Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel: Wie sich der Lokaljournalismus ändern muss

15.06.2017
 
 

"Wer gehört werden will, der muss sich auch hörbar ausdrücken, muss herausstechen aus dem Ozean der Wörter. Stil und Sprache im Lokaljournalismus sind manchmal so erwartbar wie Nonnen im Kloster", schreibt Theodor-Wolff-Preisträger Benjamin Piel. In seinem Debattenbeitrag nennt der Redaktionsleiter der im Wendland erscheinenden "Elbe-Jeetzel-Zeitung" fünf Punkte, die jede Lokalzeitung erfüllen muss, damit sie nicht ungelesen "verendet". Was sagen Sie?

Relevanz. Das klingt einfach, eindeutig, klar. Doch nichts ist klar. Die Zeiten, in denen unanzweifelbar war, was relevant ist und was nicht, sind vorbei. Die moderne Gesellschaft hat sich aufgefächert wie tausend Pfauenschwänze. In hundert Graustufen zwischen links, rechts, Mitte und Extreme, in unzählige Interessen und Freizeitbeschäftigungen und Berufe und Neigungen und Hobbys und Haltungen, hat sich unüberschaubar fein verästelt in ebenso unüberschaubar viele Lebensstile. Millionen Welten sind in der Welt, die einander kaum berühren, kaum kennen, kaum überschneiden.

Früher zählte der Schützenverein auf dem Lande für alle viel. Der Schützenkönig war ein Held für ein Fest. Heute sehen das einige noch immer so, andere verabscheuen die Schützenbrüder, vielen sind sie egal. Was den einen heilig ist, ist den anderen schnurz. Das simple Beispiel zeigt: Unumstößliche Relevanz, von allen als solche geteilt und akzeptiert, gibt es nicht mehr.

Für Lokalmedien ist das Problem, Herausforderung und Chance zugleich. Ein Problem, weil es unendlich schwerer, vielleicht unmöglich ist, die Komplexität und Vielfalt eines lokalen Raums angemessen auf dem endlichen Platz des Printprodukts abzubilden und selbst die unendliche Weite des Digitalen nicht reicht, um die Welt zu fassen. Eine Herausforderung, weil dieser Zustand in Motivation münden sollte. Eine Chance, weil die gegen Unendlich tendierende Komplexität der Welt nicht nur Journalisten belastet, sondern auch alle anderen, die sich wünschen, das Um-sie-Herum besser zu verstehen, es einordnen zu können. Die Stunde der Verwirrung ist die Stunde des Journalismus. Und diese Stunde ist jetzt.

Dass eine allgemeingültige Relevanz zu einer Unmöglichkeit geworden ist, bedeutet nicht, dass Irrelevanz zu existierten aufgehört hat. Im Gegenteil: Der Facettenreichtum der Welt ist für den Lokaljournalismus Anlass sich teils auf alte Werte, teils auf gutes Handwerk zu besinnen, teils neue Wege zu gehen. Vor allem aber: die Wege zu verlassen, die nie ans Ziel geführt haben, die über die Jahre aber von Irrwegen zu Autobahnen ausgebaut wurden, weil auf ihnen unterwegs zu sein zielgerichtet zu sein schien. In Wahrheit führten und führen diese Abwege ins Zentrum der Irrelevanz und mithin in die Hölle. Wer eine Zeitung voller Kindergarten-Themen macht - und ja, ich kenne solche Produkte -, der ist auch relevant: für 54 Kinder und vier Erzieherinnen. Der Rest gähnt.

Fünf Punkte will ich nennen, die nicht nur bei der "Elbe-Jeetzel-Zeitung", sondern in jeder Lokalzeitung Deutschlands erfüllt sein müssen, um nicht ungelesen zu verenden. Es sind Selbstverständlichkeiten, die nicht selbstverständlich sind.

