Nach dem Kauf von ATV durch ProSiebenSat.1: Markus Breitenecker macht eine Kampfansage an den ORF

16.05.2017
 

Im April 1997 als Wien 1 gestartet, zählt ATV seit April 2017 zu ProSiebenSat.1. Deutschlands zweitgrößter nicht öffentlichrechtlicher TV-Konzern hat Österreichs ersten bundesweiten Privatfernsehsender gekauft. Wie Austro-Statthalter Markus Breitenecker den öffentlich-rechtlichen ORF herausfordern will...

Die österreichische Partei NEOS hat jüngst Vorschläge für die Reform des ORF formuliert. Beim öffentlich-rechtlichen Platzhirsch stoßen die Vorstellungen wenig überraschend auf Ablehnung: "Das von den NEOS vorgelegte Konzept ist ein in freundliche Worte gekleideter Leitfaden zur Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich und zum Ausverkauf des österreichischen Medienmarktes an deutsche und internationale Medienkonzerne", heißt es in einer Reaktion.

Solche Breitseiten versetzen Markus Breitenecker (48) in Rage: "Es sagt ja auch niemand, der 'Kurier' sei deutsch, weil er fast zur Hälfte Funke gehört. Es hat ja auch niemand gesagt, die Verlagsgruppe News sei deutsch, weil sie zu 56 Prozent Gruner + Jahr gehört hat. Es kommt ja viel mehr darauf an, wo Steuern bezahlt werden und die Wertschöpfung stattfindet."

Breitenecker ist Geschäftsführer von ProSiebenSat.1 Puls 4, die österreichische Tochter des hinter RTL zweitgrößten TV-Konzerns in Europa. Der Privatsender ATV gehört seit April zu ProSiebenSat.1 Puls 4. Verkäufer ist Herbert G. Kloibers Tele-München-Gruppe.

Im Gespräch mit dem "Österreichischen Journalist" (Ausgabe 4/5 2017) will sich Breitenecker als Retter verstanden wissen: "ATV hat in der Vergangenheit zweistellige Millionenverluste gemacht. Schaffen wir es, diesen Sender, der ein schwerer Sanierungsfall ist, wieder hinzukriegen? Das ist unser Anspruch." Breitenecker preist den Wert der "Aufholfusion" - ein Wording, das er für seinen jüngsten Coup ebenso häufig verwendet wie "hochsubventioniert" für den ORF: "Der lässt mehr Geld nach Deutschland abfließen als wir, wenn wir Gewinne abliefern. Vom 'Tatort' bis zur 'Millionenshow', die in Köln produziert wird. Also allein schon aufgrund der Koproduktionen mit ARD und ZDF." Da hat er von seinem Zukauf ATV schon eine höhere Meinung: "Was die bisher gemacht haben, schätzen wir sehr. Zum Beispiel die Berichterstattung im Wahljahr 2016. Die lag immer auf sehr hohem Niveau. Das unmoderierte Duell der Präsidentschaftskandidaten war eine exzellente Idee." Mit der täglichen 'ATV-aktuell'-Sendung habe ATV die erfolgreichste News-Sendung im Privat-TV. Man habe großen Respekt vor der Redaktion. Das habe man auch gegenüber den Wettbewerbsbehörden betont und deshalb ihre Auflagen akzeptiert.

Die ATV-Redaktionen bleiben eigenständig, mit ihrem jeweils eigenen Statut. Dadurch ist ihre innere Unabhängigkeit gesichert. Das gilt für die nächsten sechs Jahre. Deshalb sagt auch Infodirektorin Corinna Milborn, die parallel zum ATV-Deal in die Geschäftsleitung von ProSiebenSat.1 Puls 4 aufsteigt: "Der redaktionelle Wettbewerb ändert sich nicht, weil die Redaktionen eigenständig bleiben – was im Sinne der Meinungsvielfalt auch wichtig ist. Der Austausch von Rohmaterial ist allerdings in Zukunft leichter möglich."

"Wir wollen künftig den Zuschauern nicht zur gleichen Zeit das Gleiche auf zwei Sendern, sondern verschiedene Inhalte zur Auswahl anbieten. Wenn auf Puls 4 ein Sportereignis läuft, könnte zum Beispiel ATV etwas zeigen, das eher Frauen anspricht. Wenn ein Sender einen Österreich-Tag hat, kann auf dem anderen ein Spielfilmschwerpunkt sein." Ab 2018 soll das neue Konzept umgesetzt werden. Es ist auch eine Kampfansage an den öffentlich-rechtlichen Anbieter: "Wir agieren dann mit drei Sendern – Puls 4, ATV und ATV II – auf Augenhöhe mit ORF eins, ORF 2 und ORF III. Unser Schwerpunkt liegt im Gegensatz zum ORF auf den unter 50-Jährigen."

kress.de-Tipp: Die ganze Geschichte von Markus Breitenecker, der schon als 30-Jähriger versucht hat, die ATV-Gesellschafter von seinem Konzept für Privatfernsehen in Österreich zu überzeugen, lesen Sie im "Österreichischen Journalist". Die Ausgabe 4/5 2017 kann in unserem Shop als E-Paper oder gedruckt und im iKiosk erworben werden.

"Der Österreichische Journalist" (Chefredakteur: Georg Taitl, Herausgeber: Johann Oberauer, Georg Taitl) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Der hier zitierte Artikel "'Deutsch-österreichisches Feingefühl' für Fortgeschrittene" stammt von "DÖJ"-Autor Peter Plaikner.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.