Abstimmung mit geschlossenen Augen: Die neue Redaktionsorganisation

 

"JOURNALISMUS!" Die Paul-Josef-Raue-Kolumne fragt: Brauchen wir noch Chefredakteure? Noch regelmäßige Konferenzen? Welche Organisation ist überhaupt die zeitgemäße? Die digitale per Smartphone? Eines ist auf jeden Fall klar: Nichts ist mehr gewiss wie noch vor ein, zwei Jahrzehnten, als es feste Ressorts gab und den Newsdesk nur beim Boulevard - und die wichtigste Aufgabe des Chefredakteurs darin bestand, Konferenzen zu leiten und die Kollegen zu unterhalten.

Als sich ein paar Redakteure trafen, um das erste Heft von "Econy" zu planen, das heutige "Brand Eins", gab es in der Redaktion an der Brandstwiete 1 einen großen Raum und einen großen Tisch: Da passierte alles, reden und schreiben, Kaffee brühen und telefonieren. Gabriele Fischer, die Chefredakteurin, erinnerte sich in einem "Brand Eins"-Editorial: "Schließlich wollten wir unser Magazin gemeinsam entwickeln, alle an allem teilhaben lassen, Gruppenerlebnisse schaffen - das war modern, ein Signal, dass man die Zeichen der Zeit verstanden hat."

Zwei Jahre später war der Traum vom gemeinsamen Arbeiten ausgeträumt. Die "Brand Eins"-Redakteure hatten beim Umzug nur noch den Wunsch, wieder alleine in einem Büro arbeiten zu dürfen, sei es auch noch so klein. Das war das Ende des Großraums in Deutschlands Magazin, das auch nach 200 Ausgaben noch das lebendigste ist - und erfolgreich dazu.

Seit zwei Jahrzehnten tobt in vielen Redaktionen der Streit um Groß- und Kleinraum oft heftiger als der um die besten Themen und die erfolgreichste Strategie. Als die "Welt" in Berlin vor zehn Jahren wechselnde Arbeitsplätze im Großraum verordnete und die Putzfrauen nächtens alles Papier von den Schreibtischen räumten, war die Leidenschaft fürs Gruppenerlebnis endgültig erloschen.

Woher kam diese Nervosität oder auch Lust, sich anders zu organisieren, als die Altvorderen es jahrzehntelang praktiziert hatten? Zunehmend lösen sich die Ressorts auf, werden Synergien durch Gemeinschafts- und Zentralredaktionen geschaffen; die angelsächsische Organisation, die Blattmacher und Reporter trennt, übernehmen immer mehr Redaktionen. Und die besten in der Branche spüren, dass die mangelhafte Kommunikation mit den Lesern auch mit der mangelhaften Kommunikation in den Redaktionen zu tun hat; man sitzt zu oft zusammen in endlosen Konferenzen, die in Routine erstarrt sind und in denen unentwegt dieselben reden.

"Die meisten Chefredakteure sind zufrieden, wenn Konferenzen voll sind", zitiert "Das neue Handbuch des Journalismus" Christian Lindner, einen der besten deutschen Chefredakteure. "Die Anwesenheit zählt, Prozesse und Rituale - nicht der Inhalt." Der Stehtisch, sonst eher bei Partys bewährt, rückt nicht nur bei Nachrichtenagenturen ins Zentrum: Das "Stand-Up-Meeting" braucht viel weniger Zeit, kann spontan einberufen werden, kommt auch ohne Chef in Schwung und bringt schnell Ergebnisse.

Doch nach einem Jahrzehnt Newsdesk - in vielen Redaktionen nur ein großes Holzstück, mehr nicht - ist auch der Newsdesk im Großraum oft zum Ritual erstarrt: Einer, eine oder ein paar wenige reden, andere folgen. Was ist nun die perfekte Organisation? Großraum und Newsdesk haben Verkrustetes brüchig gemacht: Abschottung hilft nicht, Team hilft - das ist richtig, egal wie klein oder groß die Redakteure sitzen.

