"Bild"-Chef Julian Reichelt beim European Newspaper Congress: "Unsere Benchmark ist CNN, nicht das deutsche Fernsehen"

 

Die einen setzen auf aktuelle News und Live-Streams, die anderen auf animierte Erklärvideos: "Bild"-Chef Julian Reichelt und Sara Maria Manzo von der "Neuen Zürcher Zeitung" stellten auf dem European Newspaper Congress die Bewegtbildstrategien ihrer Häuser vor.

Das hiesige Fernsehen ist für Julian Reichelt, Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktionen, kein Maßstab. "Unsere Benchmark ist CNN, nicht das deutsche Fernsehen", sagte Julian Reichelt auf dem European Newspaper Congress in Wien. "Bild" betreibt eine Bewegtbild-Redaktion, die inzwischen rund 40 Mitarbeiter umfasst. Produziert werden Formate wie eine tägliche News-Sendung am Morgen, Live-Streams bei aktuellen Nachrichtenlagen, aber auch politische Talks und Storys für Snapchat.

Besonders wichtig ist dem "Bild"-Chef, dass seine Redaktion selbst zu den Innovatoren gehört, anstatt von technischen Entwicklungen getrieben zu werden. "Wir werden nicht disrupted, sondern wir sind diejenigen, die disrupten", so Reichelt. "Bild" war unter den ersten, die live bei Facebook gesendet haben - auf Grundlage eines Deals, den das deutsche Boulevardmedium mit dem Social Network eingegangen ist. Die Redaktion verbreitete Live-Streams etwa zum Putsch in der Türkei, zum Besuch der Bundeskanzlerin bei US-Präsident Trump oder nach dem Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz.

Auch mit 360-Grad-Reportagen und Drohnenjournalismus experimentiert die Redaktion. Zudem ist "Bild" seit wenigen Wochen mit einem eigenen Kanal auf Snapchat Discover vertreten. Wie Reichelt in Wien betonte, würden die Inhalte aber nicht bloß bei Snapchat und anderen hergeschenkt, sondern immer auch für die eigene Plattform genutzt. "Alles, was wir machen, findet auch auf unserer Homepage statt."

Organisatorisch könnten demnächst Änderungen anstehen. Bislang operiert die Video-Redaktion noch als abgetrennte Einheit, doch das sei im Grunde anachronistisch, sagte Reichelt. Derzeit denke man darüber nach, die Videoreporter auf alle Ressorts zu verteilen.

Eine ganz andere Strategie verfolgt die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Nicht die Live-Berichterstattung, sondern Hintergrund und Analyse stehen im Fokus des traditionsreichen Schweizer Blatts. "Wir nehmen uns komplexe Sachverhalte vor und versuchen, sie im Video zu erklären", erläutert Sara Maria Manzo. Seit elf Monaten leitet sie die Videoabteilung und ist gerade dabei, eine Bewegtbild-Strategie zu entwickeln. Zielgruppe sind vor allem Nutzer zwischen 25 und 35 Jahren, die Manzo und ihr Team von acht Mitarbeitern hauptsächlich mit animierten Erklärvideos ansprechen.

Zu finden sind die "NZZ"-Stücke auf der Zeitungswebsite, aber auch auf Facebook - sonst würden gewisse Leute überhaupt nicht mehr erreicht, so Manzo. Auch auf Instagram gibt es "erste Gehversuche". Den Zeitpunkt, wann ein Video ausgespielt wird, hält die 35-Jährige für absolut entscheidend. So ging ein Beitrag über Emmanuel Macron um 20 Uhr und fünf Minuten am Tag der französischen Präsidentschaftswahl online - direkt nachdem Macrons Wahlsieg bekannt gegeben worden war. Das Video habe rund 1.000 Kommentare, Likes und Shares erhalten.

Geeignete Mitarbeiter für ihre Abteilung sind laut Sara Maria Manzo gar nicht so leicht zu finden. Denn idealerweise sollten sie nicht nur Kenntnisse im Videojournalismus mitbringen, sondern auch animieren können. "Das Jobprofil ist sehr jung und es gibt noch zu wenige Ausbildungsangebote." Manzo splittet deshalb die Kompetenzen und setzt auf "training on the job".

Hintergrund: Der European Newspaper Congress wird vom Medienfachverlag Johann Oberauer und Norbert Küpper, Zeitungsdesigner in Deutschland, veranstaltet. Kooperationspartner wie JTI, die Stadt Wien und der Verband der Österreichischen Zeitungen unterstützen maßgeblich die Veranstaltung.

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