Trends im Zeitungs-Design: Die große Geschichte auf der Titelseite

 

"Journalismus!": Die Paul-Josef-Raue-Kolumne schaut nach Wien, wo fünfhundert Chefredakteure, Blattmacher und Verleger die neuen Trends in Europa anschauen, diskutieren - und im besten Fall zur Nachahmung mit nach Hause nehmen. Was fällt in diesem Jahr auf beim "European Newspaper Congress"? Wir sprachen mit dem Designer Norbert Küpper.

In der norwegischen Lokalzeitung "Kvinnheringen", Auflage rund 4.000, beschreiben zwei Studenten und ein Redakteur ein Experiment: Sie haben eine komplette Schulklasse eine Woche lang  von den sozialen Medien getrennt - und die Schüler haben mitgemacht. Das ist die Titelgeschichte der Zeitung, über sechs Seiten im Tabloid-Format erzählt.

Diesen Mut hat kaum eine Lokalzeitung in Deutschland: Eine lange, nur mäßig aktuelle Geschichte, opulent bebildert, als Aufmacher; eben nicht ein schnelles Foto auf Seite 17 nebst Bericht eines leicht gelangweilten Freien. Die Norweger recherchieren aufwändig den großen Hintergrund, bieten ein Erklärstück, runtergebrochen auf die lokale Ebene: Wie sind die jungen Leute? Wie denken sie? Und wie verändert uns alle die digitale Welt?

Die große lokale Geschichte ist ein Trend, der seit einigen Jahren zu erkennen ist. "Gedruckt wird nicht die Nachricht von gestern, die man schon im Internet gesehen hat", stellt Norbert Küpper fest. "Es wird vielmehr ein eigener Schwerpunkt gesetzt. Leser der gedruckten Zeitung bekommen heute oft exklusive Inhalte in exklusivem Design." Statt vieler kleiner Artikel finden die Leser im Blatt eine große Bild- und Textstrecke. Die kleinen Meldungen mit wenig Information verschwinden aus der Zeitung, sie enden auf den Online-Seiten und in den sozialen Netzwerken.

Die norwegische Zeitung ist ein Beispiel: "Kvinnheringen" bekommt einen kleinen Zeitungs-Oscar, einen European-Newspaper-Award in der Kategorie "Aufmacher-Story"; er wird vergeben beim großen europäischen Zeitungs-Kongress in Wien. Diese Leistungs-Schau zeigt die Design-Trends und zunehmend auch die neuen journalistischen Formen und die Themen außerhalb aktueller Nachrichten-Seiten. Lange Zeit hatte sich das Design vom Inhalt gelöst, wollte modern sein, chic, zeitgeistig, spielte mit weißem Raum, aber selten mit überraschenden und guten Themen. Das hat sich geändert.

Die Form folgt wieder dem Inhalt, unterstützt die Themen, macht Lust aufs Lesen - gefördert und gefordert durch das Publikum, das immer mehr auf dem Smartphone liest. So werden in Wien auch Multimedia-Stories ausgezeichnet, die aus dem Alltäglichen herausfallen. "Es sind meist ganz besondere Projekte von Zeitungen, die einen größeren Planungsaufwand haben und einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf", schreibt die Jury. "Viele Projekte im Wettbewerb sind so angelegt, dass sie auch sehr gut auf dem Smartphone funktionieren. Darauf sollte man auch in Zukunft großen Wert legen, denn der Trend hin zum Smartphone als Zentrum der Mediennutzung hält an."

Herausragend ist eine Story der schwedischen Zeitung "Expressen". Sie zeichnet "Palmes letzten Weg" nach, 350 Meter oder 412 Schritte, die Regierungschef Olof Palme vor seiner Ermordung gegangen ist. "Im Verlauf der Story taucht immer wieder eine Landkarte auf, in die die Schritte eingezeichnet sind. Der Leser wird durch Texte, Filme und Fotos mitgenommen auf diesen letzten Weg. Der Leser bestimmt die Geschwindigkeit seiner Informationsaufnahme selbst, denn die Story ist in 44 Seiten aufgeteilt", so die Jury.