Das Experiment "Grüne Wochen" bei Gruner+Jahr beispielsweise wollte Anfang Mai neue Wege öffnen: Die Redaktionen waren zwei Wochen kopflos, verließen ihre Routine, diskutierten untereinander und entwickelten Neues - in Strategie, Themen und Organisation. Was passiert, wenn es ohne Chefredakteure läuft? Das interessiert auch das Management, das mit Staunen oder Kopfschütteln auf Funke-Magazine schaut, von denen einige ohne Chefredakteurinnen auskommen.

Recherchen zu Künstlicher Intelligenz standen an oder die Entwicklung moderner Arbeitsformen. "Die Stimmung ist einhellig", sagt G+J-Kommunikationschef Frank Thomsen,  "die Kraft der Ideen, das Suchen nach dem Neuen fanden alle erfrischend und motivierend. Jeder merkt, wie sehr das Haus G+J daraus Kraft schöpft."

Als "Capital" vor zwei Jahren eine Ausgabe ohne Chefredakteur produziert hatte, passierte nichts Bewegendes - bis auf eines: "Wir haben unsere Leser aufgerufen, Themenwünsche einzureichen - einen davon haben wir umgesetzt und die deutschen Regionalflughäfen unter die Lupe genommen", berichtete ein Redakteur. Das ist es: Je besser die interne Kommunikation, umso mehr kommt der Leser ins Spiel, wenn es gut läuft.

Die Chefredakteure verlassen ihr Team, bilden selber kleine Team, wandern herum und denken sich beispielsweise in ein G+J-Valley hinein. Da Kalifornien weit entfernt und teuer ist, bleiben die Chefredakteure im Lande und schauen sich um. Zudem sind auch Chefredakteure vorsichtig geworden: Wer weiß, wie lange man im Job bleibt nach der Rückkehr aus Paolo Alto? Der beste Chefredakteur ist ein sowieso ein wandernder, der weder in seinem Büro abgeschottet sitzt noch am Newsdesk wie ein Feldherr regiert.

Wie entsteht ein Artikel in einer der vor kurzem gegründeten Online-Redaktionen? "Mit einem Cappuccino in der Hand, den Laptop aufgeklappt, im Café sitzend. Irgendwo zwischen Berlin-Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Oder im stillen Kämmerlein allein zu Haus zu später Stunde auf die Eingebung wartend." So karikiert "Perspective Daily" die romantischen Vorstellungen von der Geburt einer Reportage.

In Wirklichkeit sitzt die Redaktion von Gründerin Maren Urner, gerade für den Grimme-Online-Award nominiert, in einem Gewerbegebiet von Münster. Einer ihrer täglich erscheinenden Artikel drehte sich um ihre Arbeit:

Sieben Phasen muss ein Artikel durchlaufen, festgehalten im Redaktionsplan, dem zentralen Dokument der Redaktion:

1. Pitch (mindestens drei Wochen vor Erscheinen) mit ausführlicher Vor-Recherche; mit geschlossenen Augen stimmen alle in der Redaktionskonferenz ab, ob die Idee für einen Artikel taugt; dreiTextbetreuer werden bestimmt: Pate, Paten-Präsident und Präsident;

2. Die Skelettphase mit intensiver Recherche, die zu einem "Textskelett" führt, das in Stichpunkten Form und Struktur des Artikels entwirft.

3. Die Schreibphase dauert durchschnittlich 55 (!) Stunden mit Redigieren durch die Paten und Absprachen mit dem Designer.

4. Die Präsidialphase. Die beiden Präsidenten kommentieren den Text, schicken ihn in den digitalen Ordner, besprechen alles mit dem Autor, der seinen Artikel so lange überarbeitet, bis alles okay ist.

5. Das Lektorat arbeitet in der Nacht und erwartet den Autor am nächsten Morgen.

6. Den Text 'setzen'. Der fertige Artikel wird in die PD-eigene Programmiersprache übersetzt, was künftig automatisiert geschehen soll. Fehlen noch die Überschrift und der Vorspann - die Elemente, die mit dem Bild darüber entscheiden, ob ein Leser den Text anklickt.

