Alf Frommer über Borderline-Content-Marketing: Mario Gomez sein Slim-Fit-Anzug

18.06.2017
 
 

Am Freitag machte das Interview einer bekannten Modefirma mit dem deutschen Nationalspieler Mario Gomez die Runde. Nicht, weil es so unglaublich erhellend war oder Gomez ein besonders Geheimnis verriet. Nein, die Interviewerin hatte schlichtweg vergessen, die letzte Antwort zu texten. Eine Einordnung von Alf Frommer.

Auf die letzte Frage "Welches ist dein Lieblingsteil aus der Kollektion?" stand statt einer Antwort nur die Erinnerung "Slim Fit Anzug aus der neue Kollektion angeben". Jetzt werden einige sagen: der Slim-Fit-Anzug der Marke ist wirklich sehr schön, weniger schön ist aber, dass der ganze Auszug des Interviews die Probleme des heutigen Content Marketings zeigt.

Zunächst einmal: wie kann so was passieren? Wahrscheinlich war es einfach ein menschlicher Fehler. In der Hektik musste das Interview schnell fertig gestellt werden und niemandem ist am Ende aufgefallen, dass die letzte Antwort eigentlich keine war. Wahrscheinlich hat auch niemand ein echtes Interview geführt, sondern einfach einen fiktiven Dialog geschrieben, der dann von den Beratern des Nationalspielers freigegeben wurde. Schnell und billig produzierter Content ohne Herzblut oder wirklichem Interesse an Inhalt oder dem Gegenüber.

Hauptsache, man hatte am Ende die Leere der eigenen Webseite mit einem leeren Interview gefüllt.

Ein Wunder, dass der Fauxpas überhaupt auffiel, denn wer hat bei dem "Interview" wirklich bis zum Ende durchgehalten?

Das ganze Werk ist eine Aneinanderreihung von nichtsfragenden Fragen und nichtssagenden Antworten. Langweilig und wie selbst zusammengeschrieben. Ein Tom Kummer - sie erinnern sich: der Mann, der sich super Interviews selbst ausdachte - hätte seine wahre Freude daran gehabt.

Oder eigentlich nicht: denn Tom Kummer schuf mit seinen Fake-Interviews wenigstens noch Scoops, die keine waren. Sie lasen sich besser, als die Statements von Stars, die durch die PR-Maschine ihrer Berater gegangen waren. Leider waren sie zu schön um wahr zu sein. Er selbst nannte das "Borderline-Journalismus".

Dieses so genannte Interview hier strotzt dagegen vor wahnsinniger Langeweile - oder nennen wir dieses zusammengebastelte Stück nicht besser "Borderline-Contentmarketing"? Wer will das lesen? Dabei hätte man so schöne ausgedachte Antworten schreiben können.

Vielleicht nicht so übertrieben wie bei Herrn Kummer, aber wenigstens so, dass es sich nicht liest, wie eine seelenlose Presseinformation in Interview-Form. Hätte man nicht die letzte Antwort einfach vergessen - Hand aufs Herz: es hätte niemanden interessiert. Und genau da sind wir beim wirklichen Problem: Es wird unglaublich viel Content produziert, der zurecht sofort in Vergessenheit gerät. Alle möglichen Unternehmen meinen heutzutage, sie müssten Inhalten auf Teufel komm raus produzieren.

Content ist inflationär und oft ohne Relevanz. Content ist zum Selbstzweck verkommen. Hauptsache er ist da. Dabei kann Content wirklich faszinieren oder Informationen vermitteln. Er kann das Image einer Marke stärken ohne aufdringlich oder langweilig zu sein. Viele Kundenmagazine von Unternehmen haben heute eine höhere journalistische Qualität, als Magazine im Pressekiosk. Hier arbeiten hervorragende Journalisten im Auftrag von Firmen und schreiben mitreißende Artikel oder führen wirklich interessante Interviews. Natürlich ist das kein Investigativ-Journalismus, aber die Wertigkeit der Informationsvermittlung ist allemal höher, als vieles, was man in 0,59€ Heftchen ertragen muss.

Aber vielleicht war das Interview ja gar kein Content-Marketing, sondern ganz geschicktes virales Marketing. Die Antwort wurde schlicht bewusst vergessen, denn bei den korrekten Deutschen fällt vor allem eins immer sofort auf: ein Fehler. Und der wird gerne voller Schadenfreude geteilt. Tja: Und schon reden alle über dieses eigentlich profane Interview. Ziel erreicht.

Alf Frommer

 

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