"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie Michaela Hummel mit Sascha Lobo ZDFneo-Fans vor Netz-Gefahren warnt

 

Trau, schau, wem: Die Doclights-Geschäftsführerin Michaela Hummel zog mir ihren Sozialexperimenten wie "Der Rassist in uns" oder "Plötzlich Krieg?" viel Aufmerksamkeit auf sich und erhielt unter anderem den Deutschen Fernsehpreis. Nun mischt sie sich in den Social-Media-Wahlkampf ein - mit der ZDFneo-Sendung "Manipuliert", für die sie Sascha Lobo gewinnen konnte. Im kressköpfe-Interview verrät sie, was sie antreibt.

kress.de: Frau Hummel, in wie weit wollen Sie mit der "Manipuliert"-Sendung so etwas wie Volksaufklärung betreiben?

Michaela Hummel: Vor der Bundestagswahl ist es wichtig, zu verdeutlichen, wie Manipulation in den sozialen Medien funktionieren kann. Viele Menschen sind - unabhängig von ihrer politischen Überzeugung - anfällig dafür.

kress.de: Wie kamen Sie auf das Thema? Gab es da vielleicht eine persönliche schlimme Vorerfahrung?

Michaela Hummel: Ich verfolge schon seit Jahren die Seite Breitbart News. Anlässlich der US-Wahlen war ich im vergangenen Herbst zu Gast bei meiner US-amerikanischen Familie. Für einige waren Breitbart News und Fox News die einzige akzeptable Quelle für Information. Für andere Positionen waren sie nicht mehr zugänglich. Was aus diesen Quellen kam, war die vermeintliche Wahrheit. Ich wollte analysieren, warum nicht erkannt wird, dass diese Medien Propaganda betreiben und woher dieser Tunnelblick kommt.

kress.de: Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Probleme beim leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten und Informationen, die ja oft das Einrichten gefährlicher Filterblasen erst ermöglichen?

Michaela Hummel: Der Umgang mit den eigenen Daten sollte vor allem bewusst geschehen, denn jeder hat eine andere Grenze beim Einstellen oder Veröffentlichen persönlicher Daten. Und das ist ok so. Wichtiger wäre die Sicherheit der eigenen Accounts, und da sollte man keine einfach zu ratenden Passwörter benutzen und wenn möglich, die so genannte "Zwei-Faktor-Authentifizierung" einstellen. Das geht bei vielen Mail-Anbietern und den großen Social-Media-Seiten, und es bedeutet meist, dass man zusätzlich zum Passwort noch einen per SMS zugesendeten Code braucht, um sich einzuloggen. Das schützt vor einem großen Problem: ungerechtfertigter Zugang Dritter zum eigenen Account. Aber: Wenn man nicht möchte, dass die eigenen Daten von Plattformen verwendet werden - dann darf man sie nicht nutzen. Alles andere ist in den meisten Fällen Augenwischerei.

kress.de: In wie weit bremsen mittlerweile die aktuellen berechtigten Sorgen um die Manipulierbarkeit von Nutzern im Netz die alte Internet-Euphorie wieder aus?

Michaela Hummel: Die ursprüngliche Internet-Euphorie war die Freude darüber, dass es diese Instrumente gibt und sie das Leben in vielen Bereichen erleichtert und bereichert haben. Jedoch kommt die Manipulierbarkeit dazu, der vor allem den sozialen Medien ein neues Feld mit neuen Möglichkeiten geöffnet worden ist.

kress.de: Was müsste aus Ihrer Sicht besser gemacht werden, um Nutzern die unbedenkliche Freude an der Vernetzung zurückzugeben?

Michaela Hummel: Es hilft keinesfalls, das Internet zu "verteufeln", sondern nur ein aufgeklärter Umgang mit dem Netz. Dazu gehört Freude ebenso wie Vorsicht und vor allem: Sachkenntnis. Deshalb gibt es die Sendung "Manipuliert".

kress.de: Wie schwer war es, für das Format Sascha Lobo zu gewinnen und welche Rolle wird er beim Experimentieren spielen?

Michaela Hummel: Sascha Lobo konnte ich über das Thema gewinnen. Und das ging relativ schnell. Er ist der Moderator und führt die acht Teilnehmer durch die Experimente.

kress.de: In wie weit konnte sich Lobo selbst in die Konzeption der Sendung einbringen?