Ein Problem des Wettbewerbs ist, seitdem er vor achtzehn Jahren gegründet wurde, der enge Takt: Innerhalb von zwölf Monaten  verändert sich Design nicht grundlegend, sind kaum Trends erkennbar. Das weiß auch Norbert Küpper, Gründer des Wettbewerbs und zusammen mit Johann Oberauer der Motor.

"Ein gleichbleibender Trend ist sicher die Kontinuität", stellt Küpper fest, "denn hektische Veränderungen werden von den Lesern meist nicht gerne gesehen. Zeitungen verändern sich eher schrittweise und nicht in großen Sprüngen." Seit Jahren dominieren die Skandinavier, ein wenig auch die Holländer den Wettbewerb, vor allem bei den Lokal- und Regionalzeitungen; deutsche Zeitungen spielen nur eine Nebenrolle.

"Hufvudstadsbladet", eine finnische Zeitung aus der Region Helsingfors, ist die Lokalzeitung des Jahres 2017. Sie hat eine Auflage von  35.000 Exemplaren, beschäftigt 40 Journalisten, 5 Fotografen und 10 Layouter. Das ist typisch für skandinavische Zeitungen: Gut ein Drittel der Redaktion ist für Optik und Design zuständig. Die Jury lobt den Wechsel zwischen relativ kurzen Storys auf Nachrichten-Seiten und langen Hintergrund-Stücken, die sich auch mal über sechs Seiten erstrecken können.

Aus Holland kommt die Regionalzeitung des Jahres: "Het Parool", 60.000 Auflage für die Metropole Amsterdam. Sie ist ein Markenartikel, rühmt die Jury. "Die Zeitung ist täglich eine Überraschung für ihre Leser. Von Routine ist hier jedenfalls nichts zu sehen."

Jahr für Jahr ist zu beobachten, wie in Zeitungen Geschichten frischer und bildopulent erzählt werden: "Alternatives Storytelling", nennt die Jury diese schwer einzuordnende Form, die lange typisch war für Magazine, Illustrierten und den Boulevard. "Alternatives Storytelling wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, weil man damit komplexe Inhalte sehr übersichtlich für den Leser präsentieren kann", stellt die Jury fest und nennt auch die Bedingungen dafür: "Da mehr Mediengestalter in Redaktionen arbeiten, wird die Umsetzung deutlich einfacher als bisher." Skandinavien ist das große Vorbild, Deutschland hinkt hinterher.

Ein Preisträger in der Kategorie kommt aus Deutschland: Die "Rheinische Post" aus Düsseldorf.  "Böser Islam, guter Islam" ist das Thema einer Doppelseite, die groß einen Koran zeigt, wichtige Suren zitiert und in Stichworten die Religion erklärt mit wichtigen Themen wie Frauenrechte, Verschleierung, Toleranz, Scharia, Dschihad, Speisevorschriften usw.

Die Geschichte "Stunde der Wahrheit im Fall Nóos" der spanischen Zeitung "ABC" ist bester Journalismus, wäre aber in Deutschland ein Fall für die Gerichte: Acht Männer und eine Frau sind unverpixelt und deutlich zu sehen als Angeklagte in einem Korruptionsfall. Die Vorwürfe sind in Textblöcken zu lesen, die den Personen zugeordnet sind.

Bei manchen Entscheidungen läse man gern die Entscheidung einer Leser-Jury, etwa wenn es um Bildschnitt und Bildgröße geht. Die Jury prämiert extrem geschnittene Hoch- oder Querformate und vernünftige Bildgrößen. Ob die meisten Leser halb abgeschnittene Gesichter auch so modern finden? Wer es macht und die Leserbriefe danach liest, ist sich nicht mehr sicher.

