Streit um "Spiegel Daily"-Slogan: Wer ist wirklich die "smarte Abendzeitung"?

 

Ob die 17-Uhr-Ausgabe "Spiegel Daily" (SD) Erfolg haben wird, darüber streiten die Experten. Und nun ist auch noch ein weiterer Streit ausgebrochen. In München findet man den "SD"-Claim "Die smarte Abendzeitung" nur "bedingt gelungen", wie "AZ"-Chefredakteur Michael Schilling am kress.de-Telefon sagte. Der 46-Jährige möchte sich aber nicht vor Gericht um den Titel streiten.

kress.de: Sie sind am Mittwoch mit dem neuen Claim "Der wahre Spiegel dieser Stadt" erschienen. Warum?

Michael Schilling: Das ist unsere Reaktion auf den Claim von "Spiegel Daily". Wir wollen den Untertitel dieses neuen Produkts, "Die smarte Abendzeitung", mit Humor nehmen, auch wenn wir die Idee der Kollegen aus Hamburg nur halb gelungen finden.

kress.de: Bleibt das eine einmalige Sache oder erscheinen Sie jetzt immer mit diesem neuen Claim?

Michael Schilling: Nein, das bleibt eine einmalige Aktion. Wir hatten in der Redaktion diskutiert, wie wir mit dem Namensklau aus Hamburg umgehen sollen und sind auf diese Idee gekommen. Ich finde, sie hat was. Denn sie zeigt, wie die "AZ" ist: humorvoll und nicht verbissen. Ab morgen sind wir im Untertitel aber wieder "Das Gesicht dieser Stadt".

kress.de: Was haben Sie denn eigentlich gegen den "Spiegel"-Untertitel "Die smarte Abendzeitung"?

Michael Schilling: Es gibt seit 69 Jahren eine smarte Abendzeitung, und die erscheint in München. Der Claim von "Spiegel Daily" passt daher viel mehr auf unser Haus.

kress.de: Werden Sie sich juristisch mit dem "Spiegel" über den Titel streiten?

Michael Schilling: Wir haben es prüfen lassen, und es gäbe eine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. Andererseits ist "Abendzeitung" natürlich die Kategorisierung einer Mediengattung. Unter dem Strich haben wir uns entschieden, dass wir nicht klagen werden. Dafür schätzen wir die Arbeit der Kollegen vom "Spiegel" viel zu sehr. Mit "Daily"-Redaktionsleiter Timo Lokoschat bin ich befreundet. Ich habe sechs Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet. Bis vergangenes Jahr war er hier einer meiner beiden Stellvertreter.

kress.de: Könnte der "Spiegel Daily"-Untertitel nicht sogar Werbung für Ihre Zeitung sein?

Michael Schilling: Das kann ich nicht einschätzen, glaube es aber nicht wirklich.

kress.de: Seit der "AZ"-Rettung durch Verleger Prof. Dr. Martin Balle hat die "Abendzeitung" keinen eigenen Abendverkauf mehr. Glauben Sie, dass der "Spiegel" mit dieser Erscheinungsweise am späten Nachmittag erfolgreich sein wird?

Michael Schilling: Wir haben das abgeschafft, weil es kaum noch Interesse der Leser dafür gab. Ein Erfolg des "Spiegel" würde mich aber nicht erstaunen. Denn ich halte "Spiegel Daily" für ein gutes und ambitioniertes Projekt. Da schreiben erstklassige Autoren. Und ich drücke den Kollegen wirklich die Daumen, denn ich finde es gut, wenn sich die Branche ausprobiert. Es muss ja nicht alles enden wie "Spiegel Classic", das der Verlag nach nur einer Ausgabe wieder vom Markt nahm. Es wäre daher wirklich eine hervorragende Sache, wenn ein solches Projekt funktioniert.

Hintergrund: "Abendzeitung"

Herausgeber der "Abendzeitung" in München sind Prof. Dr. Martin Balle und Dietrich von Boetticher. Die Zeitung hat eine verkaufte Auflage von 46.521 Exemplaren (laut IVW 1/2017) und wurde 1948 von Werner Friedmann gegründet. Chefredakteur ist Michael Schilling, stellvertretender Chefredakteur Thomas Müller. Chefreporterin ist Nina Job, Lokalchef ist Felix Müller, Stellvertretende Leiterin Lokales Sophie Anfang. Politik und Nachrichten leitet Natalie Kettinger, Clemens Hagen ist der stellvertretende Politik-Chef, das Feuilleton leitet Volker Isfort (Stellvertreter: Adrian Prechtel), Sportchefs sind Matthias Kerber und Christoph Landsgesell. Für Leute und damit Klatsch ist Kimberly Hoppe zuständig. Geschäftsführer der Abendzeitung München Verlags-GmbH ist Joachim Melzer, stellvertretende Verlagsleitung Dr. Patricia Scherer, den Anzeigenverkauf führt Lukas Wohlfahrt.

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