Noch-"SZ"-Journalistin Alexandra Borchardt: "Frauen drängen in Berufe hinein, die unter Druck geraten"

02.06.2017
 

Im Sommer wechselt Alexandra Borchardt, CvD bei der "SZ" und Redaktionsleiterin des Frauen-Wirtschaftsmagazins "Plan W", ans Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford. "Leider gibt es wenig Kontakt zwischen den Forschern und den Menschen in den Redaktionen und Verlagshäusern. Ich sehe meine Aufgabe darin, eine Brücke zwischen beiden Seiten zu bauen", sagt Borchardt.

Im Interview mit Susanne Lang, Chefredakteurin des "Wirtschaftsjournalist", spricht Borchardt auch über Qualitätsjournalismus, über Nachwuchsprobleme in der Branche und Frauen im Journalismus.

"Wirtschaftsjournalist": Frau Borchardt: Was hat Sie dazu bewogen, von der Akteurin zur Beobachterin von Journalismus zu werden?

Alexandra Borchardt: Ich hoffe, dass ich auch künftig Akteurin sein werde! Die Situation ist ja die: Es gibt sehr wertvolle Erkenntnisse aus der Journalismus- und Leserforschung: Was wollen Leser, welche Geschäftsmodelle funktionieren, welche nicht, was könnte man verbessern. Leider aber gibt es wenig Kontakt zwischen den Forschern und den Menschen in den Redaktionen und Verlagshäusern. Ich sehe meine Aufgabe darin, eine Brücke zwischen beiden Seiten zu bauen.

"Wirtschaftsjournalist": Womit wollen Sie überbrücken?

Alexandra Borchardt: Das Reuters Institute for the Study of Journalism ist ein Think Tank. Es ermöglicht Journalisten über Stipendien Forschungsprojekte. Gleichzeitig wird dort geforscht, und es organisiert Veranstaltungen mit Praktikern, die ihre Erfahrungen teilen. Mir schwebt vor, eine Art Executive Education aufzubauen, also keine Ausbildung für Berufsanfänger, sondern für Profis, denen der Qualitätsjournalismus am Herzen liegt. Die Frage ist: Wie bringen wir die Branche voran, und wie können wir den Platz sichern, den Qualitätsjournalismus in der Gesellschaft hat

"Wirtschaftsjournalist": Was ist denn Ihre Erfahrung als Journalistin, wo hakt es am meisten bei der Sicherung von Qualitätsjournalismus?

Alexandra Borchardt: Wenn wie in den USA in den letzten Jahren die Hälfte der gesamten Stellen im Journalismus wegfällt, dann stellt sich schon die Frage: Wie bewahrt man die Qualität in einer Branche, die derart massiv unter Druck ist? In vielen Häusern gelingt das nicht mehr. Das überregionale Geschäft wird immer durch Agenturen wie dpa oder Mantelredaktionen gewährleistet sein, aber wo bleibt die kritische Beobachtung von Lokalpolitikern und Organisationen, wenn überall Stellen abgebaut werden? Die zweite große Frage wird sein, wie wir die jungen Leser für - ich will jetzt nicht sagen, Zeitunglesen, das hört sich immer so altmodisch an, aber für Qualitätsjournalismus begeistern können? Wie bekommen wir sie dazu, ihn zu konsumieren, zu lesen, zu fühlen - und am Ende dafür zu bezahlen? 

"Wirtschaftsjournalist": Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von finanztip.de, spricht auch von Nachwuchsproblemen.

Alexandra Borchardt: Klar, die Gehälter sind zu schlecht! Wenn Sie in einer Stadt wie München als Berufsanfänger im Journalismus eine Familie ernähren wollen, ist das eigentlich unmöglich. Davor hat man aber Auslandserfahrung gesammelt, promoviert, war auf einer Journalistenschule oder hat volontiert, man ist Anfang 30 und steigt mit ein paar Tausend Euro brutto ein. Das geht nur mit einem Partner, der einen gut bezahlten Job hat

"Wirtschaftsjournalist": So kommen dann mehr Frauen in den Journalismus.

Alexandra Borchardt: Ja, das ist leider oft so. In Berufe, die unter Druck geraten, drängen Frauen hinein, weil sie dann bessere Chancen haben. Gleichzeitig sinken die Gehälter.

kress.de-Tipp: Das komplette Interview mit Alexandra Borchert lesen Sie im aktuellen "Wirtschaftsjournalist" (Ausgabe 2/2017). Die Zeitschrift gibt es im Newsroom-Shop, oder auch digital - als E-Paper im iKiosk. Der "Wirtschaftsjournalist" (Chefredakteurin: Susanne Lang, Herausgeber: Johann Oberauer) erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Hintergrund: Alexandra Borchardt, geb. 1966, hat Politikwissenschaften studiert und war nach ihrer Promotion zunächst als Dozentin in den USA tätig. 1994 volontierte sie bei der DPA und arbeitete dort im Anschluss im Wissenschafts- und Wirtschaftsressort. Von 2000 bis 2005 war sie in verschiedenen Positionen bei der Financial Times Deutschland, danach wechselte sie als Nachrichtenchefin Wirtschaftsredaktion zur Süddeutschen Zeitung. Seit 2011 ist sie dort Chefin vom Dienst. 2015 übernahm sie die Redaktionsleitung des Magazins "Plan W - Frauen verändern Wirtschaft". Borchardts Nachfolgerin bei "Plan W" wird Andrea Rexer.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.