Stefan Kiwit über seinen "Liebling" Tina Müller: Die Shampoo-Prinzessin

31.05.2017
 

"Was für eine Frau. Das hat sich auch in Rüsselsheim nicht geändert. Dort liefert sie in einem Affenzahn ab. Woche für Woche. Tweet für Tweet und Horizont für Horizont. Was ihr in Marketianien niemand zugetraut hätte, gelingt ihr in Rekordzeit und während wir uns alle noch ungläubig die – von Tränen der Freude unterlaufenen – Augen reiben, sind sämtliche Neuwagen nicht nur im Kopf bereits umgeparkt, sondern auch gleich mit einer Tageszulassung versehen und schwuppdiwupp verkauft": Stefan Kiwit über seinen "Lieblings des Monats": Tina Müller, Marketingchefin von Opel. 

Als ich vor mehr als zehn Jahren das erste Mal einen kurzen Blick auf sie erhaschen durfte, war ich nicht nur tief gerührt - sondern, wie alle Männer, die ihr begegnen, natürlich auch ein bisschen verliebt. Draußen hatte der Herbst die karge Landschaft der Düsseldorfer Peripherie bereits in seine schönsten verfügbaren Rottöne getaucht, während im Innern des alten Backsteingebäudes die größten Geheimnisse der deutschen Dauerwell-Industrie auf mich warteten. Warten? Natürlich warten, war sie doch bereits damals die wahrscheinlich wichtigste Mitarbeiterin im gesamten Konzern und für die Pflege von Haar, Körper, Gesicht und Mund verantwortlich. Und ganz nebenbei - als wäre es nichts - hatte sie noch eine Friseurlinie in Friseurqualität erfunden, die es aber gar nicht (nur) beim Friseur, sondern in jedem Supermarkt zu Drogeriepreisen gab. Was für eine geniale Idee. Völlig zu Recht wurde sie allein dafür zum CMO of the Year gekürt. Während ich mir vorstellte, wie sie morgens im Bad mit ihrer eigenen Mundspülung gurgelt, wuchs in mir die Nervosität - denn gleich sollte ich ihr tatsächlich für wenige Augenblicke gegenübersitzen. Und das, um ihr unsere profanen Konzepte für den Verkauf von noch mehr Haarpflege und noch viel mehr Mundspülung vorzustellen.

Dann war es endlich so weit. Mit zackigem Schritt wurde ich von ihrer Assistentin in den abgedunkelten Konferenzraum geführt und gebeten, meine mitgebrachten, technischen Geräte doch bitte zügig mit der vorhandenen Haustechnik zu verbinden. Natürlich fehlte der passende Adapter, das Netzkabel war zu kurz und WLAN gab es natürlich auch nicht. Während ich unterm Tisch kniend versuchte, das Ganze doch noch irgendwie hinzufriemeln, trat sie ein. Was für Schuhe - die Lockenmähne und ihre stets dunkelroten Lippen konnte ich ja da noch nicht sehen. Zum Glück hatte mein langhaariger Werbe-Kollege die Situation komplett im Griff, küsste sie rechts und links, überhäufte sie mit Komplimenten und warf so lange mit Marketing-Buzzwords um sich, bis ich neben ihm am Tisch Platz genommen hatte. Und dann ging alles ganz schnell. Blitzgescheit erkannte die "Shampoo-Prinzessin" die Genialität unserer Ideen, ließ uns mit einer typischen Manager-Geste wissen, dass wir weiter im Geschäft waren, und entschwand. Bäm.

Was für eine Frau. Das hat sich auch in Rüsselsheim nicht geändert. Dort liefert sie in einem Affenzahn ab. Woche für Woche. Tweet für Tweet und Horizont für Horizont. Was ihr in Marketianien niemand zugetraut hätte, gelingt ihr in Rekordzeit und während wir uns alle noch ungläubig die - von Tränen der Freude unterlaufenen - Augen reiben, sind sämtliche Neuwagen nicht nur im Kopf bereits umgeparkt, sondern auch gleich mit einer Tageszulassung versehen und schwuppdiwupp verkauft. Potz Blitz! Und das alles fast (oder ganz?) allein. Denn ihr Lieblingswerber (leider nicht ich) war irgendwo zwischen einer Opernball-Schlägerei und zwei Fotoshootings für ein Fachmagazin auf der Strecke geblieben. Egal. Denn sie ist selbst eine Macherin. Eine, die mit ihren genialen Marketingschachzügen dafür gesorgt hat, dass wir Astra schon lange nicht mehr trinken, sondern mittlerweile fahren wollen. Eine, die den abgehalfterten Fuchsschwanz medienwirksam durch eine genervt dreinblickende Katze ersetzt hat. In Zeiten von Youtube und Snapchat schlichtweg genial. Und so verwundert es nicht, dass die Rüsselsheimer seitdem fast nach Belieben Kohle scheffeln, und mir nichts, dir nichts ihre Corsas, Mokkas, Zafiras oder 18.000 Goldkettchen verticken. Und sie? Sie wird jetzt natürlich Vorstandsvorsitzende von L'Opél - und lässt mich hoffentlich irgendwann mal wieder meine Technik in einem ihrer Konferenzräume installieren - dann hab ich mit Sicherheit auch den passenden Adapter dabei.

kress.de-Hinweis: Stefan Kiwit ist Geschäftsführer von Exit-Network und schreibt in "kress pro" regelmäßig über seine Lieblinge in der Medienszene. Die Kolumne über Tina Müller ist in Ausgabe 3/2017 im April erschienen. Das Heft kann hier als E-Paper oder gedruckt - und im iKiosk erworben werden.

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