"Wir fragen unsere kressköpfe": Wie Jörn Röver den deutschen Naturfilm wieder nach vorne bringen möchte

 

"Jeder Naturfilm ist auch ein Bildungsfilm", davon ist Jörn Röver, Geschäftsführer der Studio Hamburg-Tochter Doclights, überzeugt. Im "kressköpfe"-Interview verrät er, wie er die Arbeit seiner Dokumentarfilmer zeitgemäß hält - und wie man junge Zielgruppen begeistert. Stolz ist der Leiter des Naturfilmbereichs auf seine Produktion "Heinz Sielmann - der Tierfilmpionier wird 100", die am 7. Juni im NDR läuft.

kress.de: Herr Röver, in wie weit ist der große Heinz-Sielmann-Film für Sie auch ein Plädoyer dafür, den Naturfilm wieder ein bisschen stärkere Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Jörn Röver: Zum einem dem Naturfilm und seiner Geschichte, aber auch der Natur, die oft hinter das aktuellen Weltgeschehen zurücktritt und so fälschlicherweise als nebensächlich betrachtet wird.

kress.de: In Ihrer Dokumentation arbeiten Sie viel altes, bislang oft so gar nicht mehr erinnertes Material sowie Sielmann-Produktionen, die in der BBC zu sehen waren, wieder auf. Wie schwer war es, an diese Schätze zu kommen?

Jörn Röver: Es hat einige Jahre gedauert bis unser Regisseur das meiste aufgespürt hatte. Sielmanns Kreta-Film aus der Kriegszeit ist noch immer in einem Archiv in England verschollen.

kress.de: Dok-Filmer kämpfen seit jeher um Sendefläche und gute Plätze im öffentlich-rechtlichen Programm. Was müssen Filmemacher von heute leisten, um Ihr Publikum bei der Stange zu halten und vielleicht wieder mehr Jüngere zu begeistern?

Jörn Röver: Naturfilme sind ein sehr starkes Dokumentationsgenre, das sich in der Hauptsendezeit gehalten hat. Aber man muss ständig technisch nachrüsten, sehr intime und dramatische Tiergeschichten erzählen, um auch ein neues Publikum zu gewinnen.

kress.de: Wie halten Sie sich selbst und Ihre Teams fit für die jeweils besten Zugänge und technischen Anforderungen für spektakuläre Dokumentar-, vor allem Naturfilme?

Jörn Röver: Wir nehmen an allen namhaften Festivals rund um die Welt teil, erfahren so von den Problemen der anderen, von neuen Trends in Markt, und natürlich messen wir unsere Produktionen an den besten des jeweiligen Jahres. Dabei schneiden die Tierfilme aus Deutschland hervorragend ab.

kress.de: Vor allem mit dem Appell zum Natur- und Artenschutz erfüllen viele Filme, an denen Sie mitwirken, auch einen gesellschaftliche Funktion. Wie schwer ist es sich, mit diesen Botschaften im oft etwas oberflächlichen TV-Betrieb Luft zu verschaffen?

Jörn Röver: Nur wenige schalten den Fernseher ein, um sich explizit zu bilden bzw. sich belehren zu lassen. Trotzdem ist jeder Naturfilm ist auch ein Bildungsfilm, neben Unterhaltungsaspekten natürlich. Naturschutzthemen gehen wir meist in Reportageform an, und wenn sie gut gemacht sind, werden sie auch gesehen. Einen unschlüssigen Mix aus Tierfilm und Appellen an den Naturschutz, mag ich weniger.

kress.de: Wie sehr reizt es Sie, neben Ihrer Geschäftsführertätigkeit auch intensiv und vermutlich ab und an recht hemdsärmelig an den Stoffen mitzuwirken?

Jörn Röver: Das geht Hand in Hand. Man muss die Belange der Firma im Auge behalten und gleichzeitig die Themen setzen, mit den Tierfilmern nach Lösungen suchen, Texte überarbeiten usw. 

kress.de: Auch mit viel Berufserfahrung, Routine und guten Kontakten kann man ja nur eine bestimmte Anzahl von Wochenarbeitsstunden unterbringen. Woher nehmen Sie Ihre Energie?

Jörn Röver: Ich versuche nach intensiver Arbeit, Ruhepausen konsequente einzuhalten. Das muss kein vierwöchiger Urlaub sein. Ein ruhiges Wochenende reicht mir, um mich nach einer intensiven Produktionsphase zu erholen. 

kress.de: Wenn Sie einmal zurück blicken: Welche Erfahrungen aus Ihrem bisherigen Lebenslauf haben sich besonders für die Arbeit bei Doclights gemacht?

Jörn Röver: Geduld! Um ein Team und Filmproduktionen auf Weltniveau zu erhalten braucht man viele Jahre kontinuierliche Aufbauarbeit. Dabei waren die Unterstützung und das finanzielle Engagement des NDR grundlegend. So ein Genre kann man nicht über Nacht "herbeizaubern". Jeder einzelne Film hat eine Produktionszeit von etwa drei Jahren.

kress.de: Sie haben schon länger ein "kressköpfe"-Profil angelegt. Wie wichtig ist es für die Arbeit in Ihrem Netzwerk?

Jörn Röver: Die gute Zusammenarbeit mit Journalisten und Filmemachern, auch aus anderen Genres, ist mir sehr wichtig. Man darf sich nie in seiner Nische einschließen.

kress.de: Mit welchem Geschäfts- oder Kooperationspartnern, Querdenkern oder Kreativköpfen würden Sie sich – idealerweise über die "kressköpfe" – gerne einmal zu einem Mittagstermin verabreden?

Jörn Röver: Ein Mann dessen Buch, "Unsere Vögel", mich gerade sehr beeindruckt ist Prof. Peter Berthold. Er hat den galoppierenden Naturverlust unserer Heimat pointiert beschrieben, bietet aber auch praktische Lösungen. Das sollte man verfilmen!

kress.de:Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Jörn Röver: Wichtig für mich sind natürlich alle neuen Medienentwicklungen. Das lineare Fernsehen wird immer ein Ausspielweg bleiben, aber in welche Richtung entwickelt sich der non-lineare Markt? Was und wie sieht der Zuschauer der Zukunft? Da wollen wir auch aktiv mit dabei sein.

TV-Tipp: Am Mittwoch, 7. Juni, läuft um 20.15 Uhr im NDR-Programm der von Jörn Röver produzierte Dokumentarfilm ""Heinz Sielmann - der Tierfilmpionier wird 100", das auch viele selten gezeigte Aufnahmen aus Archivschätzen zeigt. 

kress.de-Tipp: Sie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.