"Sauberes Deutsch und sauberer Journalismus": Wolf Schneider über den "Spiegel"

06.06.2017
 

Der heftigste Kritiker der "Spiegel"-Sprache war Wolf Schneider. "Gags auf Biertischniveau", so geißelte er vor dreißig Jahren den "Spiegel"-Stil. Und heute, im Jahr des 70-jährigen Bestehens?  Für diese Kolumne interviewt Paul-Josef Raue seinen Lehrer Wolf Schneider, der in Starnberg vor wenigen Tagen seinen 92. Geburtstag feierte. Er ist stets die erste Instanz, wenn es um den guten Stil geht - vor allem im Journalismus. Feuilletonisten und Deutschlehrerinnen mögen ihn allerdings nicht.

Wolf Schneider war Verlagsleiter des "Stern" und Chefredakteur der "Welt", aber nie Chefredakteur des "Spiegel" - im Gegenteil: Er sollte für Axel Springer den Anti-"Spiegel" gründen und leiten. Für Springer war der "linke" Augstein politisch auf der anderen Seite und größter Konkurrent, auch Schneider bewunderte zwar den Erfolg Augsteins, aber seine Methoden waren ihm zum Ekel. "Nicht Journalist wollte er sein", schreibt Schneider in seinen Memoiren, "Politik wollte er machen, und das schaffte er, ganz ohne Mandat."

Auch um den Anti-"Spiegel", der "Report" heißen sollte, geht es in dem Interview, um die Sprache und die Zukunft des "Spiegel", die Schneider mit nur sechs Wörtern beantwortet. Er braucht für seine Antworten hundert Wörter weniger als der Interviewer für seine Fragen. Die knappen Antworten ähneln den knappen Sätzen von Ex-VW-Chef Ferdinand Piëch, der Manager mit einem Satz stürzen konnte: "Sie haben heute frei. Und morgen auch", soll er einen Kommunikations-Vorstand verabschiedet haben.

Das Interview führten wir schriftlich. Schneider schreibt noch per Hand, Computer mag er nicht; seine Frau Lilo las ihm die Fragen vor, notierte seine Antworten und verschickte sie in einer Mail.

Paul-Josef Raue: Der "Spiegel" feiert seine Gründung vor siebzig Jahren. Klaus Brinkbäumer, der Chefredakteur, und Cordt Schnibben, Star-Reporter und ihr Schüler, haben für das Jubiläumsbuch Geschichten aus 3650 Heften ausgesucht: "Unsere Kriterien waren historisch-politische Relevanz und sprachlich-erzählerische Qualität, doch beides ist subjektiv", schreibt Brinkbäumer. Ist sprachliche Qualität wirklich subjektiv?

Wolf Schneider: Subjektiv darf sprachliche Qualität nur für Schreiber sein, die nicht gelesen werden wollen.

Paul-Josef Raue: Wie hat sich die Sprache des "Spiegel" verändert? Brinkbäumer analysiert die ersten zwanzig Jahre: "Suchend wirkt sie zu Beginn. Dann wird sie spitz, auch scharf, auch selbstgewiss."

Wolf Schneider: Zum Besseren - zum ziemlich guten sogar. Schon Stefan Aust hat Augsteins Sprachmarotten überwiegend beerdigt. An denen aber gibt es nichts zu würdigen.

Hintergrund: Was war der "Spiegel"-Jargon? Erfunden hat den Begriff Hans-Magnus Enzensberger, der mit Spott und heftiger Kritik berühmt wurde - auch dank der Langmut Augsteins, der Enzensberger erst lobte, dann als regelmäßigen Kolumnisten schreiben ließ  und so besänftigte. Wolf Schneider beschrieb den Jargon so:

  • Mutwillige Verhunzung der Grammatik ("Das Ende von Show-Legende X");

  • Inflation unverlangter Vornamen ("Fritz Meyer mit Ehefrau Hilde und Pudel Bello - statt mit Frau und Hund);

  • Schwelgen in weit hergeholten Wörtern in zerzausten Sätzen: "Wir kennen, ketzerte Hildesheimer in seiner gegen die labernde Biographen-Mehrheit zielende Mozart-Monographie, keine verbürgte geistreiche Erwiderung von ihm." Ketzern, motzen, pöbeln, himmeln, rapportieren - bloß nicht "sagen" sagen!

  • Als Tiefpunkt die Bildunterschriften in ihrer kalkulierten Unsinnigkeit: "Bin ich ein Laubfrosch?: Flughafen Hannover."
    Wie verkrampft, wie lächerlich das alles war.

Raue: Mochte die Redaktion den "Spiegel"-Jargon, mit dem erst Stefan Aust aufräumte, der 1994 Chefredakteur wurde?

Schneider: Ich hoffe nicht. Aber ich weiß es nicht.

Raue: Hatte der "Stern", bei dem Sie Textchef waren, auch einen Jargon, der Sie aufregte?

Schneider: Von 1966 bis 1970 hatte ich die Chance, den "Stern-Jargon zu tilgen. So krass wie der "Spiegel"-Jargon war er nie. Heute fällt mir keiner auf.

Raue: Enzensbergers Kritik am "Spiegel"-Jargon wäre heute ein Beitrag zur Lügenpresse- und Fakenews-Debatte; er schrieb 1957 über den "Spiegel":  "Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist. Maßgebend für das Gelingen einer Story ist einzig und allein ihr Effekt." Ist der "Spiegel" objektiv geworden?