7. Veröffentlicht. Am Abend vor der Veröffentlichung überprüft der Schlusslektor noch einmal den Text. Um 4 Uhr morgens wird der Artikel für Frühaufsteher veröffentlicht.

"Sei Teil eines Journalismus, der fragt: Wie kann es weitergehen?", ist das "Perspective Daily"-Motto. Täglich nach dem Mittagsessen versammelt Maren Urner die Redaktion zum "Daily Meeting (DM)". Dabei kommen nicht nur die Autoren, sondern auch Designer, Programmierer, Community Manager und Praktikanten zusammen. Auch Gründer konferieren also eifrig und nutzen zusätzlich intensiv digitale Werkzeuge: Absprachen, Aufgaben und Anregungen organisiert "Perspective Daily" über "Glip", ein Chatroom, der alle im Team vernetzt mit Einzel- und Gruppen-Chats.

Intensiv auf Ortsunabhängigkeit setzt auch Julia Köberlein, Gründerin und Kreativdirektorin von derkontext.com: "Unsere Konferenzen halten wir meist virtuell, mit wenigen Ausnahmen, bei denen wir uns auch physisch treffen. Meist ist auch dann ein Mitarbeiter virtuell zugeschaltet. Für unsere Arbeit ist es nicht nötig an einem Ort zu sein. Diese Freiheit ermöglicht es uns auch mit Mitarbeitern zusammen zu arbeiten, die sich in anderen Städten oder Ländern aufhalten."

"Der Kontext" nutzt digitale Werkzeuge für die Organisation: Trello und Slack, das ähnlich wie Glip funktioniert. Julia Köberlein: "Um gemeinschaftlich schneller an Dokumenten zu arbeiten, nutzen wir die Angebote von Google."

Organisation mit Smartphone und digitalen Helfern zieht, wenn auch langsam, auch in Zeitungsredaktionen ein. Hendrik Groth, Chefredakteur der "Schwäbischen Zeitung", ist vornweg: Er hat Slack auf seinem Smartphone installiert, zeigte "Meedia" seinen Bildschirm und erklärte:

"Über Slack habe ich schnellen Kontakt zu meinen Redakteuren - in der Zentrale, in den Lokalredaktionen, in Stuttgart, in Berlin. Die App ist ideal, um auch von unterwegs auf dem Laufenden zu bleiben. Wir haben da zielgerichtet Themen- und Ressortkanäle angelegt."

Auch Jochen Voß, der Crossmedia-Producer der "heute-show", bedient sich der digitalen Werkzeuge, nutzt Slack und Wrike , aber macht klar: "Nichts ersetzt das persönliche Gespräch."

Und der Leser und Zuschauer? Gerät der wieder aus dem Blick? Für Julia Köberlein und "Der Kontext" steht der enge Kontakt mit Lesern schon bei der Planung im Vordergrund, um einerseits Probleme zu identifizieren und andererseits Lösungen zu überprüfen. 

Das müssen viele Redaktionen noch lernen - selbst bei perfekter digitaler Organisation.

Der Autor

Als Paul-Josef Raue (66) Newsdesk und Großraum in seinen Redaktionen einführte, waren fast alle Redakteure dagegen. Als man ausreichend Rückzugs-Räume, sogenannte "Mönchszellen", geschaffen hatte zum ruhigen Arbeiten und Telefonieren, wurde der Protest leiser. Raue war 35 Jahre lang Chefredakteur, zuletzt in Thüringen, davor in Braunschweig, Magdeburg, Frankfurt/Main und Marburg. Zusammen mit Wolf Schneider gibt er das Standard-Werk "Das neue Handbuch des Journalismus" heraus, das seit zwanzig Jahren, immer wieder überarbeitet, im Rowohlt-Verlag erscheint. Auf kress.de erschien die 20-teilige Serie "Journalismus der Zukunft". Sein Blog mit weit über tausend Einträgen: www.journalismus-handbuch.de Er berät heute Verlage, Redaktionen und speziell Lokalredaktionen und unterrichtet an Hochschulen.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.