"Man hat Zeit, um Dinge zu entscheiden": Was für Martin Balle die größte Verleger-Kunst ist

29.05.2017
 

Verleger, Chefredakteur, Philosoph, Professor: Der Straubinger Martin Balle ist ein Exot in der Medienbranche. Erst recht, seit er vor drei Jahren die schwer defizitäre "Abendzeitung" in München übernahm. Balle sanierte den Traditionstitel. Was er beim BDZV und beim Vermarkter Score Media kritisch sieht - und was ein Verleger können muss.

In "Amerika" hat "kress pro" den Verleger Martin Balle interviewt - so heißt sein privates Arbeitszimmer ohne Telefon und Computer direkt unter dem Dach des Verlagshauses in Straubing und neben der Kapelle (Foto). Balle spricht Klartext über den BDZV, über Score Media - und er sagt, wann ein Verleger ein guter Verleger ist.

"kress pro": Viele im Zeitungsgeschäft setzen für die Zukunft auf Konzentration der Kräfte und feiern zum Beispiel den neuen gemeinsamen Vermarkter Score Media als großen Wurf. Sie sind gar nicht dabei. Hätten Sie nicht auch davon profitieren können?

Martin Balle: Überhaupt nicht. Es geht aus meiner Sicht um eine Umverteilung von dem, was schon da ist. Und zwar zulasten der mittleren und kleinen Verlage. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dadurch viele Neukunden kommen. Denn unsere Hauptkunden sind neben dem Einzelhandel die Möbelindustrie und die Lebensmittelmärkte. Wenn Verlage wie wir uns beteiligt hätten, hätten wir weniger Geld für unsere Anzeigen bekommen, und zwar deutlich weniger, rund 20 Prozent. Dann würde nämlich insgesamt verkauft, und dann fällt plötzlich ein Löwenanteil an die Großverlage, die diese Kunden bisher gar nicht hatten, und für uns bleibt weniger.  Ich sehe nicht, dass Score am Markt eine Leistung bringt, die mittlere und kleine Verlage veranlassen könnte, dort mitzumachen. 

"kress pro": Was erwarten Sie vom Zeitungsverlegerverband BDZV? 

Martin Balle: Der Verlegerverband muss jetzt aufpassen, denn es gibt ein Problem. Es werden im Verband zu stark die Interessen der Großverlage vertreten. Die Strukturreform im Verband und das Einführen des Gattungsmarketings Score sind Hand in Hand erfolgt, zulasten der kleineren und mittleren Verlage. Daher muss der Verlegerverband aufpassen, dass es mittelfristig zu keiner Spaltung kommt. 

"kress pro": Könnte das wirklich zur Spaltung führen?

Martin Balle: Mittelfristig ganz klar. Das ist ein echtes Thema. Ich begrüße sehr, dass Mathias Döpfner Präsident ist, weil wir damit gegenüber der Politik wirklich ein starkes Schiff haben, das erkennbar auf der Spree fährt. Aber in Berlin müssen sie aufpassen, dass kein Spalt entsteht - nur weil die Großstadtverlage große Probleme haben und die Tendenz, diese auf Kosten der kleinen und mittleren Verlage lösen zu wollen.

"kress pro": Eine Frage an Sie als Chefredakteur: Wie muss der Journalist der Zukunft sein?

Martin Balle: Journalismus heißt, in die Lebenswelt einzutauchen, die es wirklich gibt. Manche Debatten sind so überintellektualisiert, auch in der "Zeit". Das hat mit dem Alltag - selbst von einem Intellektuellen wie mir - nichts mehr zu tun. Der Journalismus darf sich nicht abkoppeln von der Lebenswirklichkeit, das ist wichtig. Ein guter Journalist muss in der Lebenswelt der Menschen verankert bleiben. 

"kress pro": Herr Balle, wann ist ein Verleger ein guter Verleger?

Martin Balle: Für einen Verleger gilt das, was für alle Arbeitgeber gilt. Er muss versuchen, die Mitarbeiter und die Arbeitsplätze zu schützen, und wohlwollend sein.

"kress pro": Muss er Visionär sein?

Martin Balle: Das ist ein großes Wort. Ich bin sicher kein Visionär, weil das oft auf so einer Phantasie beruht, wo es hingeht. Dafür bin ich viel zu solide. Ich würde eher sagen, man muss versuchen zu verstehen, welche Zeitfenster man hat, um zu handeln. Das ist, finde ich, die größte Kunst, die ich hoffentlich ein Stück weit beherzige. 

"kress pro": Und wie genau?

Martin Balle: Sehen Sie: Wir hatten sehr gute Zeiten, jetzt haben wir gute Zeiten. Ich kann nicht heute schon Leute entlassen, weil die Zeitungssituation in fünf bis zehn Jahren wesentlich schwieriger sein wird. Ich muss vielmehr die Probleme im Vorfeld sehen und vorausschauend handeln, ohne hysterisch zu agieren. Ich habe gelernt, dass man Zeit hat, um Dinge zu entscheiden.

kress.de-Tipp: Das Interview ist ein kleiner Auszug aus der Titelgeschichte von "kress pro" (Ausgabe 3/2017) über Verleger Martin Balle. Im Gespräch mit kress.de-Chefredakteur Bülend Ürük sagt Martin Balle auch, wie er einen hoffnungslosen Fall sanierte, was ihn dabei ärgerte, was im Freude machte und was er anderen rät, um in schwierigen Märkten erfolgreich zu sein. Die Ausgabe kann hier als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk erworben werden.

"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte bei Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. "kress pro"-Chefredakteur ist Markus Wiegand, Herausgeber Johann Oberauer. "Zum "kress pro"-Abo.

Hintergrund: Martin Balle wurde am 9. Oktober 1963 geboren – in dem Jahr, in dem sein Vater Hermann Balle in die Verlagsleitung des schwiegerelterlichen "Straubinger Tagblatts" einstieg. 1995 stieg Martin Balle in den Verlag ein und baute das Familienunternehmen zu einem echten Medienhaus aus. Seit 2002 ist der Doktor der Philosophie persönlich haftender Gesellschafter der Mediengruppe "Straubinger Tagblatt"/"Landshuter Zeitung". Zur Gruppe gehören unter anderem 15 regionale Zeitungsausgaben in Niederbayern, der Oberpfalz und Oberbayern, sieben regionale Anzeigenblätter und seit 2014 die "Abendzeitung" in München. 2013 erhielt die Gruppe die Fernsehlizenz und betreibt seither unter dem Namen "Niederbayern TV" drei Lokalsender. Anfang 2017 erwarb Verleger Balle die Ingolstädter "Espresso"-Mediengruppe. Balle, Vater eines Sohnes, unterrichtet zudem als Professor für Medientechnik an der Technischen Hochschule Deggendorf.

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