ENC-Rückschau: "Enteignet Facebook!" hätten die Achtundsechziger gefordert

 

JOURNALISMUS! Der European Newspaper Congress 2017 in Wien war der politischste in der 18-jährigen Geschichte, resümiert Paul-Josef Raue in seiner Kolumne. Facebook wurde zur Zielscheibe der Kritik, gar zur dunklen Seite der Macht. Wie gehen Menschen, Gesellschaften, Politik und Verlage mit den Monopolisten der digitalen Welt um? Und wie verkraftet es die Demokratie, der Facebook neue und nicht immer gute Regeln gibt?

Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern soll ein Grußwort zum größten Journalismus-Kongress Europas sprechen und mit netten Worten die Medien in schweren Zeiten loben. So ist es üblich. Doch Kern hatte sich beim Morgenkaffee nur ein paar Stichworte notiert, wie er erzählt, und spricht frei und grundsätzlich als bekennender Liebhaber von Zeitungen:

Facebook und die anderen digitalen Weltkonzerne manipulieren die Demokratie im großen Stil. Wie gehen wir mit diesen Giganten um? Wie mit diesen Monopolen und ihrer wirtschaftlichen Macht?

Enteignet Facebook! - hätten die Achtundsechziger gefordert, wenn es sie noch gäbe. So weit geht Österreichs Kanzler nicht. Er fordert Transparenz von Facebook, er fordert die Offenlegung von Algorithmen, also jener unsichtbaren Programme, die zunehmend die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Demokratie steuern.

Denn Facebook entzieht sich laut Kern der Kontrolle der Politik, instrumentalisiert die Freiheit, steuert das Verhalten der Bürger und delegitimiert den Journalismus. Die neue Newsroom-Logik folgt den sozialen Netzen; der kritische Journalismus, das „Immunsystem der Gesellschaft“, wird abgelöst durch die Quoten-Logik der Algorithmen, des verborgenen Gotts des Universums.

Der Kritik an Facebook stellt Österreichs Kanzler voran die Kritik an Journalisten, die gemeinsam mit Politikern eine Spirale des Populismus bedienen. Sachpolitik finde kaum mehr statt, stattdessen bestehe Politik zu 95 Prozent aus Inszenierung. "Reflexion ist im politischen Geschäft nicht gefragt. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen dieser Entwicklung, und die Medien verlieren zunehmend an Relevanz für die Menschen."

"Facebook braucht einen Verantwortungs-Booster", fordert Julia Jäkel, CEO von Gruner+Jahr, die nach dem Bundeskanzler sprach. Sie gehört zu den schärfsten Kritikern, forderte in der "FAZ": "Was wir brauchen, sind echte, belastbare Partnerschaften auf Augenhöhe zwischen Facebook und den Medienunternehmen – anstatt galoppierend asymmetrischer Verhältnisse, in denen sich immer mehr Wissen, Macht und Geld in wenigen Gegenden der amerikanischer Westküste konzentriert."

In ihrem Vortrag beim ENC 2017 bleibt Julia Jäkel eher zurückhaltend und schlägt weniger laute Töne als der österreichische Kanzler. Ähnlich wie Jäkel setzt ihr Kommunikationschef Frank Thomsen in einer Podiumsdiskussion auf Gespräche: Dies wolle man – auch wenn es schwierig sei, sich mit Facebook an einen Tisch zu setzen.

Immerhin hatte Gruner+Jahr nicht, wie fast alle deutschen Medien, das Facebook-Angebot strikt abgelehnt, bei der Fake-News-Suche zu helfen. Wochenlang hatten Chefredakteure und Manager im Haus debattiert, hatten das Pro und Kontra abgewogen. Thomsen berichtet: "Wir finden es gut, wenn ein Unternehmen in große Schwierigkeiten kommt, wenn es um etwas geht, was Journalisten können – wenn es sich dann an Journalisten wendet. Wir wissen auch, wie schwer es ist, wahr und unwahr zu scheiden, das ist das erste Gegenargument. Und das zweite: Recherche ist Kernarbeit von Journalisten, die gibt es nicht kostenlos."

Sie verhandelten nicht, sie sprachen auch nicht über Geld. Will Facebook alles gratis bekommen? "Wenn hinter der Anfrage von Facebook kein Geschäftsmodell steht, heißt die Antwort sowieso schon einmal Nein", sagt Thomsen. Facebook, das Kommunikation-Unternehmen, blieb verschlossen. Diskutieren wollte Facebook nicht. "Du konntest nur Ja oder Nein sagen", so Thomsen.

Mittlerweile laufen aber laut Thomsen  wieder Gespräche.

