Publizist Franz Sommerfeld über "Spiegel daily": "Es gibt wirklich nichts, was man nicht schon kennt"

 

"Ehrlich. Eine Woche habe ich durchgehalten und täglich 'Spiegel daily' gelesen. Das verlangte Disziplin. Denn das Angebot selbst enthält nicht einen einzigen journalistischen, publizistischen oder nachrichtlichen Anreiz, auf das tägliche Erscheinen gegen 17 Uhr zu fiebern oder auch nur zu warten", kritisiert der Publizist Franz Sommerfeld in scharfen Worten das neue Angebot aus Hamburg.

"Spiegel daily" enthält kein Alleinstellungsmerkmal. Es gibt wirklich nichts, was man nicht schon kennt. Und warum dafür Geld bezahlt werden soll, ist nicht nachzuvollziehen.

Seit nun mehr vier (!) Jahren propagiert Cordt Schnibben diese Initiative als Rettung der Zeitungskrise und begeistert sich entsprechend am Ergebnis. Vielleicht liegt in diesem durchaus anrührenden Versuch sogar die Ursache für das Scheitern.

Schnibben und der "Spiegel" wollten die Zeitungen retten, anstatt konsequent ein neues zeitgemäßes digitales Angebot zu entwickeln.

Dass es dem Spiegel in diesen vier Jahren nicht gelungen ist, auch nur eine einzige innovative Idee für sein neues Informations-Angebot zu finden, erschüttert schon. Es sei denn, man hält die handgestrickten Videos mit dem netten Jörg Kachelmann für eine Innovation, tatsächlich ist das Retro, und man wünscht ihn sich ins Fernsehen zurück, wo er hingehört.

Warum Kunden in Zeiten, in denen sie sich den Tag über mit einem Blick auf ihr Mobilgerät über die Nachrichtenlage informieren können, nun gerade um 17 Uhr ihre Zeit anhalten sollen, ist schwer nach zu vollziehen und lässt sich vermutlich mit sentimentalen Erinnerungen an Abendzeitungen erklären. Schlimmer ist, dass die Priorisierung der einzelnen Nachrichten im Angebot von "Spiegel daily" nicht verständlich ist. Warum nun gerade heute Schaulustige bei Feuerwehreinsätzen unter die ersten fünf wichtigsten Themen geraten, bleibt ein Rätsel. faz.net und "Welt Online" haben darüber in den vergangenen Wochen ausführlich berichtet, mit aktuellen Fotos und anhand konkreter Fälle. Doch "Spiegel daily" liefert statt dessen maulende Zeitkritik: "Heute hat wohl JEDER IMMER ein Smartphone mit Kamera dabei und fotografiert alles. Als ob die Freunde einem nicht mehr glauben, wird sogar das Essen gefilmt und per Instagram verschickt. Urlaub existiert offenbar ohne Beweisfoto nicht mehr." Wie lautet noch der Claim von "Spiegel daily"? Genau, "nur, was heute wichtig ist".

Richtig peinlich wird es, wenn der Bericht über den Terroranschlag in Manchester mit einem Multiple-Choice-Quiz beendet wird:

"Terroristen greifen meistens dort an, wo viele Menschen zusammenkommen - wie jetzt in der Konzerthalle von Manchester. Haben Sie inzwischen Bedenken, solche Orte zu besuchen?

+ Ja, ich möchte keine unnötigen Risiken eingehen

+ Nein, es gibt schließlich nirgendwo absolute Sicherheit

+ Manchmal denke ich kurz an Risiken, gehe dann aber trotzdem aus"

Für Interessierte: Die dritte Antwort hat den stärksten Zuspruch erhalten.

Wer sich aber für Informationen interessiert, ist mit der App des Deutschlandfunks DLF24 für Mobilphones deutlich besser bedient: Die Nachrichten werden sorgfältig priorisiert. Die Überschriften sind professionell formuliert. Die Auswahl der Nachrichten gibt den Tag über einen guten Überblick. Da sind eben Profis am Werk. Anders als bei "Spiegel daily" gibt es eine App, und sie ist mobiloptimiert. Bei "Spiegel daily" muss ich mich dagegen jeden Tag neu einloggen.

Nachdem Cordt Schnibben das Projekt vor mehreren Jahren als lesergesteuert präsentierte, die er dann zu einem Abendessen mit ihm lud, überrascht schon, dass es auf Facebook keine Möglichkeit gibt, das neue Angebot zu kommentieren. Vielleicht fürchtet die Redaktion das Feedback. Aber wer sich fürchtet, kann nichts lernen.

Schade, dass so viel Aufwand so wenig Ergebnis brachte.

Was meinen Sie? Lesen Sie "Spiegel daily" täglich? Wie finden Sie das neue Angebot aus Hamburg? Ihre Einschätzung gerne per Email an post@kress.de !

kress.de-Tipp: Diskutieren Sie mit dem Autor auch auf Facebook!

Ihre Kommentare
Kopf

Schnibben

24.05.2017
!

Lieber Franz Sommerfeld,

schönen Dank für Ihre ausführliche Kritik. In fast allen Punkten - das wird Sie nicht verwundern - bin ich anderer Meinung. Was wir beide von SPIEGEL DAILY halten, wird allerdings nicht darüber entscheiden, ob es gut ist, gebraucht wird, ein Erfolg wird. Der Kollege Martin Hoffmann, Erfinder der interessanten App Resi (sehr zu empfehlen ), hat es so gesagt: "Was viele Leute auf Twitter offenbar vergessen: Dass sie nicht die Zielgruppe für @SPIEGELDaily sind." Journali


Cordt Schnibben

25.05.2017
!

Was unterscheidet SPIEGEL DAILY von den Angeboten herkömmlicher Tageszeitungen? Nicht für jede der Ideen können wir ein Copyright beanspruchen, aber in der Kombination der vor allem vom Smartphone her gedachten Formate ist ein Angebot entstanden, das sich deutlich von allen ePaper-Ausgaben der Tageszeitungen oder Kompaktversionen wie "Der Tag" oder "H10" unterscheidet. Strukturell: Auflösung der Ressorts, Reduktion auf wenige Top-News, Einbeziehung von sozialen Medien ins journalistische Angebo


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