Fünf Thesen für einen modernen Lokaljournalismus

1. Journalisten sind gerade im Lokalen Paria der Gesellschaft. Sie sind da, sie existieren, sie sind anwesend. Aber sie gehören nirgends dazu, sie leben Nähe und Distanz zugleich, sie haben Freunde, aber über die schreiben sie nicht und also sind die, über die sie schreiben, nicht ihre Freunde. Sie kuscheln nicht mit Landräten, sind keine Mitglieder von Parteien, sie duzen nicht den Bürgermeister und treiben sich nicht liebend gern in der sonnigen Nähe der Mächtigen herum, weil es dort so wohlig warm ist. Journalisten stehen den Schwachen nah, nicht den Starken. Journalisten hinterfragen das Handeln der Gewählten, sie beobachten das Wirken der Geschäftsleute, sie suchen nicht das Haar in der Suppe, aber wenn ein Haarbüschel im Rachen steckt, dann schlucken sie ihn nicht runter wie Trüffelpasta. Ein Lokaljournalist kann mit der Ungerechtigkeit in seinem Umfeld nicht leben wie in einer Villa. Er lebt mit der Ungerechtigkeit wie mit einem löchrigen Dach: Dagegen muss man etwas tun. Die Ungerechtigkeit ist überall und also ist sie überall zu schildern. Wer danach lebt, hat zwar nicht die Garantie, dass das journalistische Ergebnis dieser Haltung für einen hohen Anteil der Leser von Relevanz ist, er hat aber die Gewissheit, dass er nichts komplett Irrelevantes produziert.

2. Journalisten sind keine Pfarrer. Sie stehen nicht auf der Kanzel und predigen leeren Kirchenbänken entgegen. Journalisten befinden sich bestenfalls in einem dynamischen Prozess des Austausches mit den Menschen - nicht nur mit den Lesern, denn gerade ein Austausch mit Nichtlesern kann hilfreich sein. Nur wer mit den Menschen spricht, hört, wo ihnen der Schuh drückt, wo ihnen das Hemd zu eng und die Hose zu weit sind. Er hört, worüber Menschen sich freuen, was sie bewegt, was sie ärgert, was sie kämpfen lässt. Zuhören ist im Lokaljournalismus wichtiger als dozieren. Wer den Menschen neugierig folgt, der steht weniger in der Gefahr Irrelevantes zu liefern als jemand, der nichts kennt als seine eigene Befindlichkeit.

3. Es hilft, die Frage zu stellen, was ein Thema für die Lebenswirklichkeit der Menschen bedeutet. Wer Bilanzzahlen eines lokalen Unternehmens herunterbetet, ohne Ziel, ohne einzuordnen, ohne eine Geschichte oder Analyse, der könnte sein lassen, was er tut, ohne dass das etwas ändern würde. Stellt sich ein Journalist dagegen die Frage, inwiefern ein Thema möglichst viele Menschen berühren könnte, dann lässt er das Thema entweder bleiben oder fokussiert es so, dass es einen direkten Bezug zum Leben hat. Was haben die Menschen davon? Inwiefern haben sie darunter zu leiden? Was ändert es für sie? Diese Fragen zu stellen, schützt vor dem Versacken in der Langeweile und in dem dumpfen Gefühl bei den Konsumenten, dass in den Medien nicht ihre Welt geschildert ist, sondern irgendetwas, das sie weder angeht noch interessiert.

4. Termine sind das Gift des Lokaljournalismus. Redaktionen, die von Termin zu Termin hetzen, hetzen von einer Mittelmäßigkeit in die nächste. Ganz ohne Termine geht es nicht, nein. Aber die großen Geschichten entstehen nicht auf Pressekonferenzen, sondern haben ihren Ursprung in einem Gespräch auf dem Redaktionsflur, einem aufgeschnappten Satz in der Kneipe oder einem Hinweis eines Informanten. Dass gar nicht so wenige Journalisten scharf auf Termine sind, liegt daran, dass sie bequem sind. Doch wer es gemütlich haben will, der kann nichts als Irrelevantes produzieren.