Schneider: Objektivität im strengen Sinn ist unmöglich. Fairness gibt es. Im "Spiegel" von heute finde ich sie leidlich aufgehoben.

Raue: Sie bekamen 1971 von Axel Springer den Auftrag, ein Konkurrenz-Magazin zum "Spiegel" zu entwickeln. Was wollten Sie anders machen? Was besser machen?

Schneider: Sauberes Deutsch ohne Marotten - und sauberer Journalismus. "Die CDU setzt ihren Verdummungsfeldzug gegen die Wähler fort" ("Spiegel" 45/1972): als erster Satz eines Kommentars eine Unverschämtheit (Behauptung ohne Begründung!) - als erster Satz einer sogenannten Nachrichtengeschichte (und das war er!) der Tiefpunkt des deutschen Nachkriegsjournalismus. So berichtete die Nazi-Presse über Churchills Kriegsreden.

Raue: Warum verließ Springer der Mut?

Schneider: Warum es nicht erschienen ist? Kein Geld, hieß es.

Raue: Ihr elfjähriger Sohn regte einen Artikel an "Kann das Ei auch in der Dollarkrise oval bleiben?" Fehlte und fehlt dem "Spiegel" solch ein Humor?

Schneider: Pro Heft eine Glosse von solcher Art - warum nicht?

Raue: Brinkbäumer rühmt den "Spiegel": Er war und ist immer noch "lustig und wortschöpferisch". Als Beispiel nennt er "Augstein 'stirnrunzelte' seine Sorgen vor der Bundestagswahl." Und heute hätte er gerne Begriffe wie "Wutbürger" oder "Firlefanz" erfunden. Soll ein Journalist überhaupt Wörter erfinden?

Schneider: Eher nicht.

Raue: Gibt es den idealen Aufbau einer Geschichte? Brinkbäumer  beschreibt ihn so: Fulminanter erster Satz, szenischer Einstieg, These oder Aufblase, Ausarbeitung mit süffigen Details, zweite These, Genese des Konflikts, Auffächerung mit Details, szenischer Ausstieg oder flapsige Pointe.

Schneider: Die großartigsten Einstiege sind gerade nicht szenisch. Meine Favoriten, beide aus der "New York Times": Der Nobelpreisträger Paul Krugman resümiert seine China-Reise: "Ich habe die Zukunft gesehen, und sie wird nicht funktionieren." Ein Kommentar: "Ehe ich zum Aber komme, lassen Sie mich versichern, dass Hillary Clinton eine vorzügliche Präsidentin sein würde."
Die Gebrauchsanweisung für den Text insgesamt scheint mir überdreht.

Raue: Für Chefredakteur Brinkbäumer blieb von Aust, einem seiner Vorgänger: Klarheit, also wenig Adjektive, eher kurze Sätze, viele Verben, damit es vorangeht. Das liest sich wie Schneider in neun Worten. Hält sich der Spiegel heute daran?

Schneider: Ja, alles in allem - wie schön!

Raue: Sie waren als Verlagsleiter des "Stern" auch ein paar Jahre als Manager auf der anderen Seite. Hans-Magnus Enzensberger klagt heute über die Manager, die die "Content-Lieferanten" bedrängen.  Liegt der Auflagenschwund wirklich an den Managern?

Schneider: Dafür sehe ich kein Indiz.

Raue: Wie brächten Sie heute den Spiegel als Chefredakteur zum Erfolg?

Schneider: Weiß ich nicht. Erfolg ist ja immer noch da.

Raue: Wie verwerflich ist ein schriftliches Interview, wie wir es führen?

Schneider: Gar nicht. Antworten, über die man nachdenken konnte, sind im Durchschnitt die interessanteren. Anders bei einem Gespräch ohne vorbereitete Fragen: 1986 habe ich in der NDR-Talkshow den Gerhard Schröder ganz schön in die Enge getrieben.

Info

Wolf Schneider war Chefredakteur, Gründer und Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule, Talkmeister beim NDR, Geo- und Sachbuch-Autor, Memoirenschreiber, Sprachseminar-Trainer, ist Professor in Salzburg, Träger des Bundesverdienstkreuzes, Kolumnist, Journalist des Jahres und Nannen-Preisträger für sein Lebenswerk - und immer eine Instanz, wenn es um die deutsche Sprache geht. "Beliebt zu sein, das war mir noch nie widerfahren", schreibt er in seinen Memoiren.

  • "70 - Der Spiegel 1947 - 2017" erscheint in der Deutschen-Verlags-Anstalt (DVA, 480 Seiten, 34,99 Euro)

  • Schneiders Memoiren "Hottentotten Stottertrottel" erscheinen im Rowohlt-Verlag (448 Seiten, 19.95 Euro)

  • Enzensbergers Essay über den Spiegel-Jargon von 1957: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32092775.html

Der Autor

Paul-Josef Raue gehörte zum ersten Jahrgang der Hamburger-, der heutigen Henri-Nannen-Journalistenschule. In seinen Memoiren schreibt Schneider über eine Fünfer-Bande, die ihm anderthalb Jahre lang das Leben sauer machte: "Ich nannte sie die neomarxistische Keulenriege". Ob er Raue dazu zählte? Immerhin schrieb er mit Raue fünfzehn Jahre später "Das neue Handbuch des Journalismus", das zum Standardwerk avancierte. Der Schneider-Schüler Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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