"kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über Facebook: "In eigener Sache ist das weltgrößte Kommunikationsunternehmen nicht sprechfähig"

16.05.2017
 

Facebook kann Technologie. Was Verantwortung heißt, muss die Firma erst noch lernen. "kress pro"-Chefredakteur Markus Wiegand über "ein Unternehmen ohne Herz".

Ich habe einmal versucht, ein Interview mit dem Papst zu bekommen. Wie sich herausstellte, hatte Johannes Paul II. keine Zeit. Seine Pressestelle aber versuchte alles, um meine Fragen an den Stellvertreter Gottes auf Erden zu beantworten.

Seit 20 Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Bis wir versuchten, für "kress pro" ein Interview mit Facebook zu bekommen. Wir waren nicht so vermessen, gottgleiche Geschöpfe wie Gründer Mark Zuckerberg sprechen zu wollen. Der Verantwortliche für Kooperationen mit den Publishern in Deutschland namens Guido Bülow hätte uns schon gereicht.

Vor einem Jahr hatte die Medienstelle abgesagt ("keine Zeit"), beantwortete aber einige Fragen schriftlich und kündigte an, in wenigen Monaten sei ein großes Interview möglich. Ein halbes Jahr später folgte erneut eine Absage ("keine Zeit"), aber bald sei ein Interview möglich. Mitte Februar waren wir dann ganz erstaunt: Die PR-Agentur von Facebook hatte tatsächlich ein Interview zugesagt. Das Thema: Facebook und die Medienunternehmen.

Wir buchten den Flug nach Hamburg und waren ganz gespannt auf die Antworten. Zwei Tage vorher rief dann ein Sprecher des Unternehmens an und sprach von einem Missverständnis. Eigentlich habe Bülow "keine Zeit". Und zwar weder für ein persönliches Interview noch für ein telefonisches Gespräch. Außerdem sei derzeit vieles im Fluss, auch personell, und daher sei ein Interview jetzt nicht möglich. Und überhaupt.

Vermutlich aber war unserem Anliegen nicht sehr dienlich, dass "kress pro" mit Facebook auch über "Fake News" sprechen wollte. Dazu sei Bülow nämlich ohnehin nicht "sprechfähig", hieß es.

Wir schildern Ihnen diese Episode nicht, um wehleidig die böse Medienstelle zu brandmarken. Die Kommunikatoren machen ihren Job, und wir unseren. Wir schildern die Episode, um zu zeigen, wie Facebook in Deutschland tickt und in welchem Widerspruch sich das Unternehmen bewegt: In eigener Sache ist das weltgrößte Kommunikationsunternehmen nämlich nicht sprechfähig. Während alle anderen bitte schön doch auf Facebook kommunizieren sollen wie wahnsinnig, duckt sich das Unternehmen selbst weg. Eine direkte Konfrontation zu unangenehmen Themen wie Hasskommentaren oder Fake News sind nicht erwünscht. Unsere Erfahrung teilen übrigens auch andere: Im Pressesprecher-Ranking des "Wirtschaftsjournalisten" (der ebenfalls im Oberauer-Verlag erscheint) belegte die Facebook-Sprecherin Tina Kulow im Urteil der Journalisten zuletzt Platz 107 unter 107 Kommunikatoren.

Facebook ist eine gigantische Erfolgsgeschichte. Es bringt in den guten Momenten Menschen zusammen und es ermöglicht Unternehmen, das soziale Netzwerk zu nutzen, um neue Geschäfte zu entwickeln. Was Facebook aber bisher nicht ausreichend wahrnimmt, ist seine gesellschaftliche Verantwortung. Dabei ist völlig unerheblich, ob Facebook sich als Technik- oder als Medienunternehmen begreift. Durch seine Riesenreichweite prägt es die Gesellschaft und den politischen Diskurs.

Und jetzt hat Facebook ein lästiges Problem. Denn Politik und Gesellschaft wachen auf: Hasskommentare und Fake News werden zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Um das Problem loszuwerden, hat Facebook zahlreiche Medienunternehmen angefragt, einer Fact-Checking-Initiative beizutreten. Die Begeisterung hält sich in engen Grenzen. Viele Führungskräfte finden das Verhalten von Facebook zu Recht ziemlich dreist: Das soziale Netzwerk fährt mit seinem Geschäftsmodell Riesengewinne ein, die Probleme aber will es an andere auslagern. Und das am besten gratis: Denn wenn Facebook eine Gegenleistung für das Fakten-Checken erbringen möchte, hat es das bisher sorgsam verborgen.

Facebook muss sich seiner Verantwortung selbst stellen. Allein der Social-Media-Riese hat zu verantworten, wenn auf seiner Plattform ungezählte illegale Inhalte veröffentlicht werden. Tut er das nicht, muss die Politik aktiv werden. "Wir werden immer mehr gegängelt und die arbeiten in einem rechtsfreien Raum", schimpfte Michael Simon vom Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter kürzlich beim 50. Geburtstag des "Singener Wochenblatts" nicht zu Unrecht. Für Facebook wäre es schon ein Anfang, sich auch mal den kritischen Fragen von Journalisten zu stellen.

Facebook wollte übrigens nach dem kurzfristig abgesagten Interview die Kosten für den Flug übernehmen. Wir haben selbst gezahlt. 

Autor: Markus Wiegand

kress.de-Tipp: Der Text ist das Editorial zur "kress pro"-Ausgabe 2/2017. Darin beantwortet Chefredakteur Markus Wiegand in seiner Titelgeschichte zu Facebook acht Fragen zu dem blauen Riesen. Die Ausgabe gibt es in unserem Shop als E-Paper - und im iKiosk.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

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