Offenbar gibt es in Skandinavien oder den Benelux-Ländern kaum Beschwerden der Leser: Dort kennen sie schon seit Jahrzehnten ein Design, das gerne experimentiert und für Überraschungen sorgt. In Deutschland und Österreich denken viele Redakteure und Leser immer noch in Texten, wirken Seiten bleilastig - wie in alten Zeiten. Titelseiten sind oft noch überfrachtet, haben - so eine alte Blattmacher-Regel - ein Dutzend und noch mehr Elemente. Kein Wunder: Einige deutsche Gewinner wirken seltsam deplatziert neben Seiten aus Dänemark oder Belgien und man fragt, wie die Jury diese auszeichnen konnte.

Beim Datenjournalismus sind deutsche Zeitungen vorne: Was die "Berliner Morgenpost" bietet, ist in Europa beispielhaft; für die Fülle an datenjournalistischen Projekten bekommt die "Berliner Morgenpost" eine "Judges' Special Recognition": "In der gedruckten Zeitung wird beispielsweise die Wahl in Berlin durch ausgewählte Infografiken für die Leser aufbereitet. Im Online-Bereich kann sich jeder Leser selbst durch das Zahlenmaterial durcharbeiten", so die Jury.

Allerdings sind solche Daten-Projekte aufwändig und teuer in der Recherche und im Design- aber sie sind die vorweggenommene Zukunft und im besten Leser-Sinn: modern.

Info

119 Zeitungen aus 26 Ländern bekommen einen Award. Die Hauptsieger sind:

  • Bei den nationalen Zeitungen Politiken aus Dänemark,

  • Bei den Regionalzeitungen: "Het Parool" aus den Niederlanden

  • Bei den Lokalzeiten: "Hufvudstadsbladet" aus Norwegen

  • Bei den Wochenzeitungen die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" mit dieser Jury-Begründung:
    "Die 'FAS' hat ein sehr klares Layout. Die Leserführung ist übersichtlich und schnörkellos. Seiten werden oft sehr ruhig layoutet: Man verlässt sich auf die Kombination von Überschrift und Bild, um die Leser auf ein Thema aufmerksam zu machen. Es werden oft Illustrationen eingesetzt, um Inhalte perfekt visuell darstellen zu können. Der Themenmix ist auf den Sonntag ausgerichtet: Politische Hintergrund-Informationen, Service- und Lifestyle-Themen sowie Sport sind die Schwerpunkte."

Herausgehoben wird die neue Titelseite mit ihren vielen Varianten: "Mal ist es ein freigestelltes Bild, mal ein Querformat, das die obere Hälfte der Seite dominiert, mal eine Illustration. Insgesamt wird durch die Textmengen und die Überschriftengrößen signalisiert, dass 'Die FAS' eine seriöse Wochenzeitung ist. 
Der traditionelle Zeitungskopf wurde mit der letzten Überarbeitung stark verkleinert und "Sonntagszeitung" betont. Allein durch diese Maßnahme konnte eine starke Modernisierung erzielt werden.
Typografie: Für Überschrift und Grundtext wird die Janson Text verwendet. Diese Schrift hat eine entspannte Anmutung, die sehr gut zum Themenspektrum einer Sonntagszeitung passt."

Info 2

  • Der European Newspaper Congress findet vom 21.-23. Mai in Wien statt. Paul-Josef Raue moderiert am Montag um 14 Uhr eine Diskussion um "Fakenews, Trump, Journalismus und wir Journalisten".

  • Anmeldungen zum European Newspaper Congress sind auch kurzfristig möglich. Zur Anmeldung geht es hier: www.newspaper-congress.eu

  • Das Jahrbuch des European Newspaper Award gibt es als DVD (35 Euro inklusive Versand;  Bestellungen über die Website www.editorial-design.com)

Der Autor

Paul-Josef Raue hat als Chefredakteur mit seinen Redaktionen eine Fülle von Awards gewonnen, die im langen Flur vor der Redaktion, der "Hall of Fame", versammelt wurden. Er war bei der Gründung von "Econy" dabei, das heutige "Brand Eins": Da spielte das später mehrfach preisgekrönte Design eine wichtige Rolle für den Erfolg bei Lesern und Werbekunden. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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