Christian Lindner, Ex-Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, hält die Factchecking-Anfrage zumindest für bedenkenswert:

"Postings Verified by 'Stern' oder Postings Verified by 'Mainpost' - das würde zu einer hohen Glaubwürdigkeit führen", so Lindner, der in seiner Redaktion Online gefordert und gefördert hatte wie kein anderer. Er formuliert eine Art Online-Regel für Redaktionen: "Es ist besser, Fakten zu prüfen, als ständig neue Snapchat-Projekte zu starten. Gerade innerhalb der Redaktion muss es Luft geben zum Nachdenken, Nachprüfen, Streiten." Auch für Lindner ist es unabdingbar, dass Facebook zahle. Factchecking um jeden Preis gebe es nicht.

Jeder im großen Saal des Wiener Rathauses scheint eine Geschichte über misslungene Facebook-Kommunikation zu kennen, die echte mit Augenkontakt. Für den Kongress und die Debatte hatte Stefan Meister abgesagt, der seit knapp vier Jahren als Communications Manager bei Facebook in Hamburg arbeitet:

"Wir wären prinzipiell gern dabei und haben auf alle Fragen gute Antworten. Leider ist aber das gesamte News- und Media-Partnership Team in der Woche um den 22. Mai in Kalifornien für ein Offsite. Daher müssen wir leider, leider absagen. Bitte melden sie sich gerne für 2018 frühzeitig wieder bei uns."

Johann Oberauer, der Organisator des Kongresses, zögert nicht und spricht spontan für den Mai 2018 die Einladung aus. Die Themen werden bis dahin nicht ausgehen.

Auch Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, erzählt auf der Bühne von der schwierigen Kommunikation mit Facebook. Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale interessiert Facebook: Vor der vergangenen Bundestagswahl nutzten über dreizehn Millionen Menschen das Frage-und-Antwort-Spiel, das bei der Wahlentscheidung helfen soll. So viele Millionen Nutzer – das reizt Facebook.

Jedes Medium, das den Wahl-O-Mat online einbinden will, bekommt die Lizenz. Facebook jedoch wollte laut Krüger eigene Regeln, wollte auch die IP-Adressen und Daten der Nutzer bekommen. Da spielt die Bundeszentrale nicht mehr mit. Der Präsident erklärt in der Podiumsdiskussion und anschließend in einem Interview  mit dem Journalisten Jörg Wagner: 

"Die Daten-Ökonomie ist für Facebook wichtiger als das scheinbar ethische Ziel, die parlamentarische Demokratie in Deutschland durch den Einsatz des Wahl-O-Mat zu unterstützen. Dahinter verbirgt sich nämlich in Wirklichkeit ein knallhartes, ökonomisches Interesse, und dafür sind wir nicht zu haben. Wir sind eine Bildungseinrichtung und keine staatliche Subventionsmaschine für globale Medienunternehmen."

Die Verhandlungen  mit Facebook sind laut Bundeszentrale schwierig, alles drehe sich im Kreis. Krüger: "Wir finden eigentlich keinen richtigen Ansprechpartner von Facebook. Irgendwo zwischen Europa und den Vereinigten Staaten muss es da eine Insel im Atlantik geben, auf der das entschieden wird und auch Menschen sitzen, die Namen haben. Uns jedenfalls ist bisher keiner bekannt."

Wie sollen Verlage, die Steuern in Deutschland zahlen – im Gegensatz zu Facebook -, wie sollen Verlage  mit Facebook umgehen? Ächten? Nein, schließt G+J-Sprecher Frank Thomsen die Debatte in Wien. "Es ist nicht die Aufgabe des Journalisten, sich abzuwenden", so Thomsen, der selber lange Journalist war, ehe er ins Management wechselte. Doch Thomsen, der Manager, weist auch auf die Existenzgefährdung der Verlage hin:

"Von jedem Euro, der im Netz investiert wird, gehen 80 Cent an Facebook und Google", so Thomsen. "Wir wissen zu wenig darüber, was Facebook macht und vorhat."

 

Hintergrund: Weitere Berichte über den European Newspaper Congress auf www.kress.de. Ein 25-Minuten-Video der Podiumsdiskussion gibt es unter: https://www.pscp.tv/bpb_de/1lDGLjNXoPaxm?t=15

Der Autor: Paul-Josef Raue moderierte die Podiumsdiskussion über Facebook in Wien. Er war 35 Jahre lang  Chefredakteur von Regionalzeitungen, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf "kress.de" erschien die zwanzigteilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de. Er berät heute mit seinen Erfahrungen Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

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