Michaela Hummel: Sascha Lobo ist neben Caroline Pellmann der Autor und hat sich sehr eingebracht. Die manchmal abstrakten Online-Inhalte in einer spannenden TV-Dokumentation aufzubereiten, war dann unsere sehr intensive Arbeit.

kress.de: Welche Arten von Experimenten werden in der Dokumentation genau durchgespielt? Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Michaela Hummel: 1. Macht und Mehrheit: Wie entstehen Überzeugungen und Mehrheiten im Netz. Hat das, was die Mehrheit der User macht, Einfluss auf unser eigenes Verhalten? Ja, denn es entstehen gefühlte Mehrheiten ebenso wie gefühlte Fakten. 2. Der Like und die Folgen: Mit Unterstützung einer Wissenschaftlerin zeigen wir, wie gut Computer in der Lage sind, unsere digitalen Spuren auszuwerten. Und wie das missbraucht werden könnte. 3. Filterblasen: Im Internet kann man sich seine eigene kleine Welt bauen. Alles, was nicht dem eigenen Weltbild entspricht, wird aus der timeline rausgefiltert. So entstehen sogenannte Filterblasen, in denen die immer gleichen Perspektiven und Meinungen sich nur noch gegenseitig bestätigen. Sascha Lobo will herausfinden, ob sich diese "Filterblasen", die im Netz entstehen, auch auf die Straße verlängern. 4: Fakenews: Fakenews, also zum Beispiel Falschmeldungen getarnt als Nachrichten gibt es nicht erst seit Facebook, Twitter & Co. Neu sind Art und Geschwindigkeit, mit der sich jetzt verbreiten lassen. Durch Teilen kann eine Falschmeldung Millionen Menschen erreichen, eine Richtigstellung dagegen wird oft kaum noch geteilt. Fake oder Fakt? Wer kann am besten unterscheiden? Sascha Lobo stellt die Teilnehmer auf die Probe.

kress.de: Was wäre aus Ihrer Sicht erreicht, wenn die Sendung ihre Zuschauer nachdenklicher stimmt? Worauf kann man als Produzentin hoffen?

Michaela Hummel: Die Zuschauer und Nutzer sozialer Medien sollten anfangen, sich - auch mit Hilfe der Sendung - fortzubilden, um mit diesem Wissen die geeigneten Vorsichtsmaßnahmen einsetzen zu können. Dann kommt die Freude fast von allein. Wenn man wartet, bis "irgendjemand endlich etwas unternimmt" wird das nicht funktionieren. Jeder ist auch selbst verantwortlich und muss entsprechend handeln. Wenn diese Erkenntnis hängenbliebe, hätten wir mit der Sendung schon viel erreicht.

kress.de: Sie haben schon länger einen kressköpfe-Eintrag und vernetzten sich eng. Wie sehr sind Sie eigentlich Netz-Junkie und welchen Stellenwert hat im allgemeinen Suchtverhalten hat kress.de?

Michaela Hummel: Netz-Junkie wäre zu viel, aber ich verbringe definitiv zu viel Zeit in den sozialen Netzwerken. Kress.de ist natürlich auf der Favoritenliste.

Hintergrund: Michaela Hummel studierte Amerikanistik und Komparatistik und absolvierte danach die deutsche Journalistenschule in München. Berufsstationen führten sie unter anderem zur "Süddeutschen Zeitung", zu Fox/Channel 2 in San Francisco oder zum "Focus TV Magazin". Von 2002 bis 2006 war sie Redaktionsleiterin ProSieben Reportage. Seit Juli 2006 arbeitet sie für die Studio Hamburg Produktion Gruppe, zunächst als Producerin. Dann übernahm sie im Juli 2007 die Leitung des non-fiktionalen Entertainments. Seit Mai 2010 ist Hummel Geschäftsführerin und Produzentin der Doclights GmbH, die unter anderem auch den "ZDFdonnerstalk" mit Dunja Hayali erstellte. Neben dem Deutschen Fernsehpreis für "Auf der Flucht" (ZDFneo) erhielt sie 2012 und 2015 für "Von Meisterhand - Traditionsberufe suche Nachwuchs" und "Projekt Hühnerhof" jeweils den Herbert Quandt Medien-Preis.

TV-Tipp: "Manipuliert - Social Factual mit Sascha Lobo" läuft erstmalig am Donnerstag, 18. Mai um 23.00 Uhr bei ZDFneo. Danach ist eine Ausstrahlung im ZDF-Hauptprogramm geplant. Der genaue Termin steht noch nicht fest.

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