivitäten. Am einträglichsten sind dabei ihre Online-Handelsplattformen, auf denen sie Autos, Immobilien, Stellen, Kosmetika, Küchengeräte und Katzenfutter vermarkten. Die NZZ hingegen habe den Einstieg in dieses lukrative digitale Segment komplett verschlafen, so Kurt W. Zimmermann im aktuellen "Schweizer Journalist". Ihre heutige Publizistik-Strategie sei darum nicht frei gewählt. Sie spiegele die verpassten Chancen der Vergangenheit. "Der NZZ bleibt gar nichts anderes übrig als der Fokus auf Publizistik, weil sie alle anderen Versuche in neuen Geschäftsfeldern versäumte", folgert Zimmermann.

"Das unternehmerische Ziel der NZZ ist es, dass es die NZZ gibt", sagt Veit Dengler, CEO der NZZ-Gruppe. Die NZZ setzt nicht auf Profitmaximierung. Damit kann sich das Management Personalabbau-Runden, wie sie bei Tamedia üblich sind, sparen.  

Dass die NZZ-Strategie dennoch aufgehen könnte, hat mit ihrer einzigartigen Marktstellung zu tun: "Die 'NZZ' ist das einzige Produkt in der Schweizer Medienlandschaft, das eine echte und starke Marke ist, dies auch ausserhalb der Landesgrenzen. Sie ist ein Brand, wie die Amerikaner sagen, ein unverwechselbares Brandzeichen, das jeder sofort erkennt. Die Marke 'NZZ' strahlt derzeit kräftiger als auch schon", weiß "Schweizer Journalist"-Chefredakteur Zimmermann. Das habe vor allem mit Chefredaktor Eric Gujer zu tun: "Er erkannte schnell, dass die Publizistik-Strategie des Hauses nur aufgehen konnte, wenn journalistisch eine klare Kante sichtbar ist."

kress.de-Tipp: Die Kernmedien der NZZ sind zwar auf gutem Weg. Vorderhand allerdings sind es zwei vergleichsweise unspektakuläre Marken, die das Überleben der Mediengruppe sichern. Welche das sind, lesen Sie im aktuellen "Schweizer Journalist" (Ausgabe 4-5/2017). Die Zeitschrift gibt es gedruckt oder als E-Paper in unserem Shop - sowie im iKiosk.

Hintergrund: Der "Schweizer Journalist" (Chefredakteur: Kurt W. Zimmermann, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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