5. Wer gehört werden will, der muss sich auch hörbar ausdrücken, muss herausstechen aus dem Ozean der Wörter. Stil und Sprache im Lokaljournalismus sind manchmal so erwartbar wie Nonnen im Kloster. Da überrascht nichts, da ist alles Schematisch, angepasst, genormt, immer gleich. Da fehlen Geschichten mit einer Sprache, die hängen bleibt, mit Ankersätzen, die tatsächlich vor Anker gehen in den Köpfen der Rezipienten, da gibt es keine Dramaturgie. Stattdessen ist alles plattgebügelt wie gemangelte Bettwäsche. Wer so schreibt, der muss sich nicht wundern, wenn niemand aufhorcht.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Eines haben alle genannten und nicht genannten Punkte gemein: Lokaljournalismus ist nicht Kaninchenzüchterverein, sondern harte Arbeit, Disziplin, Beharrlichkeit, Standfestigkeit, Zähigkeit. Und dann: wenigstens nicht irrelevant.

Autor: Benjamin Piel

kress.de-Debatte: Was sagen Sie? Hat Benjamin Piel recht? Oder ist das, was Piel da fordert, heute schon Alltag in den Redaktionen oder überhaupt nicht möglich? Ihre Meinung interessiert uns! Gerne können Sie den Artikel hier direkt kommentieren oder uns eine Email mit Ihrer Einordnung an chefredaktion@newsroom.de zusenden!

Hinweis: Der Beitrag ist zuerst im "Trends-Magazin" des Verbands Deutscher Lokalzeitungen erschienen.

 

Ihre Kommentare
Kopf
Wolfgang Ferencak

Wolfgang Ferencak

EMC Medienberatung / MS One Radiogroup
Geschäftsführer

15.06.2017
!

Sehr schön, diese Regeln gelten übrigens nicht nur für Printjournalisten, sondern für jeden der journalistisch tätig ist. Leider ist vieles von dem angeführten, in den vergangenen Jahren in Folge von steigendem Kostendruck, Personalabbau und mangelhafter Ausbildung verloren gegangen.


Sven Jachmann

15.06.2017
!

Vieles davon ist richtig und alles, was hier beschrieben wird, hat man Haltung zu tun und nicht mit Kostenzwängen. Ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: "Journalisten suchen nicht das Haar in der Suppe." Der Journalismus muss endlich mit seiner destruktiven Art aufhören. Der Satz: Bad News are Good News ist schlichtweg falsch. Der Journalismus muss kritisch hinterfragen, aber es ist auch nicht so schlecht, wenn er inspiriert. Durch Sprache, durch Geschichten, durch Menschen, die er trifft.


Rüdiger Gramsch

15.06.2017
!

Die Thesen von Herrn Piel dürfen die (Lokal-)Redaktionen gerne beherzigen. Leider verhindert journalistische Qualität (wie man sie auch immer definiert) nicht, dass die Leser- bzw. Abonnentenzahl weiter zurückgeht. Das Problem ist eher, dass die Zeitung z. B. immer noch Medium für alle Altersschichten sein will.


Sven Jachmann

16.06.2017
!

Vieles davon ist richtig und alles, was hier beschrieben wird, hat man Haltung zu tun und nicht mit Kostenzwängen. Ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: "Journalisten suchen nicht das Haar in der Suppe." Der Journalismus muss endlich mit seiner destruktiven Art aufhören. Der Satz: Bad News are Good News ist schlichtweg falsch. Der Journalismus muss kritisch hinterfragen, aber es ist auch nicht so schlecht, wenn er inspiriert. Durch Sprache, durch Geschichten, durch Menschen, die er trifft.


Dirk Lübke

17.06.2017
!

Lieber Herr Piel, wir stecken mittendrin. Kommen Sie zu uns nach Mannheim und helfen mit bei der Umsetzung. Herzliche Grüße.


Spitze_Feder

30.06.2017
!

"Aber die großen Geschichten entstehen nicht auf Pressekonferenzen". Das kann man als Lokaljournalist so nicht stehen lassen, auch wenn das berühmte Gegenbeispiel (Günter Schabowski zur Öffnung der Mauer) neben der lokalen natürlich weltweite Bedeutung hatte. Große Geschichten entstehen auch auf Pressekonferenzen dann, wenn man die richtigen Fragen stellt. Wenn man sein lokales Terrain ein bisschen kennt, also Erfahrung hat, spürt man, bei welchem Termin man auf eine Geschichte stoßen kann.


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