Wenn der Krebs gnadenlos zuschlägt: Unvollendete Web-Notizen

 

"Plötzlich todkrank: Grenzerfahrungen junger Journalisten" lautete der Auftrag, mit dem sich unsere Autorin beschäftigen sollte. Einer ihrer Gesprächspartner: Joachim Frommherz von der "Badischen Zeitung". Ein zugesagtes Interview wird es aber nie geben, Frommherz verstarb am Montag.

Sein Blog wird kein Update mehr erfahren: Am Ende eines viel zu kurzen Lebens befasst sich der badische Lokaljournalist Joachim Frommherz mit gesellschaftlichen Tabu-Themen, gerade einmal zehn Einträge zählt der "Unvollendete Blog". Die beiden letzten Posts durfte er nicht mehr selbst verfassen. Der Tod ließ ihm dafür keine Zeit mehr.

Eintrag Nummer neun hat "jfz" nicht mehr freigeben können, der Eintrag datiert vom 13. Juni 2017; der Administrator hat ihm den Titel "Unvollendet" gegeben. Der Text darunter lautet lakonisch: "Am 12.06.2017 ist Joachim verstorben. Ruhe in Frieden, mein Freund."

Kurz darauf, am selben Tag, folgt noch ein Beitrag einer Freundin, Kollegin, Wegbegleiterin. Sie schreibt: "Wo eigentlich lustige Heiterkeit stehen sollte, ist heute kein Platz an dieser Stelle, denn einer meiner engsten Freunde hat sich heute auf seine letzte Reise begeben."

Joachim Frommherz, Lokaljournalist der "Badischen Zeitung", ist tot. Geboren am 4. Januar 1978, hat er im Alter von gerade einmal 39 Jahren diese Welt verlassen. Der Vollblut-Journalist und Lokalpatriot war nach seinem Volontariat beim "Schwarzwälder Boten" als Redakteur für Lokalredaktionen des "Schwabo" tätig. Im Jahr 2013 wechselte er zur "Badischen". Seine Leidenschaft für das Schreiben bewahrte er sich bis zuletzt.

"Viele von Ihnen werden ihn kennen, denn Joachim Frommherz war als Lokalredakteur bei der Badischen Zeitung im Hochschwarzwald für Sie im Einsatz. Als er vor gut zwei Jahren die Diagnose 'Krebs' erhielt, war für uns klar: 'Das schafft er'. Heute, viele Zusprüche später, wissen wir: Das Schicksal geht seinen Weg und macht auch vor denen nicht halt, die zu jung, zu agil, zu lustig und viel zu warmherzig sind, um uns hier alleine zu lassen". Das schreibt eine ehemalige Kollegin Frommherz' in ihrem bewegenden Beitrag. Wie lange sie sich beim Texten gequält hat, wissen wir nicht.

Rückblende: Als Joachim Frommherz die Gewissheit erhält, dass am Ende einer schweren Krankheit nicht Heilung, sondern Tod stehen würde, nimmt er Kraft und Mut zusammen und gründet ein Weblog, das diese Aussicht im Namen trägt: Er nennt ihn "Der unvollendete Blog".

Mitte April 2017 steht für Frommherz fest: Er wird einerseits bloggen, ein Buch schreiben, eine Stiftung gründen - sich aus sozialen Medien zurückziehen, um Kraft zu sparen, andererseits. Und so startet er seine neuen Projekte, mit Unterstützung von Freunden, Kollegen, Weggefährten. In seinem Blog, das er unter Aufbietung aller Kräfte vom Krankenbett aus pflegt, bespricht Frommherz Themen, die die meisten von uns gern vergessen, verdrängen oder gar nicht erst nicht wahrhaben wollen.

Fesselnd und erschreckend ehrlich beginnt er seinen ersten Eintrag am 21. April mit dem gesellschaftlich tabuisierten Thema 'Tod': "Uhhhh, wer wird denn gleich mit einem solchen Thema einen neuen Blog beginnen wollen?", schreibt Joachim - und liefert prompt die Antwort: "Ich. Naja, warum auch nicht? Schließlich denke ich sehr oft darüber nach. Verständlich, oder? Ich werde sterben. Das ist klar. Wann? Unklar. Ihr werdet übrigens auch sterben. Habt Ihr Euch darüber schon einmal Gedanken gemacht? Bestimmt. Und, habt ihr Angst davor? Ich nicht. Nicht vor dem Tod an sich. Den stelle ich mir befreiend, ungezwungen und leicht vor. Irgendwie schwebend. Denn ich habe es schon mal erlebt. Sogar mehrmals. Zumindest stelle ich es mir so vor, wie ich es erlebt habe."

Anschließend beschreibt er Nahtod-Erfahrungen, die befreiend auf ihn gewirkt haben, die - im wahrsten Sinne des Wortes - Todesangst gemildert, wenn nicht sogar genommen haben.

In einem weiteren Eintrag, nur einen Tag später, beschreibt Joachim Frommherz schonungslos seinen "existenziellen Neid": "Bis dieser zutage tritt, dauert es", schreibt er. "Und es ist brutal, ja es zieht einen quasi nackt aus, sodass man wirklich mal lernt, was es heißt, sich zu schämen. So richtig in Grund und Boden. Ich dachte immer, ich stünde über dem Neid, hätte ihn im Griff. Pustekuchen. Ich undankbarer, anmaßender Mensch. Ein anderes Urteil fällt mir nicht ein. Es ist eigentlich zu milde. Allerdings: Ich habe es akzeptiert." In weiteren Beiträgen vermerkt Frommherz fest, wie er Lügen im weltlichen Kontext einordnet, wie weiter an Leiden und Aufgaben wächst und schließlich seinen Frieden mit der Welt macht.

Das viel zu kurze Leben des Joachim Frommherz lässt ihm keine Zeit mehr, sein Buch zu schreiben und die Stiftung zu gründen. Sein Blog bleibt, wie angekündigt, unvollendet.

Die Autorin hat Joachim Frommherz persönlich gekannt. Der Kontakt war lose.

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